Montag , 5. Dezember 2022
Anzeige
Nach der Hitzwelle ist vor der Hitzewelle. Leiter Helmut Beuke (r.) sitzt für den Moment entspannt an seinem Computer in der Waldbrandüberwachungszentrale. (Foto: be)
Nach der Hitzwelle ist vor der Hitzewelle. Leiter Helmut Beuke (r.) sitzt für den Moment entspannt an seinem Computer in der Waldbrandüberwachungszentrale. (Foto: be)

Kameras erkennen Waldbrände frühzeitig

Bevor sich ein Waldbrand ausbreiten kann, sollen Feuerwehren schon in der Entstehungsphase die Flammen löschen. Damit das gelingen kann, setzt Niedersachsen 20 hochempfindliche Kameras an 17 Standorten zur Waldbrandfrüherkennung ein. Gebündelt und ausgewertet werden die Informationen in Lüneburg.

Lüneburg. Dicker Qualm steigt seit dem frühen Montag über den Wäldern der Lüneburger Heide auf. Rund 10.000 Meldungen haben die 20 Kameras des automatisierten Waldbrand-Früherkennungs-System (AWFS) an die Computer in der Zentrale nach Lüneburg gemeldet. Dennoch ist Helmut Beuke, Leiter der Waldbrandzentrale, entspannt. „Die Heide dampft. Aber die Brandgefahr ist gleich Null“, sagt er.

Die übertragenen Bilder erinnern mehr an tropische Regenwälder, weniger an Kiefernwälder in der Heide. „Das ist Wasserdampf, der von den Nadeln und Blättern der Bäume aufsteigt, weil es extrem geregnet hat in den letzten Stunden“, erklärt er. Auf bis zu 20 Grad hatten sich die Gehölze in den vergangenen Tagen aufgeheizt, als es heiß war – und die Waldbrandgefahr in der Region die höchste Stufe erreicht hatte.

Lage hat sich vorübergehend entspannt

Doch nun ist erstmal Pause. Die Lage hat sich entspannt, die neun Forstmitarbeiter haben ihren Schichtbetrieb in den Räumen des Behördenzentrums vorübergehend eingestellt. Die fünf Arbeitsplätze, jeweils mit PC und drei 27 Zoll großen Monitoren ausgestattet, sind seit Sonnabend verwaist, nach der akuten Phase, die am 1. Juni begonnen hatte. „Da kommt die Woche nichts mehr, das gefährlich wird“, freut sich Beuke.

Ab dem kommenden Wochenende könnte sich die Situation aber wieder ändern, die nächste Hitzewelle anrollen, Heideflächen und Wälder schnell wieder knochentrocken werden. So sieht es die Wetterprognose gegenwärtig.

Kameras an Mobilfunkmasten platziert

Für den Moment machen nur die 20 elektronischen Augen an den 17 Standorten weiter, überwachen die besonders gefährdeten Risikogebiete in den sechs Landkreisen Lüneburg, Heidekreis, Uelzen, Gifhorn, Lüchow-Dannenberg und Celle sowie in den angrenzenden Regionen Mecklenburg-Vorpommerns und Sachsen-Anhalts. Die meisten Kameras sind in Höhen von 40 bis 50 Metern an Mobilfunkmasten montiert, eine zudem auf dem Erkundungsbergwerk in Gorleben und eine andere an einem Sendemast des NDR in Zernien.

Künstliche Intelligenz ist im Einsatz

Die Technik kommt ursprünglich vom Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR). Das Land Niedersachsen hat sie 2011 in Betrieb genommen. Kosten pro Jahr: 200.000 Euro. Die Landesforsten organisieren die Früherkennung. „Das System entwickelt sich mit jeder Meldung weiter, die Software lernt dazu. Es kommt künstliche Intelligenz zum Einsatz“, sagt Beuke.

So weiß das Programm inzwischen, dass die dampfende Heide kein gefährlicher Brand ist, weil ihm das die Mitarbeiter per Mausklick beigebracht haben. Erkennen und unterscheiden kann es darüber hinaus Staub, Wolken, Industrieabgase und Fahrzeugbewegungen. „Alles läuft über Grauwertveränderungen, die die Software in den Bildern verfolgt.“

Fast eine Million Hektar werden überwacht

Ab Waldbrandwarnstufe 3 ist die Lüneburger Zentrale besetzt und überwacht eine 440.000 Hektar große Waldfläche. Das beobachtete Gesamtareal liegt sogar bei fast einer Million Hektar. Die optischen Sensoren des Systems erkennen besser als das menschliche Auge selbst in 20 Kilometer Entfernung noch Entstehungsbrände.

Sobald eine der hochempfindlichen Sensoreinheiten des Systems eine Rauchentwicklung durch die Veränderung von Graustufen in den Aufnahmen aufgespürt hat, folgt eine automatische Meldung an die Zentrale. Dort werten die Mitarbeiter die Livebilder aus, analysieren die Panorama-Aufnahmen. Wenn sie unsicher sind in ihrer Bewertung, können sie auf einer Großbildleinwand die einlaufenden Fotos genauer anschauen. „Die Kameras drehen sich im Kreis, alle zehn Grad bleiben sie stehen und schießen drei schwarzweiß Fotos. Der Computer vergleicht und macht Abweichungen aus“, erklärt Beuke.

Die Kreuzpeilung der verschiedenen Kamerastandorte macht es dem Team in der Zentrale möglich, den Brandherd exakt zu verorten. Bei einem bestätigten Ereignis verständigt die Lüneburger Zentrale sofort die zuständige Feuerwehrleitstelle und versorgt diese mit den notwendigen Informationen für die Wehren vor Ort.

Feuer in Baumkronen ist nicht zu kontrollieren

„Unser Ziel ist es, Entstehungsbrände frühzeitig aufzuspüren und sofort zu lokalisieren. Dabei handelt es sich meistens um brennendes Gras“, berichtet Beuke. Er und sein Team wollen unbedingt große Waldbrände wie alle Jahre wieder in Kalifornien beziehungsweise 1975 in der Lüneburger Heide verhindern, so Lebensräume für Menschen und Tiere sowie Sachwerte schützen.

„Wenn das Feuer über trockene Äste und Rinde auf die Baumkronen übergelaufen ist, dann lässt es sich nur schwer kontrollieren.“ Seit 2009, als das System schon vor der offiziellen Inbetriebnahme lief, habe sich kein Großfeuer in dem überwachten Gebiet ausbreiten können: „Der größte Flächenbrand war 2020 an der A 7 am Rasthof Allertal. Da brannte es auf 7 Hektar nachdem eine Lkw-Felge nach einem Reifenplatzer Funken gesprüht hatte.“

Knapp 40 Tage war die Waldbrandzentrale in Lüneburg in diesem Jahr bislang besetzt, 107 Mal löste das Team Alarm aus. Als kritischen Wendepunkt macht Helmut Beuke das Jahr 2018 aus (siehe Grafik). „Da gab es einen großen Sprung bei den Einsatztagen und Alarmierungen“, berichtet er. Diese Entwicklung halte bis zum heutigen Tag an. Klar ist es für ihn, dass dies auf den Klimawandel zurückzuführen sei.

„Bereits seit 2009 verändert sich der Waldbrandgefahrenindex des Deutschen Wetterdienstes, den wir als Maßstab für uns nutzen. Darin ist diese Veränderung deutlich zu erkennen.“

Von Stefan Bohlmann

Kommentare

Sie wollen die Kommentare unter diesem Beitrag lesen und kommentieren?
Dann werden Sie LZ+-Abonnent. Informationen zum Digital-Abo der LZ finden Sie hier.