Montag , 5. Dezember 2022
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Im Rahmen des bundesweiten Aktionswochenendes für die Mobilitätswende machten etwa 500 Menschen auf der Ostumgehung ihrem Unmut Luft. (Foto: t&w)

Mit Video: Mit dem Fahrrad gegen die A 39

Unter dem Motto „Sozial- und klimagerechte Mobilitätswende jetzt – Autobahnbau stoppen! Keine A39!“ fuhren am frühen Sonntagnachmittag rund 500 Menschen mit dem Fahrrad über die Lüneburger Ostumgehung. Im Rahmen des bundesweiten Aktionswochenendes für die Mobilitätswende machten sie ihrem Unmut Luft. Worüber genau? Die LZ hat sich vor Ort umgehört.

Lüneburg. „Hopp, hopp, hopp – Autos, stopp!“, schallt es am Sonntagmittag über die Lüneburger Sülzwiesen. Kollektives Klingeln und Hupen, ein brüllendes Echo aus maskierten Mündern. Etwa 500 Menschen nahmen am Sonntag an einer sportlichen Protestaktion gegen den geplanten Bau der A 39 zwischen Lüneburg und Wolfsburg teil, zu der das Klimakollektiv Lüneburg zusammen mit anderen Organisationen aufgerufen hatte. Ihr Motto: „Sozial- und klimagerechte Mobilitätswende jetzt – Autobahnbau stoppen! Keine A39!“ Mit Fahrrädern fuhren sie am frühen Nachmittag über die Lüneburger Ostumgehung, um im Rahmen des bundesweiten Aktionswochenendes für die Mobilitätswende auch in Lüneburg ihrem Unmut Luft zu machen.

Entscheidung des Verwaltungsgerichts sorgt für Enttäuschung

„Wir erwarten, dass der Bundesverkehrswegeplan gekippt wird“, erklärt Theresa Berghof, Sprecherin vom Klimakollektiv. Zwei Monate lang hatte sie in einem Netzwerk lokaler Gruppen, unter anderem bestehend aus Fridays For Future, dem Klimabündnis, Fossil Free und der BI Lüne-Moorfeld, an einem Plan für den Fahrradprotest gefeilt. Dieser sah zunächst eine 18 Kilometer lange Route über die A39 vor, doch die Stadt Lüneburg hatte ihr Veto eingelegt – und vor dem Verwaltungsgericht Recht bekommen. Stattdessen rollte der Fahrradkonvoi nun also über die Ostumgehung.

Start der Fahrraddemo auf den Sülzwiesen. (Video: Andreas Tamme)

Eine große Enttäuschung für die Organisatoren. Jedoch, Theresa Berghof kann sich kurz vor Abfahrt zumindest eine positive Bemerkung zu der Entscheidung abringen: „Die Polizei versicherte uns, dass der letzte Kilometer vor der Ausfahrt schon A39 sei“, sagt sie. „Der Rest kommt dann hoffentlich das nächste Mal.“

Soziale und klimagerechte Mobilitätswende wird gefordert

Unterdessen finden sich immer mehr Radfahrer mit Protestschildern und bedruckten T-Shirts auf der Wiese ein. Lauschen Vogelkundler Jörg Grützmann, der vor den Folgen der A39-Pläne für den seltenen Ortolan warnt. Seit 2002 meldet er das Vorkommen der Vögel „als Instrument gegen die A39“ den zuständigen Behörden. „Etwa 150 Brutpaare werden da gestört und vertrieben“, erklärt er gegenüber der LZ, und zwar auf einem Abschnitt von rund 20 Kilometern. 20 Kilometer zu viel, wie er findet. Auch Annette Niemann vom Dachverband der A39-Gegner nimmt die Demonstration zum Anlass, um ihre Argumente vorzubringen. Die Chance, dass das Projekt aus dem Bundesverkehrswegeplan gestrichen werde, sei aktuell größer denn je, erklärt sie mit Verweis auf die Fridays-for-Future-Bewegung und die anstehenden Wahlen. „Es findet ein Umdenken statt.“

Dabei hofft der 21-jährige Joschua Elbing, dass auch die sozialen Dimensionen von Verkehrs-Projekten mehr in den Fokus rücken. „Autobahnen bauen ist nicht sozial gerecht, denn nur wer Geld hat, kann sich überhaupt ein Auto leisten“, sagt der Student der Umweltwissenschaften. Aus seiner Sicht sollte das Geld besser in den Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel investiert werden. „Wir fordern eine soziale und klimagerechte Mobilitätswende.“ Dafür tritt er am Sonntag in die Pedale.

Protestiert wurde zuvor auch zwischen Braunschweig und Wolfsburg

So auch Maike Kühn und ihr neunjähriger Sohn Simon. Sie leben in Groß Hesebeck im Landkreis Uelzen. „Dort soll eine Brücke gebaut werden – 500 Meter von uns entfernt, 900 Meter hoch“, klagt sie. „Wenn die A 39 da ist, sind wir Erwachsenen alt und können den Lärm nicht mehr hören, aber unsere Kinder – die wird es belasten.“ Die 47-Jährige ging darum schon zum Protest auf die Straße, als ihr Sohn Simon noch im Bauch war. „Er hat quasi mit der Muttermilch aufgenommen, für das einzustehen, was uns wichtig ist.“ Simon nickt nachdenklich. „Die Autobahn ist schlecht“, sagt er. Warum? „Ich mag den Lärm nicht.“

Einen Tag zuvor waren nach Schätzungen aus dem Initiatorenkreis der Bürgerinitiative (BI) Baumschutz Braunschweig bereits 500 Menschen auf den Nebenstrecken der A 39 zwischen Braunschweig und Wolfsburg mit dem Rad unterwegs. Nach 70 Kilometern Strecke am Vortag scheut BI-Mitglied Edmund Schultz auch eine „Ehrenrunde“ über die Lüneburger Ostumgehung nicht. Er radele „gegen die Zerstörung unseres Planeten“ an, erklärt er.

Diese Motivation teilt er mit Moritz Meister vom „Klimaentscheid Lüneburg“. Dessen Unterstützer hätten sich dem Protestbündnis angeschlossen, „weil wir sehen, dass wir in die gleiche Stoßrichtung gehen“, sagt er. Und diese lautet, kurz gesagt: weniger CO2-Ausstoß. Dieses Anliegen wurde am Sonntag sportlich auf die Ostumgehung getragen. Wie die Polizei im Anschluss an die Aktion mitteilte, kam es dabei zu keinen Störungen. „Es ist alles ganz friedlich abgelaufen“, heißt es aus der Polizeiinspektion Lüneburg.

Von Anna Petersen

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