Montag , 5. Dezember 2022
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Zug der Metronom durchfährt Bahnhof Lüneburg
Bei einem Ausbau der Bestandsstrecke Hamburg-Hannover wären auch im Bereich des Lüneburger Bahnhofs umfangreiche Umbauarbeiten erforderlich.

Bahn hält sich Optionen für Nord-Süd-Trasse offen

Reicht ein drittes Gleis? Oder ist eine komplett neue (Teil-) Strecke erforderlich? Beim Bahn-Ausbauprojekt Alpha-E wollen sich Bahn AG und Bundesregierung immer noch nicht auf einen genauen Verlauf der Nord-Süd-Trasse von Hamburg über Lüneburg nach Hannover festlegen lassen.

Hannover/Lüneburg. Drei Varianten befänden in der derzeit laufenden Vorplanung, erklärte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Enak Ferlemann (CDU), jetzt auf Anfrage des Grünen-Bundestagsabgeordnete Sven-Christian Kindler aus Hannover. Folgende mögliche Verläufe sind danach „identifiziert“: der dreigleisige Ausbau der bestehenden ICE-Strecke zwischen Stelle, Lüneburg, Uelzen und Celle, der „bestandsnahe Ausbau“ dieser Strecke „mit Kapazitätserweiterungen und Ortsumfahrungen“ sowie eine „Neubaustrecke entlang der A 7“.

Daraus werde nun eine „Vorzugsvariante“ entwickelt, heißt es in der Antwort, die der Landeszeitung vorliegt. „Weitere Grundvarianten, auch die im Dialogforum Schiene bereits verworfene Y-Trasse, wurden ausgeschlossen“, versichert Ferlemann.

Erweiterung für Alpha E?

Im November 2015 hatten Bahn AG, Bund, Land Niedersachsen, Anrainer-Kommunen und Bürgerinitiativen sich in Celle gemeinsam von dem umstrittenen Schnellbahn-Projekt in Form eines Ypsilons zwischen Hannover, Hamburg und Bremen verabschiedet. Unter dem Projektnamen „Alpha E“ verabredeten sie damals, es weitgehend bei der bereits begonnenen Ertüchtigung bestehender Gleisverbindungen im Dreieck der drei Großstädte zu belassen. Doch mittlerweile befürchten Bürgerinitiativen und Grüne, dass die Bahn doch Größeres vorhat und mit längeren Neubau-Abschnitten plant.

Kindler und seine Grünen-Fraktionskollegin Julia Verlinden aus Lüneburg werfen der Bundesregierung „Geheimniskrämerei“ vor, weil diese trotz ihres umfangreichen Auskunftsbegehrens relevante Informationen unter Verschluss halte. „Was soll dieses Taktieren? Die Menschen in der Region wollen Klarheit“, fordert der Parlamentarier. Selbst Niedersachsens Verkehrsminister Bernd Althusmann (CDU) warnt Berlin: „Die Landesregierung möchte, dass schnell gebaut und nicht immer neu geplant wird.“ Beide sind sich einig, dass der mühsam erzielte Konsens von Celle nicht gefährdet werden dürfe.

Mit drei Gleisen nicht zu schaffen

Grund für die Sorgen sind vor allem die Pläne des Staatsunternehmens für seinen „Deutschland-Takt“ mit halbstündigen Abfahrten aus den Metropolen und deutlich reduzierten Fahrtzeiten. Höchstens 63 statt derzeit – im Idealfall – 76 Minuten sollen schnelle Personenzüge zwischen den Hauptbahnhöfen in Hamburg und Hannover danach künftig nur noch brauchen.

Dies ist laut Bahn mit einem dritten Gleis allein nicht zu schaffen. Außerdem wehren sich die betroffenen Städte wie Lüneburg und Bad Bevensen massiv gegen eine Erweiterung ihrer Ortsdurchfahrten und Bahnhöfe. „Daher ist eine über die optimierte Dreigleisigkeit hinausgehende Lösung erforderlich und im Dialog mit der Region zu entwickeln“, schreibt die Bahn auf ihrer Projekt-Seite im Internet.

Kein Tempo-300-Strecke

So kommen die Parallel-Strecke zur A7 sowie ein erweiterter Ausbau der Bestandsstrecke ins Spiel. Die Autobahn-Idee dürfte jedoch wegen komplizierter Raumordnungsverfahren, hoher Kosten und technischer Hindernisse für eine Tempo-300-Strecke unrealistisch sein. Eine Betrachtung dieser Alternative sei allein dem Planungsrecht und den Anforderungen des Bundesverwaltungsgerichts geschuldet, betont auch Ferlemann.

Bliebe also nur noch der „bestandsnahe Ausbau“. Allerdings interpretiert die Bahn diesen Begriff offenbar recht großzügig. „Nach Auskunft der DB AG bemisst sich der im Rahmen der umweltfachlichen und raumordnerischen Untersuchung ermittelte bestandsnahe Korridor je nach Örtlichkeit auf bis zu ca. 20 km Breite ausgehend von der Bestandsstrecke“, antwortet der Verkehrsstaatssekretär auf die Grünen-Anfrage.

Danach wäre auch eine komplett neue zweigleisige Trasse von Ashausen bis in den Süden von Uelzen möglich – und aus Sicht von Bahn und Bund auch vom Kompromiss des Celler Dialogforums gedeckt. Diese würde rund 70 Kilometer durch die Heide zusätzlich zur bestehenden ICE-Strecke verlaufen und dabei größere Ortschaften wie Lüneburg, Bad Bevensen und Uelzen außen vor lassen. Laut Bahn AG soll eine Entscheidung über die genaue Streckenführung bis Ende 2022 fallen.

Verdacht erhärtet sich

Kinder und Verlinden kritisieren, dass der Konzern dabei mögliche mildere Alternativen für schnellere Zugverbindungen bislang außen vor lässt. „Anpassungen am Hamburger Hauptbahnhof sind nicht Gegenstand des gesetzlich definierten Planungsinhalts und werden nicht im Rahmen des Vorhabens geplant“, heißt es in der Antwort des Berliner Ministeriums. „Das erhärtet den Verdacht, dass die Bundesregierung unbedingt eine Neubaustrecke realisieren will“, schimpfen die Abgeordneten.

Laut einer Studie des von Bürgerinitiativen beauftragten Gutachterbüros Vieregg lassen sich allein durch eine neue Ein- und Ausfahrt vom Hamburger Hauptbahnhof über den Großmarkt Richtung Süden vier Minuten Fahrtzeit einsparen. Weitere Zeitgewinne sind danach durch technische Maßnahmen auf der weiteren Strecke nach Hamburg-Harburg und im dortigen Bahnhof zu erzielen.

Von Peter Mlodoch

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