Dienstag , 6. Dezember 2022
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Walter Piochacz
Die Gemeinde Rehlingen will am Finkenberg in Ehlbeck Platz für zwei neue Familien schaffen. Walter Piochacz fürchtet nun, dass ein Teil seines Gartens den Wachstumsplänen der Gemeinde zum Opfer fallen könnte. (Foto: phs)

Bauplätze statt Obstbäume?

Walter Piochacz ist verärgert: Vor seiner Haustür will die Gemeinde Rehlingen Bauplätze verkaufen – dort, wo der 71-Jährige in jahrzehntelanger Arbeit einen Garten angelegt hat. Ein Teil der gemeindeeigenen Fläche in Ehlbeck könnte nun den Wachstumsplänen zum Opfer fallen. „Da steckt mein ganzes Herzblut drin“, klagt Piochacz. Doch noch ist das letzte Wort nicht gesprochen.

Ehlbeck. Der Regen kommt Walter Piochacz gerade recht: Das spart das Gießkannen schleppen und schont die Knochen. Draußen vor seinem Wohnzimmerfenster warten schon seit geraumer Zeit etwa zehn junge Hortensien und Pfingstrosen in ihren Plastiktöpfen auf eine frische Dusche und einen festen Platz in Piochacz' Garten. „Aber eigentlich weiß ich gerade gar nicht, wo ich damit hin soll“, seufzt der 71-Jährige. Platz ist eigentlich genug, doch der Senior weiß nicht, wie lange noch.

Platz für zwei neue Häuser

Denn die Gemeinde Rehlingen will am Finkenberg in Ehlbeck, direkt vor Piochacz Haustür, Wohnraum für zwei neue Familien schaffen, hat hierzu bereits eine Bauvoranfrage beim Landkreis Lüneburg gestellt. Walter Piochacz fürchtet nun, dass ein Teil seines Gartens den Wachstumsplänen der Gemeinde zum Opfer fallen könnte. Für ihn ist die Nachricht von Bürgermeister Herbert Tolksdorf ein „heftiger“ Schlag ins Gesicht: „Ich habe mein Leben lang in diesem Garten gearbeitet. Wenn ich das hergeben muss...“ Er schluckt, ringt nach Worten, lässt schließlich entschuldigend die Hände in den Schoß fallen. „Dann weiß ich auch nicht weiter.“

Noch hat Walter Piochacz nichts schriftlich. Doch als er kürzlich vom Einkaufen nach Hause kam, fand er plötzlich rote Markierungen auf dem Rasen in seinem Garten vor. Streng genommen handelt es sich dabei aber gar nicht um seinen Garten, sondern um Grund und Boden der Gemeinde, die ihm das ehemalige Schulgebäude vor Jahrzehnten vermietet hatte. „Am Anfang war hier gar kein Garten zu erkennen“, erinnert sich der Rentner. „Das war komplett zugewachsen, wochenlang habe ich alles umgegraben.“

Viele Bauanfragen von jungen Familien

Alles bedeutet in diesem Fall auch die umliegenden Flächen zwischen Parkplatz, Straße und Hain am Finkenberg, die eigentlich gar nicht in seiner Verantwortung liegen. Piochacz aber pflanzte und säte, Jahr für Jahr, von Frühling bis Herbst. „Die Leute kommen im Sommer, um zu schauen, wie es blüht“, berichtet er voller Stolz. „Sie lieben meinen Garten.“

Allerdings: Bürgermeister Tolksdorf, der auch Piochacz' Nachbar ist, hat eine etwas andere Sicht auf die Dinge. Die Gemeinde habe seinen gärtnerischen Einsatz lediglich „geduldet“, sagt er. „Das sah immer sehr schön aus, aber letztlich hat er den Garten ja ohne zu fragen angelegt und uns damit vor vollendete Tatsachen gestellt.“ Er selbst habe Piochacz mündlich in die Überlegungen der Politik eingeweiht, auf dem ehemaligen Grundstück des Spielkreises – angrenzend an Schwimmbecken und Spielplatz – Wohnbebauung zu ermöglichen. „Wir haben einen Haufen Bauanfragen von jungen Familien“, erklärt er. So sei zuletzt die gemeindeeigene Fläche an der Straße Finkenberg stärker in den Fokus geraten.

Anwohner fühlt sich unzureichend informiert

Noch ist aber nichts in trockenen Tüchern: „Wir können noch gar nichts entscheiden“, betont der Bürgermeister. Es fehle noch eine Rückmeldung vom Landkreis, unter anderem zu der Frage, ob das ehemalige Schulgebäude und die zwei Bauplätze gemeinsam oder getrennt voneinander verkauft werden können. „Das hängt davon ab, ob der Landkreis die Bauvoranfrage positiv bescheidet.“

Wegen der vielen Fragezeichen habe er die Anwohner auch noch nicht schriftlich über die Ideen der Gemeinde in Kenntnis gesetzt – ganz zum Ärger von Walter Piochacz. Der fühlt sich ausgeschlossen und unzureichend informiert: „Ich werde als Mieter ja praktisch mit verkauft. Da macht man sich schon so seine Gedanken.“

Obstbäume könnten umgepflanzt werden

Piochacz fürchtet nun, dass unter anderem seine Obstbaumwiese den Neubauten weichen muss. „Am Ende bleibt da für meine Pflanzen nicht mehr viel Platz übrig, vielleicht 200 Quadratmeter.“ Dazu sei aber das letzte Wort noch nicht gesprochen: „Ich hoffe, dass das Naturschutzamt das nicht genehmigt.“

Tatsächlich, erklärt Tolksdorf, habe die zuständige Kreisbehörde bereits mitgeteilt, dass auf dem Gelände unter anderem schützenswerte Robinien wachsen. „Wir wollen aber ohnehin, dass der Baumbestand größtenteils erhalten bleibt“, betont der Bürgermeister. Nicht auszuschließen sei jedoch, dass einige der von Piochacz ungefragt gepflanzten Obstbäume weichen müssten. „Das sind kleine Bäumchen, die kann man notfalls auch umsiedeln.“ Für den Hobbygärtner aber ist das kaum vorstellbar. Der Garten, sagt er, sei sein Lebenswerk: „Da steckt mein ganzes Herzblut drin.“

Von Anna Petersen

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