Donnerstag , 21. Oktober 2021
Kirstin Linck an einer Ampel in Lüneburg. (Foto: Luisa Gohlke)
Kirstin Linck an einer Ampel in Lüneburg. (Foto: Luisa Gohlke)

Mit Gefühl durch die Stadt

In der Startwochenzeitung, die der LZ beiliegt, schreiben Studentinnen und Studenten der Leuphana eine Woche lang Texte rund um das Thema der Startwoche "New Deal". Hier geht es ganz praktisch um die Frage, wie Sehbehinderte in der Stadt klarkommen.

Lüneburg. Chrrr, chrrr, chrrr. In regelmäßigen Linien fährt der Langstock von Kirstin Linck über den Bürgersteig. Vorbei an Hauseinfahrten, hohen Hecken, an Rosen, deren stachlige Äste auf Schulterhöhe über Zäune ragen. Ständig neue Eindrücke, die die 51-Jährige nicht sieht, sondern nur übers Hören oder Fühlen wahrnimmt: An einer Hauseinfahrt vorbeizugehen klingt anders als an einer Hecke. Wurzeln von Bäumen brechen die Wege auf und bringen den Stock zum Stoppen.

An diesem Sonntag ist Kirstin Linck unterwegs, um zu zeigen, an welchen Orten Lüneburg behindertengerecht ist und an welchen nicht. Es ist eine Art Feldversuch. Erfahren, welche Hürden es noch gibt hin zu einer inklusiven Gesellschaft.

Sie müssen beschreiben, wo im Raum der Sitzplatz ist

Es ist der letzte Sonntag im September, Wahltag. Und so ist der erste Stopp das Wahllokal. Eine Freundin hat eine Wahlschablone für Kirstin Linck erstellt, um das richtige Kreuz für die Stichwahl zum Oberbürgermeister*innenamt zu setzen. Es gibt Schablonen für Sehbeeinträchtigte nur für Landtags-, Bundestags- und Europawahlen, nicht für Kommunalwahlen. Von der Stadt heißt es, das könne „keine Kommune zeitlich und finanziell leisten“.

Bei der Aushändigung der Stimmzettel merkt man den Wahlhelfer*innen eine leichte Überforderung an. Die Papierbögen unkommentiert hinzuhalten, reicht nicht. Sie müssen beschreiben, dass mitten im Raum die Wahlurnen stehen und wo genau der Sitzplatz ist.

Laut dem Statistischen Landesamt lebten Ende 2019 im Landkreis Lüneburg 739 Menschen mit einer Sehbehinderung. Bei Kirstin Linck war ihre Erblindung ein langsamer Prozess. Schon als Kind konnte sie nicht gut sehen, bekam während des Abiturs mehr Zeit für Klausuren. Heute gilt sie als vollblind. Trotzdem hat Linck noch ein winziges Gesichtsfeld, in dem sie beispielsweise erkennen kann, ob eine Person etwas Schwarzes oder Weißes trägt. Einmal die Woche hat sie eine Haushaltshilfe da, etwa für Formulare oder Recherchen. „So müssen Familie und Freunde nichts abfedern.“

Kleine Dinge, für die sehende Menschen blind sind

Die UN-Behindertenrechtskonvention, die für Deutschland rechtlich bindend ist, fordert Maßnahmen, um alle Barrieren für Menschen mit Behinderungen zu beseitigen. Das Ziel: eine Gesellschaft, an der alle an allem gleichermaßen teilhaben können. Die Umsetzung erfolgt regional und lokal durch Gesetze oder Inklusionspläne einzelner Lebensbereiche.

Es gibt viele kleine Dinge im öffentlichen Raum, für die sehende Menschen blind sind. Für das Bewusstsein dafür gibt es den Behindertenbeirat der Hansestadt Lüneburg. Dieser setzt sich für die Belange aller Menschen mit Behinderung ein. „Wenn es um Geld für Bauvorhaben geht, müssen wir erst zustimmen“, sagt der Vorsitzende Jörg Kohlstedt. „Wenn nicht, kann man uns auch ignorieren.“ Er schätzt die Macht des Beirats als „relativ gering“ ein. In der Gesellschaft merke er zwar einen Bewusstseinswandel, erlebe aber oft, dass Menschen mit Behinderungen ausgeschlossen würden. „Bis wir eine wirklich barrierefreie Gesellschaft geschaffen haben, wird es noch 20 bis 30 Jahre dauern“, prognostiziert er.

Nach dem Wählen geht Kirstin Linck in die Innenstadt. „Vielleicht verlaufe ich mich zweimal im Jahr auf dem Weg zur Arbeit“, sagt sie. Linck arbeitet als Verwaltungsbeamtin. Passiert das, ist sie nicht aufgeschmissen: An vielen Plätzen hat sie sich Orientierungspunkte gesucht oder Gerüche gemerkt, die sie wieder auf den richtigen Weg führen. Und dann sind da noch Passant*innen. „Ich wünsche mir, dass Menschen sich nicht angegriffen fühlen, wenn ich mal Hilfe ablehne.“

Zwölf geradeaus, dann fünf nach rechts

Die mit Tischen, Stühlen und Blumenkübeln zugestellten Hausfassaden machen es ihr schwer, den Eingang der Bank zu finden. Dazu die Geräusche – Gespräche, Gemurmel. Fahrräder, Kinder, Straßenmusik.

In der Bank zählt sie jetzt die Schritte: zwölf geradeaus, dann fünf nach rechts. Die Geldautomaten haben eine Kopfhörerbuchse. Darüber sagt eine Stimme, welche Knöpfe wofür zu drücken sind oder was der Bildschirm anzeigt. Das sogenannte Zwei-Sinne-Prinzip wird damit eingehalten. Das bedeutet, zwei von drei Sinnen – sehen, hören, tasten – werden angesprochen. Dann ist eine Anwendung barrierefrei.

Linck lobt das Leitsystem am Busbahnhof

Danach führt der Spaziergang zum Bahnhof. Zum Treppensteigen hoch zu Gleis 1 hält sie den Langstock senkrecht vor sich, etwas höher als ihr Fuß. So stößt der Stab immer gegen die nächsthöhere Stufe. Oben beginnt das taktile Leitsystem, ein Muster auf dem Gehweg, das sie mit dem Langstock erfühlt. Rippen in Gehrichtung leiten geradeaus, waagerechte Rippen und Noppen zeigen eine Abzweigung oder einen Überweg an. Linck lobt das Leitsystem am Busbahnhof als „sehr gut“.

Bis auf eine markante Stelle ohne Leitsystem: ein tastleerer Raum zwischen den Haltestellen und den Bahnsteigen. Das liegt an den Zuständigkeiten: für die Haltestellen ist die Stadt Lüneburg verantwortlich, für die Bahnsteige die Deutsche Bahn. Künftig sollen solche Fehler vermieden werden. Gespräche zum Umbau des Vorplatzes laufen laut dem Behindertenbeirat bereits.

Oft ist Kirstin Linck frustriert, wenn mal wieder eine Baustelle den Weg versperrt oder Wahlplakate auf Kopfhöhe aufgehängt werden. „Man geht im öffentlichen Raum immer vom gesunden, sehenden Mann aus. Behinderungen werden nicht mitgedacht“, sagt sie.

Die Bälle rasseln und sind somit leichter zu orten

Mit dem Bus setzt sie den Rundweg fort, vorbei an einem Tennisplatz. Hier spielt Linck Tennis. Dafür nutzt sie extra aufgebrachte Linien, die sich vom Boden abheben und daher unter den Füßen erkennbar sind. Die Bälle rasseln und sind somit leichter zu orten.

Auch in der Kultur ist Kirstin Linck aktiv. Schwierig wird es für sie da, wenn im Theater etwa der Boden mit Teppich ausgelegt ist. So fehlen alle Orientierungspunkte. Auch das Programm gibt nichts Spezielles für Menschen mit Sehbehinderung her – beispielsweise eine Audiodeskription. Das ist eine über Kopfhörer gesprochene Beschreibung dessen, was auf der Bühne zu sehen ist. Man sei allerdings intern „in Gesprächen“, sagt die Pressesprecherin.

Fühlt sich Kirstin Linck ausgeschlossen aus der Gesellschaft? Sie verneint das. Kirstin Linck ist eine Macherin, trotz oder gerade wegen ihrer Einschränkung. „Was ich brauche, hole ich mir direkt.“ Wenn ihr etwas nicht Behindertengerechtes auffällt, sagt sie einfach bei der Stadt Bescheid.

Von Luisa Gohlke

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