Samstag , 3. Dezember 2022
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Ein halbes Dutzend Kamerateams, ebenso viele Fotografen und schreibende Journalisten waren beim Prozessauftakt dabei. (Foto: be)

Ein Rollstuhl als Tarnung

Im September überfielen Räuber ein Juweliergeschäft in Celle, bedrohten den Ladeninhaber (72) mit einer Waffe, würgten dessen Ehefrau. Der Juwelier erschoss die Räuber. Nun steht der Bruder eines der Erschossenen vor Gericht. Er soll den Tatplan mit ausgeheckt und das Fluchtfahrzeug gesteuert haben.

Lüneburg/Celle. Als der Angeklagte Alexej H. Gerichtssaal 121 betrat, waren mehr Journalisten anwesend als Prozessbeteiligte. Ungewöhnlich bei einem Fall von versuchtem Raub. Doch dieser Fall hatte über Wochen die Schlagzeilen beherrscht, wurde im Fernsehen von "xy...ungelöst" aufgegriffen.

Im September überfielen Räuber ein Juweliergeschäft in der Altstadt von Celle. Sie bedrohten den Ladeninhaber mit einer Schusswaffe, würgten seine Ehefrau. Der Juwelier erschoss die Angreifer. Nun steht in Lüneburg Alexej H., der Bruder eines der Erschossenen, vor Gericht. Er soll den Fluchtwagen gefahren haben.

Juwelier schoss in Notwehr

Bernd und Karin H., die Juweliere, beide über 70 Jahre alt, waren als Nebenkläger anwesend. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen Bernd H. wegen der tödlichen Schüsse eingestellt – ein Fall von Notwehr.

Knapp acht Wochen nach dem spektakulären Überfall wurde Alexej H. in Waltrop im Ruhrgebiet festgenommen. Zum Prozessauftakt verlas der Staatsanwalt die Anklage gegen den Russlanddeutschen. Danach soll er den Tatplan mit ausbaldowert und umgesetzt haben.

Anfahrt aus dem Ruhrgebiet

Am 14. September 2020 soll er mit seinem Bruder Eduard H. (35) von Waltrop in seinem Citroën Xsara nach Nordosten gefahren sein, unterwegs gabelten sie den Komplizen Vladimir T. (40) auf. In Celle angekommen, soll er den Wagen in der Straße Am Heiligen Kreuz geparkt haben – in Fluchtrichtung. Alexej soll im Wagen gewartet haben, wartete am Funkgerät auf Nachricht von seinen Komplizen.

Aus dem Kofferraum hob das Trio einen Rollstuhl, in dem Vladimir T. sich von Eduard H. gegen 15.50 Uhr in das Juweliergeschäft schieben ließ. So schöpften die Geschäftsinhaber, die 1998 schon einmal überfallen und ausgeraubt worden waren, keinen Verdacht.

Angeklagter schweigt

Was sie nicht wussten: Die beiden Männer hatten ein Handbeil, ein Messer und eine Schusswaffe sowie Handschellen dabei. Vladimir T. sprang aus dem Rollstuhl, würgte Karin H. Die schrie um Hilfe. Bernd H. lief in den Verkaufsraum, erschoss Vladimir T. Als Eduard H. die Waffe auf ihn richtete, erschoss er auch ihn. Nachdem Alexej H. erkannt habe, dass der Überfall gescheitert war, fuhr er zurück nach Waltrop.

Zum Prozessauftakt wollte Alexej H. sich nicht zu den Vorwürfen äußern, teilte sein Verteidiger, Jens Jeromin aus Dortmund, mit. Zu schwer falle ihm dies, "weil er ja schließlich seinen Bruder verloren hat".

Alter Raubüberfall aufgeklärt

Dieser Bruder hatte offenbar mehr auf dem Kerbholz. Nach der Ausstrahlung von "xy...ungelöst" erkannte eine Frau die Täter wieder. Sie war sicher, dass sie von diesen im November 2019 in Selm (Nordrhein-Westfalen) überfallen worden war. Damals hatten sich die beiden Täter als Postboten verkleidet, einen Mann (62) und eine Frau (63) gefesselt und geknebelt sowie Bargeld geraubt. Die Ermittlungen in diesem bisher unaufgeklärten Fall wurden nun eingestellt, weil die Täter tot sind.

Alexej H. muss sich dagegen im Celler Fall vor dem Landgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft will ihn in eine Entziehungsanstalt einweisen lassen, weil ansonsten die Gefahr bestünde, dass der Vater eines sechsjährigen Jungen wegen seiner Drogenabhängigkeit weitere Straftaten begehen würde.

Von Joachim Zießler

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