Samstag , 3. Dezember 2022
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Oskar Bauer in seiner Werkstatt.
In der Werkstatt, zwischen Aktenordnern, Schläuchen und Dosen, hat Oskar Bauer in den letzten Jahrzehnten parallel zur Politik an seinem zweiten Lebenswerk gebastelt – genau genommen sind es mehr als zehn: Wohnwagen, Kastenwagen, Motorräder... und mindestens sieben Trabis. Eigentlich ein gutes Motiv für's Foto, wenn denn die Zeitung unbedingt eins haben will, findet der gelernte Kfz-Mechaniker und pensionierte Schulleiter. (Foto: t&w)

Ein politisches “Urgestein” aus Amelinghausen

Hätte ihn seine Frau nicht bekniet und bearbeitet, Oskar Bauer wäre einfach Sang- und Klanglos von der politischen Bühne verschwunden – nach 47 Jahren Ratsarbeit in der Samtgemeinde Amelinghausen. Zähneknirschend lässt er zwei Tage nach seinem politischen Abgang die LZ in sein Haus – und schimpft erst mal.

Amelinghausen. Ein Porträt von Oskar Bauer? Nun, das dürfte schwierig werden, sagen jene, die ihn gut kennen. Nicht etwa, weil er ein schwieriger Mensch wäre, sondern weil er ein schwieriges Verhältnis zur Zeitung pflegt. Hätte ihn also seine Frau nicht einen Nachmittag lang bekniet und bearbeitet, er wäre einfach sang- und klanglos von der politischen Bühne verschwunden – nach 47 Jahren Ratsarbeit in der Samtgemeinde Amelinghausen. Ja, so wär's ihm recht gewesen.

Wer die besseren Argumente hat, gewinnt

Doch bei den Bauers am Küchentisch läuft es wie in der Politik: Wer die besseren Argumente hat, gewinnt. Bestenfalls. Und so lässt Bauer zähneknirschend zwei Tage nach seinem politischen Abgang die Presse in sein Haus – und schimpft erst mal: dass die finanzielle Situation der Samtgemeinde eigentlich gar nicht so miserabel sei wie der Begriff „Finanzmisere“ nahelege. („Keine Ahnung, was mit dem Wort gemeint ist.“) Und nun bloß nicht auch noch die Sozialdemokraten auf den Trichter kommen sollten, ihm einen feierlichen Besuch abzustatten. Das könnt' ja passieren, wo er doch mit der Partei länger schon verheiratet ist als mit seiner Frau. 50 Jahre, um genau zu sein.

Die Bauersche Farbenlehre

Darauf erst mal einen Kaffee. Schwarz, obwohl das ja eigentlich nicht seine Farbe sei, wie der 75-Jährige anmerkt. Und um die Bauersche Farbenlehre gleich noch zu vervollständigen, weist er auf die vielen hundert selbstgezogenen Weiden hin, die er in seinem Garten gepflanzt hat: „Ich denke nicht nur grün, ich handle auch danach.“ Wohl um Missverständnissen vorzubeugen, trägt Bauer an diesem Tag ein rot-kariertes Hemd. Sein SPD-Parteibuch hat er auch am Mann. Sicher ist sicher.

Zurück zum Ernst der Sache: Das sozialdemokratische Denken, das wurde ihm praktisch in die Wiege gelegt: Sein Vater schon, Landwirt, habe sich nach seiner Umsiedlung aus der Ukraine gern mit Obrigkeiten angelegt, berichtet Bauer. „Er hat gegen das gekämpft, wogegen ich auch immer gekämpft habe: gegen die Bauern, die sonst immer das Sagen haben.“ Der pensionierte Schulleiter grinst, seine Frau Ulrike verdreht die Augen. „Ist doch so“, grummelt Bauer.

Ihm ging es immer um Gerechtigkeit

Wie dem auch sei. „Der Mensch muss in der Gemeinschaft wirken, wenn er was verändern will“, sagt er. Kurzer Blick zu Ulrike: keine verdrehten Augen. Also weiter: „Mir ging es immer um Gerechtigkeit und Freiheit.“ Als er sich 2015 für bessere Bedingungen der Flüchtlinge im Ort einsetzte, sie oft auch persönlich zum Amt begleitete. Wenn er immer und immer wieder für die kommunale Hoheit über die sozialen Einrichtungen im Ort plädierte – und natürlich für die Bildung einer Einheitsgemeinde. „Ich werde verschrien als Sozialist und Kommunist, aber das bin ich nicht“, stellt Bauer klar. Einmal noch zum Abschluss. Für alle zum Nachlesen.

Ein Geheimnis wird gelüftet

Wenn Bauer heute durch seinen Heimatort fährt, kann er zu jedem Gebäude eine Geschichte erzählen. „Ich habe immer versucht, die Entwicklungen mitzugestalten“, sagt er. Als SPD-Fraktionsvorsitzender, als Mitglied im Bauausschuss... Man kann das abkürzen: Bauer saß eigentlich in jedem Gremium, das die Samtgemeinde seit ihrer Erfindung hervorgebracht hat. Eines hat der vierfache Vater dabei in all den Jahren geschickt geheim gehalten: dass er eigentlich Oskar-Philipp heißt. „Aber weil sie mich in der Schule immer so gehänselt haben – als Zappel-Philipp – habe ich immer nur den Oskar angegeben.“

Zeugnisse nächtelanger Debatten

Fragt man seine Frau, ist der Begriff nicht völlig aus der Luft gegriffen. „Stillsitzen ist nicht so sein Ding“, sagt sie. Wie das mit den stundenlangen politischen Sitzungen zu vereinbaren war? Oskar Bauer zwinkert: „Na ja, wenn viel gesabbelt wird, geht’s.“ Worüber genau „gesabbelt“ wurde, lässt sich in mehr als 70 bunten Aktenordnern aus den letzten zehn Jahren nachlesen. Die stehen in seiner Werkstatt – als Zeugnisse nächtelanger Debatten. Weitere 240 Hefter, schätzt Bauer, habe er bei seinem Umzug 1989 vernichtet.

In der Werkstatt, zwischen Aktenordnern, Schläuchen und Dosen, hat er in den letzten Jahrzehnten parallel zur Politik an seinem zweiten Lebenswerk gebastelt – genau genommen sind es mehr als zehn: Wohnwagen, Kastenwagen, Motorräder... und mindestens sieben Trabis. Eigentlich ein gutes Motiv für's Foto, wenn denn die Zeitung unbedingt eins haben will, findet der gelernte Kfz-Mechaniker. Seine Frau lässt den Kopf in die Hände sinken: „Oh Gott, die hässlichen Dinger.“ Oskar Bauer aber gefällt's. Dem Fotografen auch. Bedeutet: Mehrheitsentscheidung für den Trabi. Tagesordnungspunkt abgehakt.

Ein striktes Lebenskonzept

In den letzten 47 Jahren hat Oskar Bauer ein striktes Lebenskonzept verfolgt: „Ich schlafe sechs Stunden, den Rest der Zeit arbeite ich oder besuche Sitzungen.“ Ulrike  Nagel-Bauer merkt an, dass das ja jetzt nicht mehr der Fall sein dürfte. Das will ihr Mann aber so nicht stehenlassen: „Dooooch, ich höre zu.“ Konsternierter Blick.

Ansonsten wolle er künftig mehr lesen, „philosophischen Kram“, und noch den einen oder anderen Trabi fit machen. „Sehen Sie, es wird immer schlimmer“, kommentiert Ulrike  Nagel-Bauer seine Pläne. „Ein bisschen irre, oder?“ Motto dieser Beziehung, da sind sich beide ausnahmsweise einig: „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.“ Im Grunde genommen, stellt Oskar Bauer fest, „wie in der Politik“.

Von Anna Petersen

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