Dienstag , 6. Dezember 2022
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Kim Wywijas wechselt aus dem Büro ins Handwerk. Foto: t&w

Die neuen Azubis starten

Der 1. August markiert den klassischen Beginn der Ausbildung. Noch sind aber auch viele Stellen offen. Die LZ stellt fünf Berufsstarter vor: Melania Mariotti, Luk Lühr, Kim Wywijas, Johannes Eickhof und Melissa Arikan. 

Lüneburg. Ausbildung, Studium, Auslandsaufenthalt – wer weiß, was er nach seinem Schulabschluss machen möchte, ist klar im Vorteil. Doch haben immer mehr Jugendliche keinen Plan, welche Entscheidung sie heute für morgen fällen sollen. Die unendlichen Möglichkeiten werden als Last empfunden, der Druck, die richtige Wahl zu treffen, ist enorm. Doch steht ihnen die Welt offen – auch auf dem Arbeitsmarkt: „Denjenigen, die noch keinen Ausbildungsvertrag haben, möchte ich Mut machen“, sagt Kerstin Kuechler-Kakoschke, Chefin der Agentur für Arbeit Lüneburg-Uelzen, denn der 1. August mag für viele der klassische Ausbildungsbeginn sein, aber auch später ist ein Einstieg noch möglich.

Ein Fazit für das laufende Jahr wird die Agentur deshalb auch erst im November ziehen, denn in den kommenden Wochen werde sich noch vieles bewegen, ist Kerstin Kuechler-Kakoschke sicher. Mit Stand Juli waren noch 426 Jugendliche ohne Platz und 324 Lehrstellen unbesetzt – nicht immer passen Traumberuf und Angebot, Wohn- und Arbeitsort, Wünsche und Anforderungen vollständig zueinander.

4,8 Prozent mehr Stellen als im vergangenen Jahr

Das Engagement der Unternehmen habe aber nicht nachgelassen, so die Agenturchefin: Seit Oktober meldeten Unternehmen im Landkreis Lüneburg 996 Ausbildungsstellen und damit 46 Stellen (4,8 Prozent) mehr als vor einem Jahr. Im gleichen Zeitraum suchten 1044 Jugendliche die Berufsberatung auf, 75 Jugendliche (6,7 Prozent) weniger als im Vorjahr.

Um ihren Aufgaben auch unter Corona-Bedingungen gerecht zu werden, hat die Agentur ihren Service ausgeweitet: „Wir haben unsere Angebote umgestellt und beispielsweise mit der Videoberatung ergänzt, damit wir die jungen Menschen erreichen und bei ihrer Berufswahl unterstützen können“, erklärt Kerstin Kuechler-Kakoschke.

Im Landkreis Lüneburg stehen noch zahlreiche Ausbildungsstellen zur Verfügung. Insbesondere suchen Unternehmen noch junge Menschen für den Beruf des Kaufmanns oder der Kauffrau im Einzelhandel (36), des Verkäufers oder der Verkäuferin (27), des Kaufmanns oder der Kauffrau für Büromanagement (19), des Fachverkäufers oder der Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk Bäcker (17), Zahnmedizinische Fachangestellte (16), Kaufleute im Groß- und Außenhandelsmanagement (14), Fachkräfte für Lagerlogistik (12), Elektroniker oder Elektronikerinnen Energie-/ und Gebäudetechnik (9), Elektroniker oder Elektronikerinnen Betriebstechnik (9) sowie Anlagenmechaniker oder Anlagenmechanikerinnen im Bereich Heizungs-, Sanitär- und Klimatechnik (9).

Frisches Obst statt Wimperntusche

Melania Mariotti sprüht zum Start bei Edeka vor Lebensfreude

Adendorf. Dass Melania Mariotti ein total zugänglicher, sympathischer Mensch ist, muss sie keinem erzählen. Man merkt es ihr an. Kein Wunder, dass sich die 18-Jährige deshalb für eine Ausbildung in einem serviceorientierten Unternehmen entschieden hat. Am kommenden Montag fängt sie ihre Lehre bei Edeka Jänecke in Adendorf an, lernt dort drei Jahre lang als Kauffrau im Einzelhandel. Der Weg dorthin war verschlungen.
Die Schule gerade absolviert, hatte die gebürtige Italienerin zunächst eine andere Karriere verfolgt: „Ich habe eine Ausbildung als Kosmetikerin begonnen, musste diese aber aus verschiedenen persönlichen Gründen wieder abbrechen“, sagt sie, „ich habe mich umorientiert.“ Eine Bewerbung bei Deutschlands größtem Lebensmittelhändler brachte die Wende – sie stieß auf Interesse. Das war im vergangenen Winter.

„Ich stand dann vor der Wahl, sollte mich entscheiden, bis zum August zu Hause zu bleiben oder aber als Vollzeitkraft zu helfen und einen ersten Einblick in das Unternehmen zu bekommen.“ Sie traf eine Entscheidung und hat sie nicht bereut: „Es wird gut bezahlt, ich habe schon viel gelernt – und alle meine Kolleginnen und Kollegen kennengelernt.“

Die sind ihr jetzt schon ans Herz gewachsen, ihre Chefs und ihre Aufgaben auch: „Ich sitze den Großteil der Zeit an der Kasse“, erzählt Melania Mariotti, „und habe direkten Kundenkontakt. Das macht mir Spaß.“ Noch reizvoller findet sie aber den Einsatz auf der Fläche, wie der Rest des Marktes genannt wird: „Ich räume total gerne die Regale, richte alles ordentlich aus, helfe mit Vergnügen, wenn ich gefragt werde, was wo steht oder welches Produkt ich empfehlen kann.“

Kommunikationsprobleme hat sie dabei nicht, obwohl sie erst seit vier Jahren in Deutschland ist: „Eigentlich stamme ich aus Rimini“, sagt sie, „aber meine Eltern wollten lieber woanders leben.“ Dass sie die Heimat vermissen würde, das war ihr damals klar, dass sie sich derart schnell hier einleben würde, nicht. „Meine neuen Schulfreunde haben mir bei der Integration sehr geholfen“, sagt sie – ihre offene, herzliche Art wohl auch, denn ein Problem mit der Sprache hat sie nicht: „Ich rede eben einfach gern.“

Draußen sein und anpacken

Der 17-jährige Luk Lühr beginnt seine Ausbildung zum Landwirt

Lüneburg. Am Schreibtisch sitzen und auf einen Bildschirm starren? Das kann sich Luk Lühr für sein späteres Berufsleben nicht vorstellen. Deshalb hat der 17-Jährige sich auch schon vor einigen Jahren entschieden, eine Ausbildung in der Landwirtschaft zu machen: Draußen tätig sein, anpacken, mit Nutzvieh umgehen und schweres Gerät bewegen - was ihn auf einem Hof erwartet, das weiß er bereits.

Einer der schulischen Zukunftstage hatte ihm die Richtung gewiesen, denn eine direkte genetische Vorbelastung hat der Lüneburger nicht: „Meine Eltern kommen beide aus der Stadt, machen beide Büroarbeit und haben mit dem Landleben nicht viel zu tun“, sagt er. Und auch der Großvater wird keinen großen Anteil an seiner Entscheidung gehabt haben: „Der hat zwar Bauer gelernt, danach aber einen anderen Beruf ergriffen.“

Morgens um 6 Uhr im Stall die Kühe melken: Während zahlreicher Praktika hat der Absolvent der Hugo-Friedrich-Hartmann-Schule seine Bereitschaft für die etwas anderen Arbeitszeiten getestet und für akzeptabel befunden: „Letztlich gehört das eben einfach auch dazu“, sagt er, „damit habe ich kein Problem.“

Der Melkhof Riekmann in Rottorf ist die erste Station seiner dreijährigen Lehrzeit, was danach kommt, wird sich noch zeigen: „Die Ausbildung besteht aus verschiedenen Etappen“, sagt der 17-Jährige, „und beinhaltet in der Regel auch einen Wechsel des Betriebs.“ Denn Viehhaltung und Ackerbau sind zwei ganz unterschiedliche Bereiche – sollten aber beide ihre Berücksichtigung finden.

In Rottorf wird sich der Realschüler zunächst viel mit den Kühen beschäftigen, die durfte er auch bereits kennenlernen: Im vergangenen Herbst hat er ein paar Tage zur Probe gearbeitet und seinen künftigen Chef von seinem Einsatzwillen überzeugt.

Um auf seine Lehrzeit bestmöglich vorbereitet zu sein, macht der Lüneburger, der seit Jahren auch bei der Jugendfeuerwehr aktiv ist, derzeit seinen Traktorführerschein. „Denn ohne den geht nichts“, weiß er. Welche Geräte er damit später über den Acker zieht, muss er noch lernen – das ist Bestandteil seiner Ausbildung.

Die findet wie bei fast allen anderen Lehrberufen in dualer Form statt: Einen Teil seiner wöchentlichen Arbeitszeit verbringt Luk Lühr auf dem Hof, den anderen in der Berufsschule. „Das ist eine gute Regelung“, meint er, „da kann ich dann das, was ich praktisch lerne, mit theoretischem Wissen untermauern.“ Wo die berufliche Reise hinführt und wo sie schließlich endet, weiß der 17-Jährige heute noch nicht: „Das wird sich zeigen“, sagt er, „ich bin für alles offen.“

Kein Problem mit der Männerdomäne

Kim Wywijas will Maurerin werden

Bleckede. Nach der Lehre ist vor der Lehre, hat sich Kim Wywijas gesagt und startet nach ihrer Ausbildung im kaufmännischen Büromanagement nun gleich in die nächsten zwei Jahre der Berufsvorbereitung – und das in einem vordergründig ganz anderen Bereich: Sie wird Maurerin. „Die Erfahrungen, die ich auf der Baustelle sammle, kann ich für die Arbeit am Schreibtisch gut nutzen“, sagt sie nicht ohne Grund: Dem Betrieb bleibt sie treu.
Bei Tillmann Bau in Bleckede ist die 20-Jährige seit ihrem Schulabschluss beschäftigt, hat während ihrer Zeit in der Verwaltung viel von der handwerklichen Praxis mitbekommen.

„Das ist ein Bereich, der mich einfach total reizt“, sagt die Reinstorferin, „und meine kaufmännische Ausbildung ideal ergänzt.“ Aufmaße nehmen, Baustoffbedarf ermitteln, Werkstoffe einschätzen – all das seien Tätigkeiten, in die sie tiefer einsteigen möchte. Erste Erfahrungen konnte sie bereits sammeln.

„Seit Mai bin ich schon mit auf den Baustellen, habe mir einen Überblick über die verschiedenen Aufgaben verschafft. Das interessiert mich“, sagt sie. Erstmals konnte das Unternehmen in diesem Jahr wieder alle vier Ausbildungsplätze besetzen – mit Kim Wywijas als einziger Frau. Das stört die aber wenig: „Mit den Jungs komme ich gut klar“, sagt sie, „und letztlich stamme ich ja vom Dorf, da ist das völlig normal, dass auch die Mädchen mit anpacken.“

Ein Jahr wird sie neben der Praxis an der BBS II lernen, auch praktische Lehrgänge am Technologiezentrum Lüneburg absolvieren. Am Ende wird die traditionsreiche Firma eine kompetente und vielschichtig gebildete Mitarbeiterin in ihrem Büro sitzen haben, denn da will die 20-Jährige wieder hin. „Letztlich kann ich aber dann auch mal auf den Baustellen einspringen, wenn Bedarf ist“, sagt sie. Ihr Chef wird sich über so viel Engagement freuen.

Lernen von den Besten

Johannes Eickhof macht seine Kochleidenschaft zum Beruf

Scharnebeck. Arbeiten, wo andere Urlaub machen – für Johannes Eickhof wird das bereits zum Start seiner beruflichen Karriere Realität: In Kürze beginnt der 18-Jährige seine Ausbildung als Koch auf Sylt, wird dann für mindestens drei Jahre auf Deutschlands größter Nordseeinsel ein neues Zuhause finden. Dieses Ziel hat er von langer Hand verfolgt. In der neunten Klasse hat der Scharnebecker – damals noch von der Oberschule Am Katzenberg in Adendorf aus – sein Praktikum in der Küche absolviert, mit einer Sondergenehmigung mitten im Urlaubsparadies: „Bei einem Kochfestival in Hamburg habe ich Mitarbeiter des Söl’ring Hofs kennengelernt, bin mit ihnen ins Gespräch gekommen.“ Eine Einladung für zwei Wochen Joborientierung waren die Folge.

Das Talent für seine spätere Berufswahl wurde Johannes Eickhof bereits in die Wiege gelegt: „Meine Mutter ist Hotelfachfrau, mein Vater gelernter Koch“, sagt er, „da habe ich schon als Kind erfahren, wie Gastfreundschaft geht.“ Andere Menschen bewirten, dabei auch mal mit Lebensmitteln experimentieren - das sei seine Leidenschaft. Und die kann er fortan voll ausleben: Der Söl’ring Hof ist Sylts erste Adresse, trägt insgesamt acht Sterne: fünf allein für das Luxushotel am Rantumer Strand, zwei vom Michelin für das Restaurant und einen grünen für Nachhaltigkeit.

Neben seiner Etikette sind es aber besonders die Mitarbeitenden, die den 18-Jährigen damals veranlassten, seine eigenen Ansprüche auf ein derart hohes Niveau zu schrauben: „Trotz eines mitunter rauen Tons in der Küche – die sind einfach total nett“, sagt er.

Und davon kann er sich bald auch privat überzeugen, wird er doch sicherlich auch einen großen Teil seiner Freizeit mit ihnen verbringen: Weil den Hotelbetreibern bewusst ist, dass Wohnraum im Jet-Set nicht zu finanzieren ist, haben sie für ihre Belegschaft schon vor Jahren ein Mehrparteienhaus gekauft. Dort wird auch der 18-Jährige ein Zimmer beziehen, denn klar ist: „Müsste ich mir auf Sylt auf dem freien Markt eine kleine Wohnung suchen, würde ich für eine Vier-Wochen-Miete allein vier Monate arbeiten.“

Arbeiten – das wird fortan Teil seines Lebens werden, und das ist ihm auch bewusst: „Mir macht das derart viel Spaß, dass ich mir gar keine Alternative vorstellen kann.“ Studieren kam für ihn nie infrage, und ein Abschluss mit Fachabitur nach der 12. Klasse an der Integrierten Gesamtschule reichte, denn der Weg steht fest: „Nach meiner Lehre will ich nochmal im Ausland Erfahrungen sammeln und irgendwann später dann mein eigenes Restaurant aufmachen.“

Zwischen Zahlen und Menschen

Kauffrau für Bürokommunikation ist das Ziel von Melissa Arikan

Lüneburg. „Man lernt nie aus“, sagt Melissa Arikan und lacht. Und deshalb wechselt sie auch gar nicht erst die Schule, sondern nur das Zeitmodell: Am kommenden Montag beginnt die 19-Jährige ihre Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement beim Medienhaus Lüneburg, wird dort drei Jahre lang in die Lehre gehen. Den praxisbegleitenden theoretischen Teil lernt sie dabei an einer ihr vertrauten Einrichtung: Die BBS I hat sie vor Kurzem gerade erst verlassen.

Ein Jahrespraktikum im Verwaltungsbereich der Löwe-Stiftung hat die 19-Jährige zu ihrer Bewerbung bewogen: „Ich habe dabei einfach schnell gemerkt, dass das etwas für mich ist“, sagt sie. „Organisieren, telefonieren, aber auch anderen bei Fragen zu helfen und Probleme zu lösen, das macht mir einfach Spaß.“

Täglich sei sie mit den unterschiedlichsten Aufgaben betraut gewesen, hätte einen guten Einblick in einen vielschichtigen Job bekommen. Das hat sie in ihrer Entscheidung bestärkt. Mit der Landeszeitung habe sie zudem noch ein alteingesessenes Lüneburger Unternehmen als Ausbildungsbetrieb gewinnen können, „und das macht mich auch ein bisschen stolz“.

Drei Jahre umfasst die Lehre, die zu einer der beliebtesten unter jungen Schulabgängern zählt, bietet dabei neben einer Fülle an Aufgabenbereichen auch die Chance, sich zu spezialisieren: „Nach den ersten zwölf Monaten kann ich mein Wissen in zwei von insgesamt zehn Wahlqualifikationen vertiefen“, erklärt Melissa Arikan, „und mich mit denen dann fünf Monate lang intensiver beschäftigen.“

Kaufmännische Steuerung und Kontrolle – das wären ihre Präferenzen. Langweilig? „Gar nicht“, sagt die 19-Jährige vergnügt, „der Job ist total abwechslungsreich und umfasst so viele Bereiche, darunter auch Kundengewinnung und Buchführung, Finanzierung und Projektmanagement.“

Wohin der spätere Weg sie führt, weiß die reisebegeisterte Lüneburgerin derzeit noch nicht. Nur eins ist klar: „Fortbilden und weiterbilden, das ist für mich wichtig. Man lernt nie aus.“

Von Ute Lühr