Montag , 5. Dezember 2022
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Ulrich Mädge (r.) im Gespräch mit Werner Kolbe im LZ-Studio. (Foto: t&w)

Ein Ticket für zwölf Stunden

Fragen über Fragen unserer Leserinnen und Leser an den Oberbürgermeister - Ulrich Mädge beantwortete sie in einem Interview. Damit Lüneburg in einem Modellversuch eine "Sichere Zone"ausweisen kann, setzt der OB vor allem auf noch mehr Teststationen und die Luca-App. Noch ist nicht klar,  welche Geschäfte und Gastronomiebetriebe mitmachen wollen.

Lüneburg. Lüneburg wird zur Modellkommune. Wenn nicht das Land noch den ganzen Versuch abbläst, darf die Hansestadt wie elf weitere Orte in Niedersachsen am Projekt „Sicheres Öffnen“ teilnehmen, das am kommenden Donnerstag, 15. April, in der Innenstadt starten soll. Oberbürgermeister Ulrich Mädge beantwortet im Interview mit LZ-Redakteur Werner Kolbe die Fragen unserer Leserinnen und Leser.

Herr Mädge, jedem Bürger steht ein kostenloser Test in der Woche zu. Bedeutet das, dass man zukünftig nur noch einmal in der Woche in die Geschäfte darf?

Ulrich Mädge: In der Verordnung steht, dass jeder Bürger mindestens einmal in der Woche einen Anspruch auf eine Testung hat. Man kann sich aber auch öfter testen lassen. In den Testzentren wird nicht registriert, wer wie oft kommt. Wenn man dort hinkommt, hat man Anspruch darauf, getestet zu werden.

Reichen die Testkapazitäten für das Vorhaben aus?

Wir haben gemerkt, dass die bisherigen Testzentren an den Sülzwiesen und im Glockenhaus nicht ausreichen. Deshalb haben wir nun vier weitere vorgesehen, auf dem Bahnhofsvorplatz, auf dem Marienplatz, am Reichenbachplatz und auf dem ehemaligen Exerzierplatz an der Konrad-Zuse-Allee. Dort werden wir einen weiteren Drive-In für Autos, Radfahrer und Fußgänger einrichten. Bei Bedarf können wir noch mehr Stationen organisieren. Darüber hinaus gibt es auch Apotheken und Ärzte, die Tests anbieten. Allerdings ist das immer auch eine Frage des Personals. Wer gerne ehrenamtlich dabei sein und mithelfen möchte, meldet sich am besten beim ASB. Wir füllen das mit Hauptamtlichen auf. Ich denke, dass wir 3000 bis 5000 Testungen pro Tag schaffen können.

Wieviel Personal wird insgesamt benötigt?

Wenn Sie hochrechnen, dass in jeder Teststraße ungefähr drei bis fünf Personen arbeiten und Sie von einem Zweischichtbetrieb ausgehen, dann haben Sie etwa zehn Personen pro Teststraße. Teilweise gibt es zwei davon, zum Beispiel auf den Sülzwiesen, dann brauchen Sie 20 Leute. Und manche wollen auch nur zwei Stunden arbeiten, andere vier oder acht. Wir können also davon ausgehen, dass insgesamt über 100 Menschen dort unterwegs sind.

ASB und DRK sind ja in dieser Zeit unverzichtbare Helfer. Gibt es seitens der Stadt und des Landkreises Überlegungen, ihnen eine höhere Aufwandsentschädigung zu zahlen?

Wir werden das mit den beiden Verbänden natürlich besprechen. Das war bei jedem Einsatz Standard und unser Grundsatz, und das werden wir auch diesmal so machen. Wir schätzen den Einsatz dieser beiden Verbände sehr, die ja auch im Impfzentrum unterwegs sind.

Warum werden bei Kita und Krippenkindern keine Corona-Tests durchgeführt, obwohl die Testkapazitäten organisiert werden können?

Das hat etwas mit dem Alter der Kinder zu tun. Der Kultusminister sagt, es gibt noch keine Tests für die Altersgruppe bis sieben Jahre. Sowie diese Tests zur Verfügung stehen, wird er sicherlich auch eine Entscheidung für die Kitas treffen. Bisher können wir nur den Erzieherinnen und Erziehern anbieten, sich mindestens zweimal die Woche testen zu lassen.

Wenn jemand mit Covid infiziert war, schlägt ein Test im Zentrum möglicherweise noch über Wochen oder Monate positiv aus. Müssen diese Menschen dann auch wieder in Quarantäne?

Ja, mit jedem positiven Testergebnis wird gleich umgegangen. Zunächst folgt die Meldung an das Gesundheitsamt, dann muss ein PCR-Test erfolgen, und bis die Auswertung dieses Tests vorliegt, sollte sich die Person nach Hause begeben und so weit wie möglich Abstand halten von den Familienmitgliedern. Wenn auch der PCR-Test positiv war, erfolgen die üblichen Nachverfolgungs- und Quarantäneregeln, die der Landkreis und der Bund vorgegeben haben.

Das Modellprojekt soll mit einem Tagesticket funktionieren. Ist dieses Tagesticket personalisiert und fälschungssicher?

Es wird mit Vor- und Zuname personalisiert, sowie mit dem Datum versehen. Schließlich ist es auch nur 12 Stunden gültig. Das Datum steht auf dem gleichen Formular wie das Testergebnis, und die Identität wird mit einem Ausweisdokument an der Ausgabestelle für die Tagestickets überprüft. Ganz fälschungssicher ist es aber nicht, das ist klar.

Ist ein Zweitwohnsitz im Landkreis Lüneburg ausreichend, um ein Tagesticket zu bekommen?

Nein, ein Zweitwohnsitz ist eher schwierig. Bei der Station muss man sich ausweisen, und es gilt der Wohnort, der in dem Ausweispapier eingetragen ist.

Wie und wo erhalten Menschen, die bereits einen kompletten Impfschutz haben, ab 15. April ein Tagesticket? Oder reicht der gelbe Ausweis als Nachweis?

Auch der, der geimpft ist, muss sich entsprechend testen lassen, bis auf Bundesebene beschlossen wird, dass es Vorteile für Geimpfte gibt. Dafür wären wir alle sehr dankbar, aber das können wir hier vor Ort nicht entscheiden.

Kommen wir zur Luca-App. Warum wird die Luca App nicht für ganz Lüneburg zur Verfügung gestellt?

Wird sie. Das Land hat die Lizenz insgesamt erworben, muss sie aber in Unterlizenzen vergeben. Das geht nicht so schnell, wie manche sich das gedacht haben. Wir wollen, dass in Zukunft alle Geschäfte mit der Luca-App arbeiten. Ob sie ein Lebensmittelbetrieb sind, eine Bücherei oder eben Teil des Modellversuches sind. Dann kann der Landkreis die Kontakte viel leichter nachverfolgen, und das ist ja das Entscheidende dabei.

Wie sieht die Verbindung zwischen Luca-App und Gesundheitsamt aus?

Die Infektionsmeldung erfolgt an das Gesundheitsamt, dieses informiert die betroffene Person. Die wiederum gibt in der Luca-App eine TAN-Nummer ein und gibt damit die Information frei, wo sie in den letzten 14 Tagen eingecheckt hat. Diese Orte werden dann vom Gesundheitsamt des Landkreises kontaktiert und müssen die zeitlich relevanten Check-Ins anderer Gäste über das lokale System freigeben.

Es gibt auch Bedenken, dass die Luca-App nicht mit der Datenschutzgrundverordnung konform ist. Warum wird nicht die Modifikation der bestehenden Corona Warn-App verwendet?

Soweit wir wissen, ist die Luca-App konform mit der Datenschutzgrundverordnung. Da gibt es wie immer viele Experten und viele Meinungen. Der Handel fordert seit drei oder vier Wochen die Einführung dieser App, Mecklenburg-Vorpommern nutzt sie, Tübingen auch. Deshalb hat sich das Land Niedersachsen entschieden, die Luca-App zu beschaffen.

Spannend ist es ja auch für Menschen, die kein Smartphone besitzen. Müssen sie auf den Luca-Schlüsselanhänger warten?

Es gibt diese Schlüsselanhänger, die produziert werden für Menschen, die eben kein Smartphone besitzen. Und die wollen wir auch beschaffen, aber leider sind sie ausverkauft. In Ausnahmefällen – wenn kein Smartphone vorhanden ist – können die Daten schriftlich erfasst werden.

Müssen sich Anwohner der „Sicheren Zone“ ebenfalls täglich testen?

Nein. Die Innenstadt darf auch ohne Tagesticket betreten werden. Wer dort wohnt, muss keinen Ausweis haben und muss sich auch nicht testen lassen, sondern nur die, die zum Einkaufen kommen. Die Märkte, die bisher ohne Termin geöffnet waren, können auch weiterhin ohne Tagesticket besucht werden.

Also benötigt man auch kein Tagesticket, um zu seinem Arbeitsplatz in der Innenstadt zu kommen?

Grundsätzlich nicht, es sei denn, man ist Mitarbeiter in einem Geschäft, das an dem Projekt teilnimmt. Denn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen sich ja jeden Tag testen lassen.

Wie werden die Mitarbeiter denn getestet, wenn die Test-Stationen erst um 10 Uhr öffnen?

Wir haben uns Donnerstag nochmal nach Rücksprache mit den Beteiligten darauf geeinigt, dass das Glockenhaus ab 8 Uhr geöffnet ist. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können dann vorher dorthin gehen, sodass die Geschäftsöffnung ab 9 Uhr möglich ist. Und es gibt auch einige Unternehmen, die das selber mit einer Apotheke, einem Arzt um die Ecke oder mit eigenem Personal organisieren.

Welche Läden werden sich beteiligen?

Wir sind noch in dem Beteiligungsprozess. Die Gastronomie ist wegen des Wetters noch etwas zurückhaltend, weil sie ja nur Außengastronomie machen darf. Und bei den Geschäften sind manche auch noch in der Findungsphase. Man wird das dann an einem Plakat mit der Luca-App erkennen.

Wenn sowohl Mitarbeiter als auch Gäste und Kunden negativ getestet sind, warum darf dann die Gastronomie nicht vollständig geöffnet werden?

Das ist in der Landesverordnung so geregelt, aber wir haben diese Frage auch schon an das Land herangetragen. Ihre Begründung ist, dass man sich in der Gastronomie doch näher zusammensetzt und die Abstände nicht unbedingt einhält. Und deswegen wollen sie hier erst einmal nur mit der Außengastronomie arbeiten. Der To-Go Bereich kann aber weiterlaufen. Beide Bereiche müssen dann räumlich getrennt sein.

Unter welchen Umständen, zum Beispiel Inzidenzwert, Infektionszahlen, Beschwerden oder fehlender Umsatz, wird das Projekt abgebrochen?

In der niedersächsischen Corona-Verordnung steht ganz klar, dass das Modellprojekt zu beenden ist, wenn in dem betreffenden Landkreis die 7-Tage-Inzidenz an drei aufeinanderfolgenden Tagen mehr als 200 beträgt. Es sei denn, diese Überschreitung ist ausschließlich auf bestimmte Testungen zurückzuführen oder auf eine bestimmte Infektionsquelle.

Wird der Modellversuch wissenschaftlich begleitet? Und erfolgt eine Veröffentlichung der Ergebnisse?

Wir sind mit den anderen Städten, die teilnehmen, und denen, die noch dazukommen, im Gespräch, um eine gemeinsame wissenschaftliche Begleitung zu organisieren. Das heißt, dass möglichst eines oder zwei wissenschaftliche Institute in Niedersachsen das Modell nach einem einheitlichen wissenschaftlichen Programm prüfen. Das, was abgefragt wird, wird gemeinschaftlich festgelegt, sodass das Projekt zwischen den Städten vergleichbar ist. Noch ist aber nicht abschließend geklärt, welche Hochschulen diesen Auftrag bekommen.

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