Samstag , 3. Dezember 2022
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Tatort Wald: Knapp 32 Jahre nach den Göhrde-Morden ist der Fall formal wieder ein Cold Case unter vielen. Die Ermittlungsgruppe ist aufgelöst. Die Polizei betont, dass sich an der Ermittlungstiefe im Fall Göhrde aber nichts ändere. (Foto: Feuerriegel)

Göhrde-Morde nun ein kalter Fall

Bleiben die Göhrde-Morde von 1989 für immer unaufgeklärt? Der Chef-Ermittler arbeitet jetzt in Lachendorf, die Ermittlungsgruppe ist aufgelöst. Doch die Polizeidirektion Lüneburg will den "Cold Case" nicht aus dem Blick verlieren. 

Röthen. Das Aus der Ermittlungsgruppe Göhrde und die weiteren Arbeiten an dem spektakulären Kriminalfall führen „weder zu einer Änderung an der kriminaltaktischen Ausrichtung noch an der Ermittlungstiefe“. Mit diesen Worten weist die Polizeidirektion Lüneburg den Eindruck zurück, dass die Ermittlungen zu den nach wie vor ungeklärten Göhrde-Morden von 1989 an einem vorläufigen Endpunkt angekommen sein könnten. Die weitere Bearbeitung im Sachgebiet Cold Case beinhalte „sowohl das sogenannte Controlling aller vorhandenen und recherchierbaren Altakten als auch aktuell initiierte Ermittlungsarbeiten“, so die Polizeidirektion: „Die Ermittlungen in den sogenannten Göhrde-Morden werden weiterhin mit hohem Engagement betrieben.“

Keine Änderung der Ermittlungstiefe

Doch daran kann es Zweifel geben. Denn die Polizeidirektion hatte nicht nur die Ermittlungsgruppe Göhrde vor Kurzem aufgelöst und sie in das Sachgebiet Cold Case eingegliedert. Fast zeitgleich hat sie zudem den bisherigen Chef-Ermittler der Göhrde-Gruppe, Jürgen Schubbert, in den Landkreis Celle versetzt. Der hatte zuvor gerichtlich erstritten, seinen Ruhestand hinausschieben zu dürfen. Er wollte zu den Göhrde-Morden weiter ermitteln. Die Göhrde-Morde sind damit formal bloß noch ein Fall unter vielen, und der Mann mit dem meisten Wissen ist weg. Frage an die Polizeidirektion: Sollen die ungeklärten Göhrde-Morde auf diesem Weg womöglich einfach nur abgewickelt werden?

Die Polizeidirektion betont, dass sie den Verdächtigen Kurt-Werner Wichmann weiterhin für den Göhrde-Mörder hält. Sie räumt allerdings auch ein, dass unter dem Begriff Cold Case in der Regel ein zurückliegendes und „bisher nicht aufgeklärtes Kapitaldelikt“ verstanden wird. Die geänderte Bezeichnung ändere nichts an der Ermittlungstiefe, heißt es aus Lüneburg.

Kein freier Dienstposten für Jürgen Schubbert

Innerhalb des Sachgebietes Cold Case seien insgesamt sechs Kräfte mit der Aufarbeitung beschäftigt. Dort bestehe allerdings „kein geeigneter freier Dienstposten, der mit Herrn Schubbert besetzt werden könnte“. Jedenfalls entspreche „die Einschätzung, dass die sogenannten Göhrde-Morde jetzt einfach abgewickelt werden, nicht den Tatsachen“. Neben der aufwendigen kriminalistischen Analyse und möglicher forensischer Untersuchungen vorhandener und zugeflossener Asservate müsse auch die „beweissichere Aktenführung“ beachtet werden.

Die Ermittlungsgruppe Göhrde entstand im März 2017. Zuletzt trat man bei den Ermittlungen offenbar auf der Stelle. Die Sondergruppe schaffte es in den rund vier Jahren ihrer Arbeit nicht, den Verdacht gegen den ehemaligen Friedhofsgärtner Kurt-Werner Wichmann aus Lüneburg, der sich 1993 das Leben nahm, zu unterfüttern oder ihn gar mit einem handfesten Beweis als Göhrde-Mörder zu fixieren. Nach wie vor gibt es keine Zeugen. Kein Geständnis. Kein Motiv. Keine Tatwaffe. Es gibt keine DNA des Verdächtigen am Tatort. Es liegt keine geschlossene Indizienkette vor. Dass die Akte jetzt in einen Stapel mit vielen anderen ungelösten Fällen einsortiert wird, kommt womöglich nicht von ungefähr.

Wie war die DNA in den Wagen gelangt?

Zur Erinnerung: Im Frühjahr 2017 hatten die Ermittler in einem der Autos der Göhrde-Opfer, mit denen der Täter geflüchtet sein soll, eine DNA-Spur dem Verdächtigen zuordnen können. Das war eine elektrisierende Wende in einem eingeschlafenen Fall. Erstmals hatte die Polizei eine heiße Spur, einen Tatverdächtigen. Der war schon im Visier wegen eines anderen Falls: Kurz nach den Göhrde-Morden im Sommer 1989 war die Unternehmer-Gattin Birgit Meier aus Brietlingen verschwunden.

28 Jahre später, im Sommer 2017, fand eine private Ermittlungsgruppe die Überreste ihrer Leiche vergraben auf dem ehemaligen Grundstück von Wichmann. Im Schädel der Leiche steckte ein Geschoss. Die Polizei hält Wichmann auch dort für den Täter. Zudem fanden die Ermittler in einem Zimmer, das offenbar fast 25 Jahre unverändert geblieben war, Videoaufzeichnungen von Fernsehsendungen über die Göhrde-Morde. Mit diesen Indizien gilt Wichmann bei der Polizei seitdem auch als Täter des doppelten Pärchen-Mordes im Sommer 1989 in der Göhrde.

Medien überschlugen sich mit Meldungen

Obwohl die Staatsanwaltschaft Lüneburg immer wieder unterstrich: Selbst wenn Wichmann noch lebte, würde sie trotz der DNA-Spur im Auto keine Anklage erheben, weil das als Beweis nicht ausreiche. Tatsächlich kann die Polizei bis heute nicht belegen, wie die DNA in den Wagen gelangt ist. Vielmehr gibt es Hinweise, dass über eine ganz andere Verbindung Spuren von Wichmann in das Auto gelangt sein könnten.

Der DNA-Treffer fand Ende 2017 aber den Weg an die Öffentlichkeit. Die Medien überschlugen sich mit oftmals falschen Meldungen, dass der Fall jetzt aufgeklärt, ein Täter überführt wäre. Erst vor wenigen Wochen bediente die Ausstrahlung des NDR-Krimis „Das Geheimnis des Totenwaldes“ dieses Narrativ, dass der Mörder von Birgit Meier auch der in der Göhrde gewesen wäre. Die nach jetzigen Erkenntnissen falsche Bezeichnung Wichmanns als Serienmörder findet sich nach wie vor als Wikipedia-Eintrag.

Von Jens Feuerriegel

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