Sonntag , 4. Dezember 2022
Anzeige
Die Austauschstudentin Erica aus Italien findet, dass Studieren über den Bildschirm nur „Erleben“ und nicht richtiges „Leben“ sei. (Fotos: Lisa Göllert)

Corona: Psyche von internationalen Studenten leidet

Seit drei Semestern bedeutet studieren, nur noch vor dem Bildschirm im eigenen WG-Zimmer zu sitzen. Fehlende Motivation, Einsamkeit oder sogar Depressionen sind häufige Folgen. Besonders internationale Studenten leiden unter der andauernden Pandemie – mit unklarer Aussicht auf Besserung.

Lüneburg. Wenn es Rizwan Ullah Wazir nicht gut geht, fährt er stundenlang auf seinem Rad durch Lüneburg. Während des vergangenen Wintersemesters saß der internationale Student aus Pakistan fast jeden Tag im Sattel. Der 24-Jährige erinnert sich: „Am schlimmsten Tag der letzten acht Monate bin ich wieder auf mein Rad gestiegen und wollte nicht mehr aufhören zu fahren. Ich habe alles ausgeblendet, bin nicht mehr ans Handy gegangen. Ich habe einfach nur geweint.“

Seit seiner Kindheit hatte Rizwan den Traum von Europa, für seinen Politikmaster an der Leuphana hat er sogar seinen Job in Pakistan gekündigt – um nun seit September aus seinem kleinen Zimmer heraus zu studieren. In den ersten fünf Monaten hat er keine einzige deutsche Person persönlich kennengelernt. „Mir fehlt es, in einem Klassenraum zu sein und Austausch mit anderen zu haben.“

Seitdem es wärmer geworden ist, ist sein Balkon für Rizwan Ullah Wazir eine willkommene Abwechslung zum Schreibtisch.

Rizwan ist einer von 720 ausländischen Studentinnen und Studenten, die im vergangenen Wintersemester an der Lüneburger Universität studiert haben. Vor der Corona-Pandemie im Wintersemester 2019/2020 waren es noch 740 ausländische Studenten.

„Ich habe einfach nur geweint“ – Rizwan Ullah Wazir, Austauschstudent

Vor allem die Zahl der Austauschstudenten brach im Wintersemester um fast 80 Prozent ein – auf gerade einmal 30 im vergangenen Semester. Eine der wenigen ist die 22-jährige Bachelorstudentin Erica Avondo aus Italien: „Es gab einige Momente, in denen ich mich sehr einsam gefühlt habe. Das Handy war mein einziges Fenster nach draußen.“ Hinzu kommt das Gefühl weit weg von zu Hause zu sein: „Du vermisst nicht nur die Personen, sondern auch das Gefühl, in einer gewohnten Umgebung zu sein.“ Ob es ihr in Italien besser gegangen wäre, bezweifelt sie aber: „In Italien wäre es mir vielleicht sogar noch schlechter gegangen, da wir auch dort Corona hatten und man wegen der Ausgangsbeschränkungen noch weniger als in Deutschland machen konnte.“

Das Einzige, was Erica Avondo während des digitalen Semesters gut getan hat, waren lange Spaziergänge draußen in der Natur.

Nur zehn Internationale holen sich Hilfe

Trotz Einsamkeit und Heimweh haben weder Erica noch Rizwan die Hilfe der psychologischen Beratungsstelle des Studentenwerks in Lüneburg aufgesucht. Damit sind sie nicht alleine: So waren es im vergangenen Jahr 524 deutsche Studenten, aber nur zehn internationale Studenten, obwohl die Beratung auf Deutsch und Englisch stattfindet.

Die Psychologin Jantje Lamschus, die bei der psychologischen Beratungsstelle arbeitet, erklärt sich dies so: „Zum einen unterscheidet sich der Umgang mit psychischen Erkrankungen ja auch kulturell. Zum anderen wissen Personen, die sich pandemiebedingt immer mehr verschanzt haben und sozial isoliert sind, häufig nicht wo es Hilfe gibt.“

„Ich glaube, dass die Pandemie eher wie ein Katalysator war für Themen“ – Henner Janssen, Psychologe

Der Psychologe Henner Janssen, der bei der psychologischen Beratungsstelle arbeitet, glaubt, dass die psychischen Probleme von deutschen und internationalen Studenten ähnlich seien und sich diese während der Pandemie verändert hätten: „Vor der Pandemie hatte ich viel zu tun mit Lernstress, Prüfungsängsten und all den Dingen, die sich im Unikontext bewegen. Während der Pandemie haben sich die Problemlagen verschoben zu Themen wie Konflikte in den WGs, Ängste, die gar nicht nur mit Prüfungsängsten, sondern auch mit sozialen Ängsten zu tun haben, depressive Verstimmungen, Suchterkrankungen oder Essstörungen. Dazu kam eine große Belastung durch das permanente Onlinestudium und ständige Bildschirmpräsenz. Ich glaube, dass die Pandemie eher wie ein Katalysator war für Themen, die latent bereits vorhanden waren.“

Ericas Zeit in Deutschland endet in diesem Jahr.

Ob Lehre in Präsenz oder in einem hybriden Format im Wintersemester möglich sein wird, ist noch unklar. Ericas Austausch endet diesen Sommer, sie zieht trotz allem eine positive Bilanz: „Das Wintersemester war psychologisch sehr anstrengend für mich. Mittlerweile denke ich aber: Ich habe das geschafft, also kann ich alles schaffen.“

„Wir müssen positiv bleiben – sonst ist fertig“ – Erica Avondo, Austauschstudentin 

Während Erica mit ihren Online-Kursen zufrieden ist, ist Rizwan in Sachen Lehre enttäuscht: „Ich hatte sehr hohe Erwartungen an das deutsche Unisystem. Ich dachte, dass Professoren und Studenten in Deutschland auf so einem hohen akademischen Level das lieben, was sie tun. Aber es fühlt sich an, als würden sie einfach nur ihren Job machen.“

Auch wenn es zum Beispiel von der Leuphana keine Unterstützung gibt, einen Impftermin gegen das Coronavirus zu erhalten, fühlen sich Erica und Rizwan gut von der Leuphana bei Fragen oder Problemen betreut. So hilft das International Office der Leuphana internationalen Studenten nicht nur bei der Beantragung von Krankenversicherung und Aufenthaltstitel, sondern bietet auch Veranstaltungen von virtuellen Stadtführungen über Schrottwichteln an Weihnachten bis zu Guerilla-Stricken an.

International Office sieht auch Vorteile im digitalen Lernen

Claudia Wölk, die Koordinatorin für internationale Studenten am International Office der Leuphana, sieht aber auch Positives an der digitalen Universität: „Ein Vorteil des digitalen Semesters ist, dass bei Kleingruppen auf Zoom die Gruppen per Zufallsprinzip eingeteilt werden können. So kamen internationale Studenten auch in Gruppen mit deutschen Studenten zusammen.“

Rizwan sitzt pro Tag bis zu neun Stunden am Schreibtisch. Wenn eine Deadline näher rückt, dann sogar die ganze Nacht.

Rizwans Master läuft noch, er hofft auf ein Studium in Präsenz im Winter – trotz bisher unklarer Aussicht auf einen Impftermin: „Die Uni muss wieder öffnen. Ich weiß nicht, ob ich noch ein Wintersemester in meinem kleinen Zimmer schaffe.“ Dann könnte er endlich mit seinem Fahrrad zum ersten Mal zum Campus der Leuphana fahren, um dort ein Seminar zu besuchen.

Weitere Eindrücke gibt es in einer Instagram-Story auf www.instagram.com/landeszeitung zu sehen.

Von Lisa Göllert

Kommentare

Sie wollen die Kommentare unter diesem Beitrag lesen und kommentieren?
Dann werden Sie LZ+-Abonnent. Informationen zum Digital-Abo der LZ finden Sie hier.