Montag , 5. Dezember 2022
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Stadtarchäologe Prof. Dr. Edgar Ring erläutert anhand der Beischlagwangen, wie sich das Niveau des Platzes am Sande im Laufe der Jahrhunderte verändert hat.
Stadtarchäologe Prof. Dr. Edgar Ring erläutert anhand der Beischlagwangen, wie sich das Niveau des Platzes am Sande im Laufe der Jahrhunderte verändert hat. (Foto: t&w)

Platz Am Sande im Mittelalter: Die Arena mitten in Lüneburg

Über die Zukunft des Platzes Am Sande wird zurzeit viel diskutiert. Ein Rückblick zeigt, dass dort bereits im Mittelalter mächtig was los war - und er in den Anfängen vermutlich um einiges tiefer lag.

Lüneburg. Die Zukunft des Platzes Am Sande wird einmal mehr vielfältig diskutiert. Der Verkehr soll zum Beispiel möglichst weniger, die Aufenthaltsqualität verbessert werden und Grün könnte sich statt Pflaster breit machen. Einen Blick in die Vergangenheit der "Arena", wie der Platz erstmals in einer Schriftquelle von 1229 bezeichnet wurde, wirft die LZ mit Stadtarchäologen Prof. Dr. Edgar Ring, Kenner der Lüneburger Geschichte.

Im 13. Jahrhundert Grundstücke am Sande angelegt

Anfang des 13. Jahrhunderts lag die eigentliche Siedlung namens Lüneburg am Fuß des Kalkbergs. Im Bereich der St. Johanniskirche gab es die Siedlung Modesdorp, schildert Ring. Beide wuchsen nach und nach zusammen, nachdem Grundstücke am Sande angelegt wurden. Das in der Schriftquelle lateinische Wort Arena heißt übersetzt Sand, sprich gesiedelt wurde an einem Sandplatz. "Er war halb Straße, halb Platz. Die Grundstücke, schmal und tief, wurden vom hinteren Bereich erschlossen", erläutert Prof. Ring. Auch an der heutigen Grapengießerstraße zeigt sich, dass dort bereits im Mittelalter streifenförmige Parzellen entstanden. Ein Beleg dafür, dass die Stadt planmäßig im Mittelalter angelegt wurde.

Das Stapelrecht zwang Händler mit Gespannen in die Stadt

Stark belebt war der Platz schon im Mittelalter. Seit dem späten 14. Jahrhundert gab es das Stapelrecht und die Anlagen der Landwehre. Dadurch waren die Händler gezwungen, mit ihren Gespannen in die Stadt zu kommen und ihre Waren anzubieten. Vom Roten Tor sowie dem Altenbrücker Tor aus überquerten die Pferdegespanne den Sande, um zum Heringshaus – später Altes Kaufhaus – im Hafen zu gelangen. "Drei Tage mussten sie dort ihre Waren feilbieten. Das sicherte einerseits die Versorgung der Stadt mit Gütern, andererseits sicherte es aber auch Einnahmen. Denn fürs Abladen und Stapeln, das städtische Mitarbeiter übernahmen, floss Geld in die Stadtkasse."

Fremdbier war für den Rat schöne Einnahmequelle

Der eigentliche Markt fand sich auch im Mittelalter schon vorm Rathaus, kleinere Märkte habe es vor der St. Johanniskirche und dem Kalandgebäude gegeben, wo zum Beispiel Schafe und Ziegen den Besitzer wechselten. Am Sande war eine Weiß-Laderei angesiedelt, wo Salz auf den Weg gebracht wurde. Fremdbier gab's im sogenannten Bierkeller, denn in der Fremde Gebrautes wie Braunschweiger Mumme oder Einbecker Bier durfte nur vom Rat verkauft werden, der sich damit eine schöne Einnahmequelle sicherte.

Aber auch Brauhäuser und Krämer waren hier angesiedelt, "überliefert ist auch, dass hier ein Syndicus der Stadt wohnte. Die Patrizier hingegen hatten ihre Wohnhäuser überwiegend mehr in Richtung Rathaus, dem Machtzentrum der Stadt."

1484 wurde der Platz gepflastert

1484 wurde der Platz laut einer Kämmerei-Rechnung gepflastert. Doch auch schon zuvor mögen Sandschichten zur Befestigung auf die erste draufgelegt worden waren, und im Laufe der Jahrhunderte kam noch manch weitere drauf. Ursprünglich mag der Platz erheblich tiefer gelegen gewesen sein. So verwies der Lüneburger Architekt und Bauhistoriker Franz Krüger 1901 auf die Beischlagwangen am Gebäude 16, in dem sich heute die Helms Apotheke befindet.

Heute missen diese 1,70 Meter, ursprünglich müssen sie laut Krüger doppelt so hoch gewesen sein. Ring erläutert dazu: "Früher war das Erdgeschoss Hochparterre, dorthin führte eine große Treppe. Seitlich waren diese mit Beischlagwangen begrenzt, die mit dem Familienwappen der Wülsches und religiösen Motiven verziert waren. Dahinter befanden sich steinerne Sitzbänke. Dort konnten die Bewohner des Hauses Platz nehmen, am Leben auf dem Platz teilnehmen oder auch ein Schwätzchen halten." Inzwischen ist das fast Erdgeschoss ebenerdig.

Im 16. Jahrhundert sprudelten zwei Brunnen

Eine Stadtansicht von 1598 von Braun und Hogenberg zeigt zudem, dass Brunnen – einer in Richtung Johanniskirche, der andere in der Mitte des Platzes – sprudelten. 2000 Mark, eine enorme Summe im 15. Jahrhundert, soll der eine gekostet haben, bezahlt vom finanzkräftigen Sodmeister, berichtet Ring. Im 19. Jahrhundert wurden nicht nur alle Straßen in der Stadt gepflastert, sondern auch der Platz einmal mehr. "Ein Gemälde zeigt zudem Bäume direkt vor den Häusern, vermutlich waren es Linden. Auch Akazien gab es."

Über die habe sich Heidedichter Löns allerdings in einem Kinderlied lustig gemacht. Bei einer möglichen künftigen Begrünung gilt es also mit Umsicht zu agieren, Spott handelt man sich schnell ein.

Von Antje Schäfer

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