Samstag , 3. Dezember 2022
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Termine beim Psychotherapeuten sind Mangelware: Betroffene müssen oft monatelang warten. Verschiedene Angebote helfen Menschen, die diese Zeit nicht haben. (Foto: Adobe Stock)

Lange Wartezeiten bei Psychotherapeuten: Wer hilft bei akuter Not?

Die Wartezeiten für einen Termin beim Psychotherapeuten sind lang, oft müssen sich Patienten mehrere Monate gedulden. Warum ist das so? Und an wen kann man sich alternativ wenden, wenn man in einer akuten Krise steckt und schnell Hilfe braucht? Im Landkreis Lüneburg gibt es mehrere Anlaufstellen.

Lüneburg. Wer von psychischen Erkrankungen geplagt wird und sich dazu entschließt, Hilfe in Anspruch zu nehmen, braucht einen langen Atem: Die Wartelisten bei Psychotherapeuten sind lang, normalerweise müssen Betroffene mindestens ein halbes Jahr auf einen Behandlungsplatz warten. Woran liegt das und wer hilft, wenn es schnell gehen muss?

Die immer länger werdenden Wartezeiten haben laut Detlef Haffke, Pressesprecher der kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) mehrere Gründe: "Zum einen sind in den vergangenen Jahren Vorurteile gegen psychotherapeutische Behandlungen abgebaut worden. So fragen immer mehr Menschen Psychotherapie nach." Zum anderen würden vor allem Depressionen und Angststörungen in der Bevölkerung zunehmen.

Auswirkung der Corona-Pandemie auf junge Menschen

Die Corona-Pandemie trägt ihren Teil dazu bei, die seelische Gesundheit vieler Menschen litt unter den vergangenen Monaten. Isolation, fehlende soziale Kontakte oder räumliche Enge führten zu psychischen Problemen gerade bei der jüngeren Generation, weiß Jantje Lamschus von der psychologischen Beratungsstelle Lüneburg des Studentenwerks Ost-Niedersachsen. "Das Ausmaß an depressiven Verstimmungen hat zugenommen."

Das bestätigen sowohl eine aktuelle Umfrage von Unicef, der zufolge sich in Deutschland einer von vier befragten jungen Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren häufig deprimiert fühlt, als auch die steigenden Fälle in der Institutsambulanz der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Psychiatrischen Klinik Lüneburg (PKL). "Die Inanspruchnahme der kinder- und jugendpsychiatrischen Institutsambulanzen hat seit Beginn der Corona-Pandemie deutlich zugenommen", berichtet Angela Wilhelm, Pressesprecherin der Gesundheitsholding. Auch die niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und -psychiater würden diesen Anstieg bemerken: "Aus Erstgesprächen ergibt sich in aller Regel ein Behandlungsbedarf, überall gibt es lange Wartelisten."

Lange Wartezeiten in ganz Niedersachsen

Diese werden für ganz Niedersachsen beklagt, weiß Detlef Haffke. Der Verband für psychologische Psychotherapeuten hat Anfang des Jahres eine Umfrage gemacht. Das Ergebnis: Gesetzlich versicherte Patienten müssen im Schnitt 24 Wochen auf einen ambulanten Therapieplatz warten. Für Studenten mit psychischen Problemen gibt es in Lüneburg eine schnellere Option: Mit etwa sechs bis zehn Wochen Wartezeit bekommen sie einen Termin bei der psychologischen Beratungsstelle des Studentenwerks. Für dringende Fälle hält das Team zudem Krisentermine frei. "Wenn wir beim Erstkontakt merken, da ist jemand in wirklich großer Not, wollen wir nicht, dass derjenige so lange warten muss", begründet der psychologische Berater Henner Janssen.

Schnelle Hilfe in der Psychiatrischen Klinik

Wer sich in einer akuten seelischen Krise befindet, kann sich außerdem an die Institutsambulanz der Psychiatrischen Klinik in Lüneburg wenden. "Wir sind flexibler und breiter aufgestellt als Psychotherapeuten und können schnell Termine vergeben, wenn jemand notfallmäßig zu uns kommt", erklärt Oberarzt Dr. Michael Schejbal.

Jedoch sei der große Unterschied zu Psychotherapeuten, dass die Basisversorgung in der PKL eben nicht die Psychotherapie sondern die psychiatrische Behandlung ist. "Wir arbeiten auch mit psychotherapeutischen Methoden. Diese Therapie kann bei uns aber nicht so engmaschig erfolgen wie bei niedergelassenen Ärzten", betont der Chefarzt. In einem ersten Gespräch werde deshalb herausgefunden, welche Behandlung für den Patienten die Beste ist. Denn Schejbal betont: "Wenn ein Laie feststellt, dass er Psychotherapie braucht, kann es natürlich sein, dass eine andere Behandlung eigentlich viel besser geeignet ist." In dem Fall sei die PKL die richtige Adresse, andernfalls wird versucht, ein Platz bei einem Therapeuten zu vermitteln.

Sozialpsychiatrischer Dienst hilft Schwerkranken

Eine weitere Anlaufstelle ist der sozialpsychiatrische Dienst (SpDi) des Landkreises. "Wir sind vor allem für schwer Erkrankte da, die es nicht schaffen, sich selbst Hilfe zu suchen", erklärt Leiterin Dr. Kerstin Kirsten. Jährlich steige die Zahl der Klienten, 2019 waren es 1082, im Jahr 2020 bereits rund 200 mehr. "Es melden sich auch viele Menschen bei uns, die sich um einen Angehörigen, Nachbarn oder Kollegen sorgen", sagt Kirsten. Dann versuche das Team, Kontakt zu der Person aufzunehmen und Hilfe anzubieten. "Die Hilfen sind allerdings freiwillig – bis zu einem bestimmten Grad. Nur wenn Personen eine Gefahr für sich oder andere darstellen, müssen wir zum Schutz aller auch ohne Einverständnis der Betroffenen tätig werden: Dann prüfen wir die Einweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus."

Betroffene, die das Gefühl haben, dass sie Hilfe brauchen, um ihr Leben zu meistern, berät der SpDi und stellt die Weichen, um für jeden die richtige Behandlung zu finden."Wir kennen die Angebote vor Ort, wenn sich jemand bei uns meldet, dem wir selbst nicht helfen können, stellen wir den Kontakt zu unseren Partnerinstitutionen her", beschreibt Christof Zelaß, stellvertretender Leiter des SpDi. Kerstin Kirsten fügt hinzu: "Wir dürfen keine Therapeuten empfehlen, aber wir können Anrufe begleiten und die Menschen bei diesem Schritt unterstützen." Denn schon eine lange Warteschleife am Telefon könne Betroffene abschrecken.

"Überversorgtes Gebiet"

Obwohl im Landkreis Lüneburg lange Wartezeiten bei Psychotherapeuten beklagt werden, ist das Gebiet laut KVN "überversorgt". Insgesamt 62,5 Psychotherapeuten sind hier niedergelassen, das sind bereits deutlich mehr als laut Schlüssel eigentlich notwendig wären. Es handele sich bei der Situation laut KVN also um eine "gefühlte Unterversorgung". Der Versorgungsgrad liegt bei 211 Prozent, weshalb in Lüneburg ein Zulassungsstopp gilt. "Ärzte und Psychotherapeuten können sich nur dann neu niederlassen oder anstellen lassen, wenn ein anderer Arzt oder Psychotherapeut seine Zulassung zurückgibt und damit ein Kassensitz in der Fachgruppe frei wird", erklärt Detlef Haffke.

Von Lilly von Consbruch

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