Dienstag , 6. Dezember 2022
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Gymnasiasten der Wilhelm-Raabe-Schule legten ebenso einen Kranz für die Opfer der Kriege ab wie Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch und Landrat Jens Böther.
Gymnasiasten der Wilhelm-Raabe-Schule legten ebenso einen Kranz für die Opfer der Kriege ab wie Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch und Landrat Jens Böther. (Foto: t&w)

Volkstrauertag: “Der Frieden kann schnell entgleiten”

Vor mehr als 100 Jahren träumten Politiker vom "Krieg, der alle Kriege beendet". Doch der Erste Weltkrieg war nicht der Letzte. Zum Volkstrauertag mahnten nun Politiker und Schüler, für den Frieden zu kämpfen.

Lüneburg. Weil die Mikrofon- und Lautsprecheranlage streikte, mussten die Redner bei der diesjährigen Feier zum Volkstrauertag ihre Stimme lauter über das Gräberfeld III des Lüneburger Zentralfriedhofs erschallen lassen. Vielleicht keine schlechte Änderung am Ablauf dieses eigentlich stillen Gedenktages. Wurde doch so die einst von Albert Schweitzer formulierte Botschaft, wonach Soldatengräber die größten Prediger des Friedens sind, mit Leben erfüllt.

22 Tote waren nicht mal volljährig

350 Kriegstote wurden in der Kriegsgräberanlage III bestattet, Tote vor allem aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs in Lüneburg. Ausgebombte Hamburger aus den Lazaretten, zwei Rotkreuz-Schwestern, eine Flakhelferin, 21 SS-Angehörige, ein italienischer, ein ungarischer und sechs sowjetische Soldaten. 22 der hier Bestatteten wurden noch nicht mal volljährig.

Wie alt Iwan Demaskin wurde, wissen wir nicht. Er wurde am 10. Dezember 1942 zum Dienst als Rotarmist einberufen und geriet in deutsche Gefangenschaft. Die Torturen der Gefangenschaft hatten ihm so zugesetzt, dass die Einnahme Lüneburgs durch die Briten für ihn zu spät kam. Sein Gedenkstein vermerkt sein Sterbedatum: 23. April 1945; da war die nationalsozialistische Barbarei in Lüneburg erst seit wenigen Tagen vorbei.

200 Kriege seit 1945

Iwan Demaskin. Nur ein Name aus dem schier endlosen Heer der Toten, die alle Kriege forderten, wie Landrat Jens Böther in seiner Rede aufzählte: Zehn Millionen Menschen starben im Ersten Weltkrieg, 55 Millionen im Zweiten. "Und leider hat das die Menschen keines Besseren gelehrt. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es 200 weitere Kriege. Täglich sehen wir Bilder von Krieg und Terror."

Der Blutzoll der Bundeswehr

Ausdrücklich bezog der Landrat in das Gedenken auch die Gefallenen der Bundeswehr mit ein. Rund 3200 sind es insgesamt. Allein in dem fast zwanzig Jahre währenden Einsatz in Afghanistan fielen 59 Bundeswehrangehörige. Nach dem Desaster des Abzugs und der Rückkehr der Taliban an die Macht "müssen wir noch lange über die Frage diskutieren: War es das wert?"

Zwei Schülerinnen und ein Schüler der Wilhelm-Raabe-Schule brachten den Anwesenden die Gedanken der jungen Generation nahe. Seitdem Schüler eines Geschichtskurses der Schule 2014/15 die „Geschichts- und Erinnerungstafeln“ auf dem Zentralfriedhof gestaltet haben, ist die Teilnahme von Wilhelm-Raabe-Schülern am Volkstrauertag bereits Tradition.

"Jeder Tote nimmt ein Licht mit"

"Wir kennen den Krieg nur aus den Nachrichten. Aber nur weil die Schlachtfelder weit weg sind, hat sich das Wesen des Krieges nicht geändert." Die Schüler mahnten, wie leicht der Frieden entgleiten könne. Und sie regten zum Nachdenken an: "Wenn man sich vorstellt, jeder der Kriegstoten würde ein Licht mit sich nehmen – ist es dann nicht schon dunkel genug geworden?"

Am Ende der Veranstaltung wurde der gefallenen Soldaten und der Zivilisten, die Opfer von Hass und Gewalt wurden, im Gebet und mit der Niederlegung von Kränzen gedacht.

Von Joachim Zießler

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