Freitag , 2. Dezember 2022
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Das neue Schild mit den Wappen der Partnergemeinden wurde am Freitag in Barendorf feierlich enthüllt. (Foto: t&w)

Belarus: Jugendliche müssen zuhause bleiben

Erst Corona und nun auch noch die angespannte politische Situation in Belarus: Bereits im vergangen Jahr fielen die Erholungsaufenthalte in der Ostheide für Kinder aus dem Land aus. Und auch in diesem Jahr mussten sie zuhause bleiben. Rathauschef Norbert Meyer hofft, dass im nächsten Jahr wieder Normalität herrscht.

Barendorf. Er gilt als „der letzte Diktator“des Kontinents: Alexander Lukaschenko, Präsident der Republik Belarus. Seit mehr als 26 Jahren führt er mit harter Hand das Land – fernab von demokratischen Strukturen und Werten. Proteste gegen sein Regime werden rücksichtslos aufgelöst, Oppositionelle verhaftet. Belarus gerät so immer weiter in die politische Isolation – und das macht die Zusammenarbeit für westliche Institutionen und Politiker mit Belarus zunehmend komplizierter.

Norbert Meyer, Bürgermeister der Samtgemeinde Ostheide, bedauert diese Entwicklung. Denn seit knapp 30 Jahren organisieren die Samtgemeinde und der Verein „Initiative Tschernobyl“ (vormals Nadeshda) in den Sommerferien Erholungscamps für belarussische Kinder aus Choniki und Umgebung. Zudem besteht seit 25 Jahren eine Patenschaft zwischen der Samtgemeinde und der belarussischen Kommune. Eine Stadt, die nur wenige Kilometer vom Unglücksreaktor in Tschernobyl entfernt ist.

Verbundenheit mit belarussischen Freunden soll nicht in Vergessenheit geraten

Bereits im vergangenen Jahr sollte das 25-jährige Patenschafts-Jubiläum mit Choniki gefeiert werden. Doch dann kam Corona – und erstmals durften auch keine Kinder zum Erholungsurlaub in die Samtgemeinde Ostheide kommen. Auch die Feierlichkeiten zum Jubiläum mussten abgesagt werden. „Wir wollen aber unsere Verbundenheit mit unseren belarussischen Freunden nicht in Vergessenheit geraten lassen“, sagt Meyer, der deshalb gestern – gemeinsam mit Vertretern des Partnerschaftsausschusses – ein Schild mit den Wappen der drei Kommunen (Ostheide, Choiniki und Criquetot l“Esneval) in der Samtgemeinde aufstellte.

Das auch in diesem Jahr – wegen Corona – der Erholungsaufenthalt für belarussische Kinder in der Samtgemeinde abgesagt werden musste, schmerzt Meyer ganz besonders: Solche Erholungsfahrten sind auch 36 Jahre nach der Reaktorkatastrophe extrem wichtig für Kinder aus der noch immer stark radioaktiv belasteten Zone rund um Choiniki“, betont er. Man müsse auch kein Arzt sein, um zu erkennen, dass die jungen Gäste im Vergleich zu ihren deutschen Alterskameraden deutlich kleiner und geschwächter seien.

Partnerschaft zwischen Choiniki und der Ostheide auf gutem Weg

Die Menschen in Choiniki leben und arbeiten am Rande des Sperrgebietes, bauen ihr Obst und Gemüse an und leben von dem, was ihre Felder und Gärten hergeben. Trotz der immer noch hohen Strahlenbelastung. „Ihnen bleibt aber schließlich auch kaum etwas anders übrig, wenn sie Essen auf den Teller bringen wollen“, weiß der Rathauschef. Die belarussische Regierung habe das Problem auf ihre Art gelöst und die Strahlengrenzwerte gelockert. „So gelten die Nahrungsmittel als genießbar!“

Die Partnerschaft zwischen Choiniki und der Ostheide war auf einem guten Weg. Vor vier Jahren besuchte der Bürgermeister aus Choiniki, Alexander Bandarenko, die Samtgemeinde Ostheide, zeigte großes Interesse daran, wie hierzulande die Land und Holzwirtschaft sowie das Krankenhauswesen funktioniert und organisiert ist. Zwar hat Meyer auch jetzt noch Kontakt zu seinem Amtskollegen in Choiniki, der Ostheider Rathauschef spürt aber auch eine Zurückhaltung am anderen Ende der Leitung. Meyer zeigt dafür Verständnis – angesichts der äußerst schwierigen innenpolitischen Situation in Belarus.

Doch für ihn stehe die humanitäre Hilfe an erster Stelle: „Uns geht es vor allem um die Kinder, damit die nach Corona endlich wieder zu uns in die Ostheide kommen dürfen“, nennt Meyer das für ihn wichtigste Ziel. Zur Politik von Präsident Lukaschenko hat Norbert Meyer trotzdem eine klare Haltung: „Mit Knüppeln gegen die eigene Bevölkerung vorzugehen, das geht gar nicht!“ stellt der Kommunalpolitiker unmissverständlich klar.

EU hat verschärfte Sanktionsmaßnahmen gegen Belarus verhängt

Inzwischen hat auch die EU verschärfte Sanktionsmaßnahmen gegen Belarus verhängt. Grund dafür war das Vorgehen Lukaschenkos gegen den Oppositionellen Roman Protasewitsch im Mai 2021. Da hatte der belarussische Präsident ein Passagierflugzeug zur Landung gezwungen, um Protasewitsch verhaften zu können.

All das macht das Leben für die Menschen in Belarus nicht leichter. Manche nehmen es inzwischen mit Galgenhumor: „Wenn wir nicht demonstrieren, kann uns auch nichts passieren“, sagt jüngst Ludmilla Tichonowskaja aus Minsk zu Meyer. Sie betreut seit fast 30 Jahren die Kinder aus der belarussischen Stadt während ihres Aufenthaltes in der Samtgemeinde Ostheide, ist damit die „gute Seele“ des Austausches. Auch sie hofft, dass Corona bald ein Ende hat und die Erholungsaufenthalte wieder stattfinden können.

Von Klaus Reschke

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