Freitag , 2. Dezember 2022
Anzeige
Uwe Schröder, 60, ist im Vorruhestand und führt Gäste durch das Pietzmoor, weil es ihm Spaß macht.
Uwe Schröder, 60, ist im Vorruhestand und führt Gäste durch das Pietzmoor, weil es ihm Spaß macht. (Foto: geo)

Ausflugstipp: Trockenen Fußes durchs Moor (mit Video)

Moore sind unheimlich? Denkste! Moore sind wahre Klimaretter. Bei einer geführten Wanderung durch das Pietzmoor erlebt man ein besonderes Stück Natur – und lernt auch noch was.

Schneverdingen. Der Abend beginnt perfekt, mit einem Bild wie auf einer Postkarte. Eine Herde Heidschnucken, dazwischen ein paar Ziegen, am Rand der Schäfer mit seinen Hütehunden: „Das habe ich für Sie bestellt, natürlich“, nutzt Uwe Schröder die Steilvorlage für einen sympathischen Einstieg in die gemeinsamen Stunden. Denn mit diesem Anblick gerechnet hat hier sicher niemand. Schließlich steht eine Abendwanderung durch ein Moor auf dem Programm. Nicht durch die Heide.

8000 Jahre alt ist das Pietzmoor

Zwischen zwei Welten wird dieser Weg zweieinhalb Stunden später enden: links nasses Moor, rechts staubige Heide. Doch erst einmal geht’s geradeaus, mitten hinein ins mehr als 8000 Jahre alte Pietzmoor, größtes Hochmoor der Lüneburger Heide.

„Nicht zu weit am Rand gehen“, warnt der Gästeführer die Gruppe. „Nicht, weil auf einmal eine Hand aus dem Moor ragen kann. Sondern damit Sie nicht vom Steg abrutschen.“ Denn damit die Menschen hier so bequem, trockenen Fußes und ohne dass sie die Natur schädigen durch das Moor spazieren können, führt ein Bohlensteg durch das Gelände. Praktischer Nebeneffekt: Verlaufen kann sich hier auch niemand.

Das Moor wächst einen Millimeter – pro Jahr

Nach der letzten Eiszeit – die vorletzte hatte übrigens Erhöhungen wie den Wilseder Berg in die Gegend geschoben – sammelte sich Wasser in den vorhandenen Senken. Und da das Gelände rund um das Pietzmoor ähnlich wie ein Pferdesattel geformt ist, blieb das Wasser eben hier – und bildete ein Moor. „Die Torfmoose faulen zwar ab, sterben aber nicht“, erklärt Uwe Schröder. „Und so wächst das Moor stetig weiter nach oben, etwa einen Millimeter pro Jahr.“ Der Kontakt zum Grundwasser brach irgendwann ab, das Moor lebt nur noch vom Regenwasser. „Es ist extrem sauer, ähnlich wie Apfelsaft.“

Torf hat etwa denselben Brennwert wie trockenes Holz

Torfmoose können das 20- bis 30-Fache ihres eigenen Gewichts speichern – früher hat man daher Leinentücher mit den Pflanzen gefüllt und als Windeln oder Binden benutzt. Der Torf entsteht aus abgefaulten Pflanzenteilen – und wer ein paar Zehntausend Jahre Geduld hat, kann ihn dann stechen. Genau das hat man auch im Pietzmoor getan. „Heute besteht die Lüneburger Heide zu 65 Prozent aus Wald“, erklärt Schröder. „Um 1850 waren es aber nur fünf Prozent.“ Die Bauern brauchten also eine Alternative zum Feuerholz – und fanden sie im Moor. Denn Torf hat in etwa denselben Brennwert wie trockenes Holz.

1960 endete der Abbau

Die Bauern bekamen damals Parzellen, aus denen sie abbauen durften, bis 7,50 Meter tief stachen sie die Soden ab, stapelten sie vor Ort, ließen sie trocknen und schafften sie im Herbst per Karren und Pferdefuhrwerk zu ihren Höfen. Eine Knochenarbeit, und nicht immer ungefährlich, wenn zwei solcher Schächte nah beieinander lagen. „Meine Mutter hat hier noch Torf gestochen“, erzählt der 60-Jährige. Aber 1960 endete der Abbau. Und jetzt wird renaturiert.

„Sie speichern aber doppelt so viel Kohlendioxid wie alle Wälder zusammen“

Wie wichtig Moore für den Klimaschutz sind, erklärt Uwe Schröder anhand eines genauso simplen wie eindrucksvollen Vergleichs. „Moore machen nur drei Prozent der Erdoberfläche aus“, sagt er. „Sie speichern aber doppelt so viel Kohlendioxid wie alle Wälder zusammen.“

Wo die Menschen im Pietzmoor einst das Torf gestochen haben, lässt sich heute deutlich erkennen: Die einstigen Torfstiche stehen voller Wasser, sehen aus wie kleine Teiche oder Seen. „So viel Wasser gehört eigentlich nicht in ein Hochmoor,“ sagt Schröder. „Auch wenn es mit den Spiegelungen auf der Oberfläche natürlich toll aussieht.“

Die Gretchenfrage der Lüneburger Heide

Vorbei an Kiefern und Birken geht es immer weiter durch das Moor, und ganz hinten beim Knick nach links klärt der Gästeführer auch fix über etwas auf, das zum Besuch in der Lüneburger Heide einfach dazugehört – auch wenn man gerade ein Moor durchwandert. Mal pro Führung muss einfach die Gretchenfrage der Lüneburger Heide gestellt werden: „Wissen Sie, wie diese Heide heißt?“, fragt also auch Uwe Schröder die Urlauber. Und eine Dame antwortet tatsächlich: „Na, Erika!“

Sie hat sogar Recht, die gezeigte Pflanze ist tatsächlich ein Strauch der Glockenheide. Aber natürlich stellt Uwe Schröder gleich danach klar, dass die Landschaft der Lüneburger Heide nicht mit Erika bewachsen ist, sondern mit Calluna, Calluna vulgaris, der Besenheide.

Über die sogenannte Osterheide, das Areal gegenüber dem Pietzmoor, gibt es auch etwas zu erzählen: Die nämlich war bis 1994 eine Sandwüste – ein Truppenübungsplatz. Dass dort nun die typische Heidelandschaft auf Spaziergänger wartet anstatt dass Panzer Staubwolken durch den Ort wabern lassen, ist für Schneverdingen „ein touristischer Lottogewinn“, so Schröder.

„Toll, es ist doch jedes Mal ein bisschen anders“

Und als ein Kuckuck durch die Abendluft ruft, erzählt der Gästeführer noch von einem Brauch in der Lüneburger Heide: „Früher durfte der neue Schinken aus dem Winter erst angeschnitten werden, wenn der erste Kuckuck rief.“

„Toll, es ist doch jedes Mal ein bisschen anders“, sagt Bettina Bowinkel, als die Gruppe zwischen Heide und Moor zurück zum Startpunkt spaziert, direkt der untergehenden Sonne entgegen. Wie das gemeint ist? „Wir haben schon sämtliche Führungen durch das Pietzmoor mitgemacht“, erklärt die Urlauberin aus Hamm, zusammen mit Mann Jörg, Tochter Lara (12), deren Freundin und Hündin Nala. „Morgens, mittags und eine abgebrochene, weil es einfach zu stark geregnet hat.“ Wie bitte? „Naja, wir sind schon das sechste Mal hier. In der Heide.“

Von Carolin George

Kommentare

Sie wollen die Kommentare unter diesem Beitrag lesen und kommentieren?
Dann werden Sie LZ+-Abonnent. Informationen zum Digital-Abo der LZ finden Sie hier.