Montag , 5. Dezember 2022
Anzeige
Walter Mennrich, Cornelia Vogler, Sandy Schumann, Tim Agge und Hans-Peter Müller (v.l.) bereiten die Pfingstbaum-Aktion der Dorfgemeinschaft Südergellersen vor. (Foto: t&w)

Der „Pfingstboom“ lebt

Wegen der Corona-Pandemie musste und muss vieles ausfallen. Oder es finden sich Menschen, die eine Lösung suchen, um auch unter den aktuellen Bedingungen wenigstens ein bisschen Tradition aufrecht zu erhalten. So wie in Südergellersen. Dort springt die Dorfgemeinschaft ein – und sorgt zum Pfingstfest für ein bisschen Freude im Ort.

Südergellersen. Das Maibaumfest ist gerade zum zweiten Mal ausgefallen. Auch das Osterfrühstück und der gemeinsame Ausflug – Fehlanzeige. Corona macht fast allen Aktionen, die die Dorfgemeinschaft Südergellersen normalerweise auf die Beine stellt, einen Strich durch die Rechnung. Das ist nicht zu ändern. Aber eines will Conni Vogler auf jeden Fall verhindern: „Wir möchten nicht, dass unsere alten Traditionen verloren gehen“, sagt die Vereinsvorsitzende. Also übernimmt die Dorfgemeinschaft in diesem Jahr eine Aufgabe, für die traditionell eigentlich die jungen Männer im Dorf zuständig sind: Heute, Sonnabend, verteilt der Vorstand des Vereins nach altem Brauch die Pfingstbäume im Dorf. Die jungen Birken, für die manche flugs einen Eimer Wasser bereitstellen, sorgen ein paar Tage für grüne Farbtupfer an Haustüren und Gartenzäunen.

Die Pfingstbräuche in Südergellersen haben nicht nur eine lange Tradition, auch der Ablauf ist schon seit jeher genau getaktet: „Am Sonnabend werden die Pfingstbäume gepflanzt. Das machen immer die jungen, unverheirateten Männer unter 30 Jahren“, erklärt Vogler. Als Dank gibt's einen kleinen Obolus von den Empfängern. Am Pfingstsonntag ziehen die Vorkonfirmanden mit dem „Pfingstkarl“ im Bollerwagen von Haus zu Haus zum traditionellen Eierschnorren.

Das Miteinander fördern

Weil beides weder im vergangenen noch in diesem Jahr wie gewohnt stattfinden konnte, sei im Vorstand die Idee entstanden, hier einzuspringen, berichtet Vogler: „Dass wegen Corona so vieles pausieren muss, hat uns einfach traurig gemacht. Denn dafür sind wir ja eigentlich da: Das Miteinander im Dorf und das Zusammenwachsen von Alt- und Neubürgern zu fördern. Da spielen Traditionen eine wichtige Rolle. Die gibt es schließlich in vielen Dörfern nicht mehr.“ Also bekommen heute alle 108 Mitglieder der Dorfgemeinschaft eine frische Birke vom Vorstand der Dorfgemeinschaft vor die Tür gesetzt. „Es ist ein netter Gruß und eine Geste, die zeigen soll: Wir sind noch da.“

Pfingstkarl 1935 in Südergellersen: Vorne tragen die Jungs den Eierkorb, im Bollerwagen hockt Pfingstkarl versteckt unter einem Blätterdach. (Foto: Bütepage)

Wer Bäume verteilen will, muss erst einmal welche schlagen. Zur Freude des Vereins hat sich mit dem Hof Müller ein Baum-Sponsor gefunden: In einem Waldstück am Ortsrand kann sich der fünfköpfige Vorstand mit genügend Bäumen eindecken. Mehr als die 108 Birken für alle Vereinsmitglieder sei allerdings nicht drin, verdeutlicht Vogler: „Wir haben zwar alle einen grünen Daumen, aber 400 Haushalte würden wir nicht schaffen.“

Erster Auftritt für die Vorstandsneulinge

Bei der Aktion beteiligen sich auch zwei neue Vorstandsmitglieder, die offiziell am 1. Juni ihr Amt antreten: Hans-Peter Müller als stellvertretender Vorsitzender und Tim Agge als Kassenwart wurden erst kürzlich aufwändig per Briefwahl berufen. „Auf den neuen Vorstand freue ich mich“, gesteht Vogler. Schließlich hat der für die Nach-Corona-Zeit viel vor: Das 25-jährige Bestehen war schon vorigen Jahr und muss nachgefeiert werden. Dazu die Feste oder Radtouren. Auch für das nächste Pfingstfest sieht es vielversprechend aus: „Da ist eine neue Generation herangewachsen“, sagt Vogler. „Und die haben richtig Lust, nächstes Jahr den Pfingstboom zu verteilen.“

Zur Sache

Pfingstkarl und Pfingstboom

„Pfingstkarl hett Been affbraken, möt we mit nan Dokter gahn. Hett keen Geld, hett keen Geld, mutt sik Eier snurrn!” Mit diesem Spruch ziehen die Kinder durchs Dorf. Im Bollerwagen versteckt sitzt „Karl“ mit dem gebrochenen Bein, heute ersetzt durch einen Gummistiefel. Statt Eier gibt es mittlerweile Süßigkeiten oder Geldspenden für die jungen Schnorrer.

Der Pfingstbaum stand in vorchristlicher Zeit mit seinem frischen Grün für die Vertreibung des dunklen Winters und der bösen Geister. Überliefert ist auch der Brauch, dass junge Männer ihrer Liebsten eine Birke vor die Tür pflanzten. Wie auch immer: Nach dem Pfingstboompflanzen ging es in Südergellersen schon in früheren Zeiten feucht-fröhlich zu. Mit dem gesammelten Geld machten sich die jungen Leute „eine vergnügte Nacht“ in der Dorfkneipe, schrieb einst Dorflehrer Erich Bütepage in seiner Ortschronik: „Manch einer hat am schönen Pfingsttag einen schweren Kopf.“

Von Ute Klingberg-Strunk

Kommentare

Sie wollen die Kommentare unter diesem Beitrag lesen und kommentieren?
Dann werden Sie LZ+-Abonnent. Informationen zum Digital-Abo der LZ finden Sie hier.