Sonntag , 4. Dezember 2022
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Martin Kamma lebt vegan
Seit dem Jahr 2000 hat Martin Kamma in Lüneburg seine eigene Praxis. (Foto: t&w)

Zukunftsserie: Eine Frage der Sichtweise

Die Zahl der Veganer in Deutschland nimmt zu. Diese Ernährungsweise gilt als besonders gesund. Warum das so ist, erklärt der Lüneburger Arzt Martin Kamma, der Ernährungsmediziner – und Veganer ist.

Lüneburg. Laut einer Statistik vom vergangenen Juni ernähren sich in Deutschland 4,4, Prozent der Bevölkerung (also etwa 3,6 Millionen Menschen) vegetarisch und 3,2 Prozent vegan (etwa 2,6 Millionen) – Veganer verzichten komplett auf jegliche Nahrungsmittel tierischen Ursprungs, sie trinken also zum Beispiel keine Milch und essen weder Butter, Joghurt und Käse.

Seit wann leben Sie vegan?

Seit April 2013.

Gab es einen besonderen Moment, der als Auslöser diente?

Die Problematik von omnivorischer Ernährung, insbesondere die des Konsums von Nahrungsmitteln tierlichen Ursprungs, hatte mich schon viele Jahre vorher beschäftigt.

Tatsächlich war es dann eine körperliche Problematik, die den entscheidenden Impuls dazu gab: Innerhalb von eineinhalb Jahren erlitt ich damals einen Bandscheibenvorfall und einen Riss der Achillessehne mit nicht einmal zweiundfünfzig Jahren. Ich diagnostizierte mir eine starke vorzeitige Alterung meines Bindegewebes und hatte die Antwort darauf parat: Fehlernährung.

Und das, obgleich ich schon immer der Überzeugung war, mich ausgeglichen und überwiegend vollwertig zu ernähren.

Spielten ethische Werte bei Ihrer Entscheidung auch eine Rolle?

Die folgten natürlich auf dem Fuße. Ich machte mir einmal mehr bewusst, dass meine Gesundheit nicht trennbar ist von der Gesundheit der Welt, in der ich lebe. Mit dem Konsum von Nahrungsmitteln tierlichen Ursprungs ignoriere ich Tierrechte und verursache Tierleid. Ich nehme damit Wasserverschwendung, zunehmende Umweltverschmutzung und -zerstörung sowie eine drastische Beschleunigung der Erderwärmung und des Klimawandels billigend in Kauf.

Heißt vegan denn automatisch auch gesund?

Keinesfalls. Sehr grob vereinfacht sehe ich zwei Gruppen von Veganern: Die einen sind die Ernährungsbewussten, die sich schon seit Jahren oder Jahrzehnten vegetarisch ernährt haben, um dann einen Schritt weiter zu gehen. Die anderen sind oft die „jungen Kämpfer“ für Tierrechte, Umweltschutz und Klimaschutz. Sie sahen oft bisher keinen Grund, sich über ihre Gesundheit Gedanken zum machen. Mit dem Entschluss, sich vegan zu ernähren bzw. vegan zu leben, ist dann mittelfristig eine Auseinandersetzung mit dem Thema „gesunde Ernährung“ und Erhaltung der eigenen Gesundheit unausweichlich.

Ja, es gibt sie, die „Marmeladentoast- und Sojapuddingveganer“, sie sind von mir als Ernährungsmediziner herzlich dazu eingeladen, sich mit gesunder Ernährung zu befassen. Gleichzeitig verdienen sie meine Hochachtung und meinen Respekt für ihre mutige Entscheidung, sich gegen den Mainstream zu stellen und für ihre Überzeugung in dieser Weise geradezustehen.

Ist vegane Vollwertkost also der Schlüssel zur Gesundheit?

Vegane Vollwerternährung mit einem hohen Rohkostanteil ist der Schlüssel zur gesündesten Ernährung. Dabei gilt es allerdings, ein paar Besonderheiten bei der tierfreien Ernährung zu beachten. Das betrifft die sogenannten „kritischen Nährstoffe“ in der veganen Ernährung.

Der Vorteil der veganen Ernährung besteht in dem Reichtum pflanzlicher Nahrung an Vitaminen, Mineralien Spurenelementen und Ballaststoffen sowie in der Armut an Umweltgiften im Vergleich mit tierlicher Nahrung. Darüber hinaus rate ich dringend dazu, „Bio“ saisonal und regional einzukaufen sowie industriell verarbeitete Lebensmittel weitestgehend zu meiden. Das gilt natürlich auch für vegane Fertigprodukte. Kocht selbst!

Bedeutet vegan Verzicht?

Das ist eine Frage der Sichtweise. Wer Fleisch, Fisch und Milchprodukte als unverzichtbar für sich betrachtet, der müsste wohl Verzicht praktizieren. Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, wie sich das Leben anfühlt und schmeckt ohne tierische Nahrungsmittel, wird schnell feststellen, dass es keinen Verzicht, schon gar nicht auf Genuss, gibt, sondern nur eine kleine Gewöhnung an etwas andere Koch- und Essgewohnheiten ohne jeden Verzicht auf Geschmack, Genuss und sogar Schlemmerei – wenn erwünscht.

Wie sehen Ihre Mahlzeiten am Tag denn so aus? Träumen Sie denn nicht mal von einem Stück Käse oder Butter auf dem Brot?

Meine Mahlzeiten sind unerschöpflich wandelbare Potpourris aus gefühlt fünfzig verschiedenen Gemüsen, 30 verschiedenen Obstsorten, verfeinert durch Nüsse, Saaten, Kräuter und unendlich vielen Gewürzen dieser Welt, gedünstet, gekocht, gebraten, gegrillt und immer gerne auch roh.

Es gibt mittlerweile viele vegane Käsealternativen, ich finde sie geschmacklich nicht akzeptabel und viel zu teuer, mit einigen Ausnahmen. Auch gibt es wundervolle Rezepte, sich veganen Mozzarella aus Flohsamenschalen zuzubereiten, einer schmackhaften Caprese steht daher nichts im Wege.

Es lohnt sich, in die mittlerweile kaum noch überschaubare Welt veganer Kochbücher einzutauchen. Sehr schmackhafte rein pflanzliche Butteralternativen sind ebenfalls überall zu beziehen. In den letzten Jahren hat sich sehr viel bewegt.

Grillen Sie auch mal im Sommer? Und wenn ja, was?

Natürlich grillen wir im Sommer. Dabei spielt es keine Rolle ob sie auf Gas oder Holzkohle grillen, wir haben zu Hause beide Optionen. Die Variationen, in den man Gemüse oder Obst grillen kann, sind geradezu unbegrenzt, es ist nur eine Frage der Phantasie und Kreativität.

Auch gibt es inzwischen viele schmackhafte Variationen von sehr gut grillbarem Fleischersatz u.a. auf Basis von Erbsenprotein. Ich weiß, damit ernte ich jetzt die Kritik derjenigen, die den Standpunkt vertreten, „wenn ich bewusst auf Fleisch verzichte, warum soll ich dann einen Fleischersatz zubereiten?“ Ja, ich akzeptiere natürlich dieses Argument, gleichzeitig habe ich beschlossen, nicht mehr darüber zu urteilen und zu bewerten, was Menschen für sich tun und womit sie sich ernähren.

Der Mensch ist doch als Fleischfresser konzipiert, oder?

Dieses Argument wird oft und gerne ins Feld geführt. Bei genauer Betrachtung der vergleichenden Anatomie bleibt allerdings festzustellen, dass das Gebiss des Menschen die meisten Übereinstimmungen mit jenen Primaten aufweist, welche hundertprozentige Frutarier (ausschließliche Fruchtköstler) sind.

Wie kommt es, dass Fleisch oder Milch als notwendige Nahrungsmittel angepriesen werden?

Diese Überzeugungen stammen meiner Meinung nach aus einer Zeit der Not und des Mangels z.B. aus der Nachkriegszeit. Nahrungsmitteln, die es kaum zu erstehen gab, wurden besonders hohe Nährwerte zugeschrieben. Daneben existieren noch einige historische Irrtümer und Mythen bezüglich der Nahrhaftigkeit tierlicher Nahrungsmittel.

Vitamin B12 ist nötig für die Zellteilung, Blutbildung und für die Funktion des Nervensystems. Doch es gibt keine Pflanze, die ausreichend Vitamin B12 zur Verfügung stellt. Gibt es Zusatzpräparate?

Ja. Eine sehr einfache und wissenschaftlich bewiesene Methode besteht in der Verwendung einer Vitamin B12-Zahncreme zum Zähneputzen. Es gibt auch ein reiches Angebot an Nahrungsergänzungen mit Vitamin B12 alleine oder in Kombination mit anderen Vitaminen. Vitamin B12 wird tatsächlich als kritischer Nährstoff in der veganen Ernährung betrachtet, dennoch ist vegane Ernährung für mich keine Mangelernährung.

Die gesunde Leber speichert Vitamin B12 und legt damit einen Vorrat an, der für zwei bis fünf Jahre reicht. Ein eventueller Mangel entsteht daher mit erheblicher zeitlicher Verzögerung und schleichend. Das heißt aber auch, „Neuveganer“ haben etwas Zeit, sich über ihre Vitamin B12-Versorgung Gedanken zu machen, sie sind nicht unmittelbar bedroht! Übrigens, Vitamin B12-Mangel ist auch in der omnivorisch essenden Bevölkerung eine weit verbreitete Erscheinung geworden.

Von Thorsten Lustmann

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