Freitag , 2. Dezember 2022
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Life-Projekt
Mehr als 6000 nachgezüchtete Rotbauchunken sind bislang im Rahmen des Life-Projektes im Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue ausgewildert worden. Das Projekt läuft noch zwei Jahre. (Foto; rg)

Projekt gegen das Artensterben

Seit einigen Jahren läuft im Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue ein Projekt zum Schutz der hiesigen Rotbauchunken-Population. Und es zeigt jetzt erste Erfolge.

Kaltenhof. Das Artensterben auf der Erde hat unvorstellbare Ausmaße angenommen. Jeden Tag, sagen Wissenschaftler, verschwinden bis zu 130 Tier- und Pflanzenarten von diesem Planeten. Für immer. Und nicht wenige Forscher halten dieses Artensterben für ein noch dringlicheres, für den Menschen noch gefährlicheres Problem als den Klimawandel, trotz der Tatsache, dass dieser Klimawandel einer der Gründe für das Artensterben ist. In Deutschland wird viel unternommen, um die dort gefährdeten Arten vor dem Aussterben zu bewahren. Auch und gerade in Lüchow-Dannenberg. Eines dieser Artenschutzprojekte läuft seit einigen Jahren im Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue: der Schutz der hiesigen Rotbauchunken-Population. Der letzten in ganz Niedersachsen. Und das Projekt zeigt jetzt erste Erfolge.

Verbreitungsgebiet vergrößert

Für einen Julitag ist es ziemlich ungemütlich an diesem Donnerstagvormittag an der Elbe bei Kaltenhof. Es ist kühl und das hohe Gras der Elbwiesen, durch das sich Florian Bibelriether und Rebecca Heiligtag voranarbeiten, ist nass. Ein Teich ist ihr Ziel, dort wollen sie junge, eigens dafür aufgezogene Rotbauchunken aussetzen. Fast 300 sind es dieses Mal.

Es ist die vierte Auswilderungsaktion an der Elbe im Biosphärenreservat, und trotz einiger Rückschläge, etwa in den beiden Dürrejahren 2018 und 2019, als viele Teiche und Bracks, in denen die Unken leben, trockenfielen, hat sich die Population stabilisiert, sagt Bibelriether. Mehr noch: „Durch das Anlegen neuer Teiche und das Etablieren von extensiver Rinderhaltung auf weiteren Weiden hat sich das Verbreitungsgebiet der Rotbauchunken innerhalb des Biosphärenreservats sogar vergrößert“, freut sich der Amphibienexperte, dessen Büro Amphi International im Auftrag des Biosphärenreservates das Auswilderungsprogramm betreut.

Jeweils 6000 Rotbauchunken ausgesetzt

Das Programm gehört zum sogenannten Life Auenamphibienprojekt des Biosphärenreservates, das das Ziel hat, mehr und bessere Lebensräume für bedrohte Arten zu schaffen – wie die Rotbauchunke. Durch das Anlegen von Teichen und Senken, durch den Ankauf von Flächen, auf denen dann extensive Rinderhaltung stattfinden kann, und eben durch das Aussetzen von gezüchtetem Amphibien-Nachwuchs. Rebecca Heiligtag betreut das Projekt bei der Biosphärenreservatsverwaltung und freut sich darüber, dass es mit den Rotbauchunken wieder bergauf gehe. Oder zumindest nicht mehr weiter bergab. „Als das Projekt startete, waren die Populationen hier auf einem Kipppunkt“, erläutert sie. Die in den zurückliegenden Jahrzehnten beim Deichbau durch das Abbaggern von Sand und Kleie entstandenen Teiche und Senken seien mittlerweile größtenteils zugewachsen, dort wachsen Büsche und Bäume, „für viele Amphibien ist das kein geeigneter Lebensraum mehr“, weiß auch Florian Bibelriether. Daher habe man neue geschaffen.

Und dort dann jeweils 6000 Rotbauchunken ausgesetzt. 21.000 insgesamt im Projektgebiet und an anderen Stellen in Niedersachsen, etwa dem Steinhuder Meer bei Hannover oder im Ilkerbruch bei Wolfsburg. Und so den Bestand erhalten. Geschätzte 1000 erwachsene, also mindestens zweijährige Rotbauchunken gibt es heute an der Lüchow-Dannenberger Elbe. „Man zählt die sogenannten Rufer, die erwachsenen Männchen, die die typischen Laute abgeben“, erklärt der Amphibienexperte. Deren Zahl lasse Rückschlüsse auf die Gesamtpopulation zu. „Früher einmal gab es die Tiere überall an der Elbe. Sie verschwanden, als ihre Lebensräume verschwanden, mit dem Wandel hin zur intensiven Landwirtschaft, in deren Zuge die Kühe von den Weiden in die Ställe verschwanden und Wiesen nicht mehr beweidet, sondern für Gras und Heu gemäht wurden“, erläutert er. Denn ohne Rinder keine Kuhfladen – und ohne Kuhfladen keine Fliegen und Bremsen, die Hauptnahrung der Rotbauchunken.

Nachfolgeprojekt ist geplant

Das Life Auenamphibienprojekt ist auf acht Jahre angelegt, sechs sind vorüber. Man werde aber sicher ein Nachfolgeprojekt auflegen, meint Rebecca Heiligtag. Um der Rotbauchunke und anderen bedrohten Arten langfristig das Überleben zu sichern. Und damit einen kleinen Beitrag im globalen Kampf gegen das Artensterben zu leisten. Einen von vielen im Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue.

Von Rouven Groß

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