Samstag , 3. Dezember 2022
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Schönheitschirurgie
Die Ideale, die vielen Filter im Internet, die ein Foto schöner machen, sorgen für mehr Anfragen in der Branche der Schönheitschirurgie. (Grafik: AdobeStock)

Zukunftsserie: Wenn der Vergleich unglücklich macht

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der allgegenwärtigen Perfektion im Netz und dem Wunsch junger Menschen, sich unters Messer zu legen? Und was kann bereits in der Schule gegen die unglücklich machenden Vergleiche mit scheinbaren Idealen getan werden? Die LZ sprach mit Lehrerinnen und Lehrern sowie mit einem Plastischen Chirurgen.

Lüneburg. Ein Klick, und das eigene Gesicht sieht schlanker aus, die Augen wirken größer, die Haut strahlt in weichem Licht. Die sogenannten Filter lassen das eigene Ich auf Fotos schöner aussehen. Ob bei Instagram, Whats-App oder Facebook – Fotos spiegeln schon lange nicht mehr nur die Realität wider. Und das kann Konsequenzen für die eigene Selbstwahrnehmung haben. Denn manche wollen nun auch „in echt“ so aussehen.

Die Wünsche beim Schönheitsdoc haben sich verändert

Dr. Timo Bartels, Plastischer Chirurg in der Praxis für Plastische und Ästhetische Chirurgie „Hanse Aesthetic“ in Hamburg, arbeitet seit 17 Jahren in seinem Beruf. Im Vergleich zu damals erkennt er heute durchaus Veränderungen in den Wünschen seiner Patientinnen und Patienten. „Zum einen können wir generell festhalten, dass die Häufigkeit der Eingriffe gestiegen ist“, berichtet Bartels. Vor allem bei minimalinvasiven Eingriffen. Dies liege an einer Verbesserung der Qualität der Produkte, etwa bei Botox, aber auch an der Verbesserung der Anwendung. „Alte Schreckgeschichten wie versteinerte Hollywood-Gesichter nach einem Eingriff gibt es im Grunde nicht mehr.“ Zum anderen habe sich die Akzeptanz für eine ästhetische Operation in der Gesellschaft erhöht.

"Soziale Medien spielen eine Rolle"

„Doch die Sozialen Medien spielen hier ebenfalls ganz sicher eine Rolle. Die Schönheitsideale, die vielen Filter, die ein Foto schöner machen, sorgen für mehr Anfragen in meiner Branche.“ Der Anteil von „abgedrehten Anfragen“ halte sich zwar in Grenzen. Aber diejenigen, sie sich zum Beispiel übertrieben volle Lippen wünschen oder sogenannte Cat-Eyes, also Augen, bei denen der äußere Teil stark nach oben operiert wird, können auf verklärte Ideale aus der Social Media-Welt zurückzuführen sein. „Der Großteil unserer Patienten ist zwischen 30 und 55 Jahren alt. Ganz junge Menschen kommen eher selten, aber auch die haben wir ab und an. Und da sprechen wir dann teils über Schülerinnen.“

„Hinterhereifern von Social Media-Idealen oft nicht umsetzbar"

Wer mit einer übertriebenen Anfrage zu ihm komme, werde aufgeklärt. „Unnatürlich ist ja auch oft nicht schön. Und es ist nicht gesund. Der Körper leidet unter solchen Eingriffen, und da müssen wir immer genau zwischen Resultat und Wirkung abwägen.“ Mehr ist nicht immer besser, sagt der Chirurg etwa in Bezug auf die Brust-Größe. „Das Hinterhereifern von Social Media-Idealen ist auch oft gar nicht umsetzbar. Man kann sich bei uns jetzt keine Katalog-Nase aussuchen. Wir arbeiten so, wie es anatomisch je nach Person möglich ist. Wir formen keinen neuen Menschen wie bei Frankenstein.“

Eine Sache, die der Arzt auch vermehrt bei Patientinnen und Patienten beobachtet, ist eine Mentalität von „will ich jetzt, nehm ich jetzt“. „Meist sind es die, die mit abstrusen Vorstellungen kommen, die das auch sofort umgesetzt bekommen wollen. Die meisten aber haben sich lange mit einem Wunsch beschäftigt und wägen dann auch gut ab und nehmen die Beratung an.“

Weibliche Patienten immer noch größter Anteil

Was sich wenig verändert hat, ist der hohe Anteil weiblicher Patienten. „Das ist bestimmt ein Verhältnis von 90 Prozent Frauen zu zehn Prozent Männern bei uns“, sagt Bartels.

Das Thema Schönheitsbilder haben mittlerweile auch die Schulen auf dem Schirm. Denn dort ist die Altersgruppe zu finden, die oft am stärksten von Vergleichen mit vermeintlichen Schönheitsvorbildern betroffen ist. Kati Fritsch, Lehrerin an der IGS Lüneburg, hat zum Beispiel mit dem 7. Jahrgang im Rahmen einer Medienkompetenz-Projektwoche das Thema angerissen. Als Oberthema ging es zwar mehr um das Recht aufs eigene Bild. „In meiner Klasse aber hat das dazu geführt, dass die Mädchen den Jungen im Klassenrat deutlich gesagt haben, dass sie nicht nach ihrem Aussehen bewertet und ständig kommentiert werden wollen.“

Vergleiche auch in der Schule: "Schüler gehen nicht freundlich mit sich um"

Auch an der Herderschule hat man den Umgang mit den Sozialen Medien auf dem Schirm. Lehrer Siad Touma leitet eine AG, in der Schülerinnen und Schüler zu sogenannten Schüler-Medientrainern ausgebildet werden. Sie gehen dann in die jüngeren Klassen und sprechen dort über den Umgang mit Social Media. Etwa digitales Mobbing wird dort angesprochen. „Den Aspekt der Anerkennung durch Schönheit und Selbstdarstellung hatten wir so konkret noch nicht dabei, aber wir lassen uns regelmäßig zu den Inhalten beraten, und ich kann mir vorstellen, dass dieses Thema bei uns in Zukunft mit hineinpassen könnte“, sagt Siad Touma. Bei seiner Kollegin und ausgebildeten Achtsamkeitstrainerin Dr. Selma Polat-Menke steht das Bewusstwerden solcher Vergleiche an zentraler Stelle ihrer AG. „Und zugleich ein achtsamer und freundlicher Umgang mit sich und der Welt. Viele Schülerinnen und Schüler gehen einfach nicht freundlich mit sich um. Mir hat selbst eine Grundschülerin schon einmal gesagt, dass sie sich nicht mag. Und das hat mich erschüttert.“

Ideen für hilfreicheren Umgang mit sich

Dabei sei vielen bewusst, dass die Fotos im Netz oft nicht realistisch sind, und dennoch wirke der Vergleich damit nach. In der Schule gehe es viel darum, wie gut man im Vergleich zu anderen ist, aber auch, wie schön man im Vergleich zu anderen ist. „Ich höre Sätze wie: ‚Ich frage mich, ob ich richtig aussehe‘, und das ist natürlich etwas, das Stress auslöst.“ Selma Polat-Menke gehe es daher darum, bei den jungen Leuten einen Bewusstwerdungsprozess auszulösen, damit sie dann im nächsten Schritt hilfreicher mit der Thematik umgehen können. „Manchen hilft dann, einfach mal das Handy wegzulegen. Aber eine Schülerin sagte mir auch, sie habe erkannt, selbst die Wahl zu haben, sich solche Dinge zu Herzen zu nehmen oder nicht. Sie könne selbst entscheiden.“

Von Laura Treffenfeld

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