Sonntag , 4. Dezember 2022
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Tafel, Armut, Lüneburg
Die Tafel ist Carsten Wulffs Lieblingsort. Dort arbeitet er ehrenamtlich – und wird zudem selbst mit Lebensmitteln versorgt. Der 57-Jährige hat in seiner Vergangenheit Menschen kennengelernt, die ihm nicht nur wohlgesonnen waren. Er will sich darum optisch lieber nicht zu erkennen geben. (Foto: phs)

Projekt “Lieblingsort”: Das Erwachen kam in der Obdachlosenunterkunft

In Zusammenarbeit mit dem Verein Lebensraum Diakonie veröffentlicht die LZ bis zum Welttag zur Überwindung der Armut am Sonntag, 17. Oktober, sechs Porträts von Menschen aus Lüneburg, die am Existenzminimum leben. Einer von ihnen ist Carsten Wulff. Der 57-Jährige sagt: „Unter Armut verstehe ich vor allem einen geistigen Verlust: Ignoranz, Arroganz und Überheblichkeit, die auf nichts basiert.“ Dabei spricht er von jenem Mann, der er früher mal war.

Lüneburg. Wichtiger Hinweis vorab: „Schreiben Sie unbedingt, dass ich selbst schuld bin.“ Das ist keine Bitte, das ist eine Bedingung von Carsten Wulff. Der Mann, um den es hier geht, duldet keine Rührseligkeit – und erst recht keine Tränen. „Auf gar keinen Fall dürfen die Leute weinen“, betont er nachdrücklich. Jede Träne, die über seine Geschichte vergossen werde, sei eine zu viel. Das zu den Formalitäten.

Erlaubt ist sein Name: Carsten Wulff. Sein Alter: 57. Sein Wohnort: Lüneburg. Erwähnt werden darf zudem, dass er bei der Tafel arbeitet – ehrenamtlich. Und dort ebenfalls mit Lebensmitteln versorgt wird – zwangsläufig. Denn Carsten Wulff lebt am Existenzminimum. Ein Wort, das ihm sicher nicht behagen wird: zu brutal, zu schwer, zu traurig vielleicht. Aber manchmal ist die Wahrheit eben genau das. Darum besteht an diesem Punkt kein Verhandlungsspielraum.

Er war mal Automechaniker

Zur Wahrheit gehört auch, dass Wulff nicht immer der souveräne Typ mit Ziegenbart war, der dienstags für die Tafel Gemüse sortiert. „Früher habe ich Zeug konsumiert, das man nicht konsumieren sollte“, sagt er. Soll heißen: Drogen. Er war mal Automechaniker, „aber mit 'ner Tüte bei der Arbeit – das macht sich nicht gut“. Meint übersetzt: Marihuana. Dann ging's zur Bundeswehr: „Da habe ich dann meine erste Straße gezogen.“ Bedeutet: Kokain.

Erwachen in der Obdachlosenunterkunft

Hier beginnt nun jenes Kapitel, in dem Wulff nur äußerst ungern blättert. Darum ein Versuch in vier Sätzen. Erstens: „Irgendwann kam der Zerfall, da ist man morgens nicht mehr los.“ Zweitens: „Da hat man alles verloren, auch die Moral.“ Drittens: „Erst fühlte man sich unantastbar – und plötzlich war man am unteren Ende der Gesellschaft.“ Man, man, man. „Ich verstehe diesen Mann nicht, der das gemacht hat“, flucht Wulff.

Genug der Emotionen, zurück zu den Fakten: Wulff kramt weiter in seinen Erinnerungen – und landet irgendwo in seinen späten 20ern. Dafür braucht es ein paar Sätze mehr: „Das Erwachen kam an dem Ort, wo man nie hinwollte“, sagt er. Eine Hamburger Obdachlosenunterkunft. „Da lebte man dann mit Gleichgesinnten zusammen und dachte: So wollte ich nie enden. Toiletten, für die es keine Worte gibt. Ungehemmter Drogenkonsum. Standardspruch: Ich hab' da wieder wen abgeklemmt.“ Wulff sieht das Stirnrunzeln der Reporterin und übersetzt: „Na, Raub und schwere Körperverletzung.“ Erwähnt werden müsse aber unbedingt, dass er damit nichts zu schaffen hatte. Geht in Ordnung.

Ignoranz, Arroganz, Überheblichkeit

Damit zum nächsten Kapitel, nennen wir es: Die Rückbesinnung. Wulff machte einen kalten Entzug, an den er sich aber kaum noch erinnern kann – oder will. Und zog dann in ein Zelt, um im Schatten der Blankeneser High Society Abstand vom Milieu zu gewinnen. Um wieder der zu werden, der er mal war und heute wieder ist. „Unter Armut verstehe ich vor allem einen geistigen Verlust: Ignoranz, Arroganz und Überheblichkeit, die auf nichts basiert“, erklärt Wulff – und meint damit sich selbst im Drogenrausch. „Wenn der Charakter nicht stimmt, bringt Dich auch Geld nicht weiter.“

Das Geld kam erst nach der „ Rückbesinnung“ – als Wulff sich beim Sozialamt meldete, er eine Wohnung bekam, einen neuen Job fand und eine Freundin in Lüneburg. Sieben Jahre ging das gut: „Dann habe ich mich vernachlässigt“, sagt Wulff. Der Rest ist eine Wiederholungsgeschichte in wenigen Worten: Rückfall, Jobverlust, kalter Entzug. Schüttelfrost, Angstzustände, Schweißausbrüche. Neuanfang.

Er sucht Struktur im Ehrenamt

Elf Jahre ist das nun her. Elf Jahre, in denen Wulff sein Leben komplett umgekrempelt hat. Um es mit seinen Worten auszudrücken: Wulff hat sein „geistiges Reichtum“ zurückgewonnen. „Ich muss mich aber nach wie vor selbst festigen, damit ich irgendwann wieder einen Job ergreifen kann“, betont er. „Einen geregelten Tagesablauf zu schaffen, ist für mich schwerer als für andere.“

Darum bezieht er Arbeitslosengeld – und sucht Struktur im Ehrenamt. Darum kann er sich die Zugtickets zu seiner Freundin nicht leisten. Darum hat er eisern gespart – erst auf einen Roller, dann auf einen Computer. Knapp drei Jahre lang. Um nur einige Erschwernisse zu nennen. Wieder so ein Begriff, den Wulff nicht gern lesen wird. Er will nicht meckern. Nein, bitte kein Mitleid!

„Hätte, hätte – Damentoilette"

„Aber ja, das sind so Momente, in denen man zweifelt“, gibt er dann doch zu. In letzter Zeit kommen die Fragen häufiger: Wann hätte ich den Absprung finden können? Was, wenn ich den Joint einfach weggeschmissen hätte? „Muss am Alter liegen“, murmelt Wulff und grinst: „Hätte, hätte – Damentoilette.“

Ach so, ein wichtiger Hinweis noch zum Schluss: Lachen ist in Wulffs Welt nicht nur erlaubt – sondern unbedingt erwünscht! Denn er ist, das sollen Sie wissen, ziemlich reich an Humor.

Zum Projekt „Lieblingsort“

Armut hat viele Gesichter

Was bedeutet Armut? Dieser Frage geht die LZ in dieser Woche nach. In Zusammenarbeit mit dem Verein Lebensraum Diakonie veröffentlichen wir bis zum Welttag zur Überwindung der Armut am Sonntag, 17. Oktober, sechs Porträts von Menschen aus Lüneburg, die am Existenzminimum leben. LZ-Reporterin Anna Petersen und Fotograf Philipp Schulze haben sie an ihren Lieblingsorten getroffen. Die Fotos, die dabei entstanden sind, werden im Anschluss auch im Rahmen einer Ausstellung zu sehen sein. Ort und Zeitpunkt werden noch bekanntgegeben.

Wer Interesse an Hilfsprojekten der Diakonie hat oder selbst helfen möchte, kann sich ab sofort unter folgender Mailadresse an Holger Hennig wenden: Holger.Hennig@lebensraum-diakonie.de. Wenn nicht gleich eine Rückmeldung kommt – keine Sorge! Die Anfragen werden in den kommenden Wochen sukzessive bearbeitet.

Von Anna Petersen

Das haben wir bereits berichtet:

Projekt "Lieblingsort": Hans-Peter Ment hat sein Zuhause verloren

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