Samstag , 3. Dezember 2022
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Nach zwei Tagen Verhandlung wurde Albrecht B. (38), hier zwischen seinen Anwälten Uta Petschull und Frank Speer, wegen Morden zu lebenslanger Haft verurteilt. (Foto: A/be)

Lebenslange Haft wegen Mordes

Er betatschte eine junge Frau, stalkte sie. Als sie ihn anzeigte, entschloss er sich, sie zu töten. Weil er sie nicht fand, nahm er die Familie ins Visier – tötete die Mutter der jungen Frau. Nun hörte er seinen Urteilsspruch.

Lüneburg. Schon nach zwei Tagen Verhandlung fällte das Landgericht Lüneburg heute ein Urteil gegen Albrecht B. (38): Der Güstrower muss lebenslang hinter Gitter. Und weil die 4. Große Strafkammer die "besondere Schwere der Schuld" festgestellt hat – also einen auch im Vergleich besonders abstoßenden Mord, wird Albrecht B. voraussichtlich nicht nach 15 Jahren freikommen. Er hatte am 11. Dezember in Wieren (Landkreis Uelzen) Petra H. vor ihrem Haus mit 37 Hieben eines Kuhfußes und eines Beils getötet. Er kannte Petra H. (56) nicht, dennoch wurde sie Teil seiner Rache. Weil sie die Mutter von Janina H. (33) war, die Albrecht B. eigentlich töten wollte, nachdem sie ihn wegen sexueller Belästigung angezeigt hatte.

Kurzer Mordprozess

Nur zwei Tage Verhandlung, da "hat sich niemand für Petra H. interessiert", rügte Steffen Hörning. Der Göttinger Rechtsanwalt vertrat als Nebenkläger eine der Schwestern des Opfers. Er hatte gemeinsam mit zwei Kollegen in der Nebenklage dafür plädiert, Albrecht B. "so lange wie möglich hinter Gitter zu lassen". Der Angeklagte hatte sich nach seiner Auffassung schon am Tatort und über den gesamten Prozess "selbstherrlich in der Aufmerksamkeit gesonnt".

Nur zwei Tage Verhandlung, da stemmten sich die Soltauer Verteidiger Uta Petschull und Frank Speer noch mit neun Beweisanträgen dagegen, dass mit ihrem Mandanten "kurzen Prozess gemacht wird". Zeugen und Akten sollten das psychiatrische Gutachten von Dr. Reiner Friedrich aushebeln, wonach Albrecht B. mit seinen zwanghaften Verhaltensweisen, narzisstischen und schizoiden Zügen zwar gestört sei, diese Störung aber nicht ursächlich für den Mord sei.

Außergewöhnlich herausstechender Mord

Die Kammer wies die Anträge zurück, so dass die Plädoyers gehalten werden konnten. Staatsanwältin Maureen Wiechmann sah in dem Rache-Mord zwar "eine in besonderem Maße verachtenswerte" Tat, aber keine besondere Schwere der Schuld, auch weil die Persönlichkeitsstörung des Angeklagten nach ihrer Auffassung mit ursächlich war für dessen Hass auf Janina H.

Die Verteidiger des Angeklagten plädierten dagegen auf Totschlag, Frank Speer forderte sieben Jahre Haft für Albrecht B. Er sah in den Droh-Mails an Janina H., Nazi-Gerede in Pamphleten und den Mordankündigungen gegenüber dem besten Freund Daniel L. lediglich "Hilferufe" des ewigen "Losers".

Dementgegen betonten die drei Anwälte der Hinterbliebenen die "grausame Gesinnung" des Täters, der den Körper des Opfers immer wieder gedreht habe, um es zu enthaupten, der in Mails angekündigt habe, Organe öffnen, Gliedmaßen anzusägen und Knochen brechen zu wollen. Albrecht B. "hat seine vermeintliche Kränkung über das Leben eines anderen Menschen gestellt". Das Ziel, so viel Leid wie irgend möglich zu verursachen, hat der Täter erreicht. Die Tochter und eine Schwester des Opfers sind in psychiatrischer Behandlung, der Ehemann muss sein Haus aufgeben.

Motiv: Einmal im Mittelpunkt stehen

Ein Schlag auf den Hintern habe diese fatalen Folgen ausgelöst, rekonstruierte der Vorsitzende Richter Franz Kompisch in seiner Urteilsbegründung. Der Prozess habe nur deswegen zwei Tage gedauert, weil "der Sachverhalt schnell klar war": Janina H. und Albrecht B. hatten sich bei einer Umschulung des Berufsförderungswerkes kennengelernt. Zunächst habe man sich "recht gut verstanden", hatte Janina H. ausgesagt. Bis Albrecht B. sie gegen ihren Willen betatschte. Das bestreitet Albrecht B. zwar, aber nicht mal sein Verteidiger Frank Speer glaubt ihm in diesem Punkt: "Er muss es negieren, weil er sonst zugestehen müsste, dass er verantwortlich für sein Scheitern ist."

Janina H. wandte sich an die Internatsleitung, zeigte den 38-Jährigen an. Dem wurde nahegelegt, seine Umschulung abzubrechen. "Das erneute Scheitern schürte die Frustration, die er auf Janina H. projizierte", sagte Richter Kompisch. Flugblätter, mit denen sich Albrecht B. wehrte, blieben wirkungslos. Nach seinen Droh-Mails wurde er von Janina H. auf allen Kanälen blockiert. Kompisch: "Doch er macht weiter, bezieht sogar die Familie mit ein. Er tötete. Nicht, weil er krank war, sondern weil er seinen Frust abladen wollte und wenigstens einmal so etwas wie Bedeutung erlangen wollte."

Nach dem Mord rief er die Polizei. Beamte schilderten den Eindruck eines Mannes, der sein Werk vollbracht hat. Der schmunzelte, wenn weitere Uniformierte am Tatort auftauchten.

Gegenüber seinem besten Freund hatte Albrecht B. seine Mordpläne mit dem Argument verteidigt, sich darauf zu freuen, zehn Jahre in Ruhe lesen zu können. Das werden nun deutlich mehr Haftjahre. Auch, weil die Kammer davon ausgeht, dass Albrecht B. weiter gefährlich ist, wie Richter Kompisch deutlich machte: "Was passiert denn, wenn er nach Jahren erneut auf Janina H. trifft? So furchtbar das klingt, für ihn ist es eine nicht abgeschlossene Situation."

Von Joachim Zießler

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