Dienstag , 6. Dezember 2022
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Dank des Avatars konnte Marie trotz ihrer schweren Erkrankung am Unterricht teilnehmen. (Foto: t&w)
Dank des Avatars konnte Marie trotz ihrer schweren Erkrankung am Unterricht teilnehmen. (Foto: t&w)

Avatar “Karlsson” sitzt für 15-jährige Bleckederin im Klassenzimmer

"Karlsson" sitzt nicht nur auf dem Dach, sondern für eine 15 Jahre alte Bleckederin im Klassenzimmer. Dank des Avatars konnte Marie Seil auch während ihrer langen, schweren Krankheit am Unterricht teilnehmen. Und "Karlsson" durfte sogar mit aufs Klassenfoto.

Bleckede. Er ist kaum größer als eine Kaffeemaschine, hat ein niedliches Aussehen – und auf Knopfdruck zeigt er sogar Emotionen. Für Marie Seil aus Bleckede ist der kleine Roboter aber mehr als nur ein nettes Spielzeug. Für die heute 15-Jährige war "Karlsson", fast schon so etwas wie ein guter Freund, der ihr den Weg zurück in den schulischen Alltag erleichterte. Denn im November 2019 diagnostizierten Ärzte bei Marie Seil Leukämie. Im Kinderkrebs-Zentrum in Hamburg wird die Bleckederin therapiert. Sieben Monate musste die damals 14-Jährige dort verbringen, vier Chemotherapien über sich ergehen lassen. Erst mit einer Stammzellentherapie kann sie dem Krebs Paroli bieten.

Während dieser Zeit konnte Marie neun Monate lang nicht zur Schule. Auch Treffen mit Freunden sind in dieser Zeit nicht möglich – zu hoch ist die Gefahr von Infektionen und Überforderung. Damit die Bleckederin nicht den Anschluss an die Klassengemeinschaft verliert, stellte ihr der Verein "Fördergemeinschaft Kinderkrebs-Zentrum Hamburg" den Avatar "Karlsson" an die Seite, der stellvertretend für sie zur Schule geht.

Herstellerfirma garantiert den Datenschutz11

Das klingt genial – und ist es im Grunde auch. Wären da nicht die rechtlichen Hürden, die es zu beachten gilt: allen voran die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). "Alle Schüler und Lehrer mussten eine Einverständniserklärung unterschreiben", berichtet Maries Mutter Claudia Seil. Aber die Herstellerfirma garantiere allen Beteiligten Datenschutz. Ein Screenshot oder Videoaufnahmen seien mit dem Gerät nicht möglich. "Ich finde ganz wichtig, dass die Lehrer wissen, das man keinen Missbrauch damit betreiben kann," sagt Claudia Seil.

"Karlsson" verleiht Marie Augen und Ohren in der Klasse

Der Avatar ist mit Kamera, Mikrofon und Lautsprecher ausgestattet und sitzt anstelle von Marie in der Klasse – quasi als ihre Augen und ihre Ohren. Über eine App kann sich Marie mit dem Roboter morgens zum Schulbeginn verbinden und zu Hause am Tablet den Unterricht verfolgen. Und nicht nur das: Auch die aktive Teilnahme am Unterricht ist möglich. "Wenn ich mich zu Wort melden möchte, kann ich das den Avatar per Lichtsignal anzeigen lassen", erklärt Marie. Vorausgesetzt allerdings, es gibt eine stabile Internetverbindung, was in ländlichen Gegenden nicht immer gewährleistet ist.

Bis zu sechs Stunden hält "Karlssons" Akku, bevor er wieder an das Ladegerät muss. "Um den Avatar haben sich in der Schule zwei meiner besten Freundinnen gekümmert", berichtet die 15-Jährige und stolz fügt sie hinzu: "Weil ich selbst noch nicht zur Schule konnte, haben meine Freundinnen den Avatar mit aufs Klassenfoto genommen."

Dankbar ist Claudia Seil auch, "dass die Schulleitung voll hinter dem Projekt stand und uns immer unterstützt hat!"

Und Marie? Die Gymnasiastin hat mithilfe des Avatars den Lernstoff aufarbeiten können. Das beweist auch ihr Notendurchschnitt: 1,0 – besser geht es nicht.

Inzwischen besucht Marie auch wieder ganz normal die 10. Klasse des Gymnasiums in Bleckede. Den Avatar hat sie nur noch einmal für den LZ-Fotografen hervorgeholt. Sie braucht ihn nicht mehr.

Von Klaus Reschke

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