Samstag , 3. Dezember 2022
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Die letzte Sirene Lüneburgs kann als Relikt des Kalten Krieges im Feuerwehrmuseum bestaunt werden. Abgebaut wurde sie Mitte der 90er-Jahre, als klar wurde, dass „der Russe“ nicht mehr über die Elbe setzen wird. (Foto: t&w)

Die Rückkehr der Sirenen

Als die Mauer fiel, fielen wenig später auch die Sirenen. Doch heute droht nicht mehr der Ostblock, sondern der Klimawandel. Jetzt beschloss die Stadt, sich neue Sirenen anzuschaffen, um etwa bei Extremwetterlagen die Bürger warnen zu können.

Lüneburg. Die Letzte ihrer Art ist längst museumsreif. Besucher des Feuerwehrmuseums bestaunen die letzte Sirene Lüneburgs als Relikt des Kalten Krieges. Abgebaut Mitte der 90er-Jahre, als klar wurde, dass "der Russe" nicht mehr über die Elbe setzen wird. Der neue Russe ist der Klimawandel. Nach der Flutkatastrophe im Südwesten wappnet sich auch Lüneburg gegen häufiger werdende Extremwetterlagen. Und dazu gehört die Rückkehr der Sirenen. Der Feuerwehrausschuss der Stadt Lüneburg ebnete am Dienstag Abend dafür einstimmig den Weg.

Förderprogramm des Bundes

Der Impuls zur Renaissance der lärmenden Warngeräte kam vom Bund, nachdem sich allgemein die Erkenntnis durchgesetzt hatte, dass weder Warn-Apps noch Radio oder Fernsehen für eine sichere Alarmierung der Bürger bei Nacht sorgen könnten. Als klar wurde, dass aus Berlin nicht nur warnende Worte, sondern auch Geld kommen würde, schlug die Verwaltung der Stadt vor, bis Ende nächsten Jahres wieder eine vollständige Sireneninfrastruktur in Lüneburg aufzubauen.

Bis zu 20 Sirenen

Nötig seien dafür 15 bis 20 Sirenenanlagen, die nach den Worten von Sebastian Markwardt von der Feuerwehr Lüneburg vorrangig auf städtischen Gebäuden platziert werden sollen. Im Landkreis sei die Lage anders. Dort fände man noch sehr häufig die "Einheitssirene 1957, kurz E57 genannt – gut zu erkennen an ihren pilzförmigen Wetterschutzdächern. Die E57 ist elektromechanisch, nicht unerhebliche Wartungs- und Unterhaltskosen sind obligatorisch. In der großen Abbauphase ab 1993 wurde die Hälfte der bundesweit 80.000 Sirenen abgebaut, weil die Kommunen nun für deren Unterhalt selbst aufkommen mussten. Kahlschlag gab es vor allem im städtischen Bereich, weil dort die Funkabdeckung vollständig war und zumindest die Feuerwehrleute über Funk alarmiert werden konnten.

BIWAPP erreicht nicht jeden

Aktuell werden die Bürger in der Region über die App BIWAPP gewarnt. Erreicht werden aber nur diejenigen, die diese auf ihrem Smartphone installiert haben. Und die Weckfähigkeit war so auch nicht gegeben, wie schon die Auswertung des bundesweiten Warntags 2020 ergab. "Ich musste im Ahrtal sehen", sagte Ausschussvorsitzender Christian-Tobias Gerlach (CDU), "was tragischerweise passiert, wenn die Alarmierung nicht klappt." Gerlach war als Polizist im Katastrophengebiet eingesetzt. Im Juni legte deshalb das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe ein Förderprogramm auf, das demnächst vom Land Niedersachsen in einem Erlass umgesetzt wird.

Doch darauf wollte die Stadtverwaltung nicht warten. Sie will 100.000 Euro, die im laufenden Etat noch verfügbar sind, nutzen, um noch in diesem Jahr die ersten vier bis fünf Sirenen anzuschaffen. Die restlichen 10 bis 15 sollen dann 2022 folgen.

Auch bei Blackout funktionsfähig

Die neuen Sirenen spielen technisch in einer anderen Liga als die, die vor 30 Jahren ins Museum wanderten, machte Feuerwehrmann Sebastian Markwardt im Ausschuss deutlich. "Sie sind mit 130 Dezibel deutlich lauter, haben sehr geringe Strom- und Wartungskosten. Dazu ein Notstromaggregat, das auch im Falle eines Blackouts für eine Woche die Alarmierungsfähigkeit aufrecht erhält. Dazu können sie bei nationalen Notlagen auch aus weiter Entfernung – aus Celle und Bad Neuenahr – ausgelöst werden." In Bad Neuenahr ist die Bundesakademie für Bevölkerungsschutz.

Bis zu 25.000 Euro pro Sirene

Pro Sirene kalkuliert die Verwaltung mit 20- bis 25.000 Euro Kosten. Insgesamt schlägt das Projekt mit 300- bis 500.000 Euro zu Buche. Vom Bund erhält Niedersachsen 8,2 Millionen Euro, rechnete Sicherheitsdezernent Markus Moßmann vor, "es dürften also etwa 80.000 Euro an Förderung in Lüneburg ankommen".

Aufgebaut sollen die neuen Sirenen vorrangig auf Dächern, nicht an Mastanlagen, weil diese nach den Worten Moßmanns "vandalismusgefährdeter" seien. Feuerwehrmann Markwardt hofft, dass die neuen Sirenen auch die Möglichkeit zur Durchsage einer Sprachnachricht haben. "Dann könnte bei entsprechender Gefahrenlage auch in den verschiedenen, hier gesprochenen Sprachen gewarnt werden."

Von den Mitgliedern des Ausschusses gab es in dessen letzter Sitzung in dieser Besetzung nur Lob für dieses Projekt.

Von Joachim Zießler

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