Montag , 5. Dezember 2022
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Auf der Suche nach Nahrung haben Wildschweine am Deich im Bleckeder Stadtteil Alt Wendischthun die Grasnarbe umgepflügt.
Auf der Suche nach Nahrung haben Wildschweine am Deich im Bleckeder Stadtteil Alt Wendischthun die Grasnarbe umgepflügt. (Foto: bau)

Wildschweine ärgern Deichschützer an der Elbe

Kummer sind die Hüter der Deiche im Landkreis Lüneburg gewöhnt. Immer wieder verursachen Tiere kleinere und größere Schäden an den Schutzwällen entlang der Elbe. Besonders aktiv waren zuletzt Nutria, Bisamratte und Wühlmaus. Doch nun schlägt vermehr ein Schwergewicht zu: das Wildschwein.

Hohnstorf/Bleckede. Das „Schlachtfeld“ ist unübersehbar. Auf mehr als 100 Metern sieht die Fläche sieht aus wie ein umgepflügter Acker. Wildschweine wühlen sich im immer größer werdenden Ausmaß auf der Suche nach Nahrung unter die Grasnarbe des Deiches im Gebiet des Artlenburger Deichverbandes (ADV) und beschädigen diese dadurch – vor allem im Bleckeder Stadtteil Alt Wendischthun und bei Radegast. „Diese Schäden gefährden die Deichsicherheit“, sagte Deichhauptmann Hartmut Burmester.

Davon machte sich jetzt eine Kommission aus Politik, Verwaltung, Behörden, Feuerwehr, Polizei, Bundeswehr und Deichgeschworenen bei der großen, nach 2G-Regel abgehaltene Herbstdeichschau des ADV vor Ort ein Bild. „Den Tieren ist nicht so leicht beizukommen“, erklärte Hartmut Burmester. So nutzen sie am Deich in Alt Wendischthun den naheliegenden Schilfgürtel im Deichvorland als „Versteck“. Eine Bejagung ist daher kaum möglich.

Schwefeldünger soll reparierte Stellen der Grasnarbe schützen

Viele Möglichkeiten, das Umpflügen zu verhindern, bleiben derzeit nicht. Aktuell versuchen die Deichschützer mit an dem betreffenden, reparierten Stellen ausgelegten Schwefeldünger die Wildschweine vom erneuten Umgraben punktuell abzuhalten. „Wir haben damit schon einige gute Ergebnisse erzielt“, sagte Geschäftsführer Ansgar Dettmer. Der Wirkstoff wird langsam über Wochen und Monate an die Umgebung im Erdreich abgegeben. Bereits im vergangenen Jahr wurden die ersten Versuche gemacht. „An diesen Stellen sind nun die Wildschweinschäden, inmitten von Hotspots, ausgeblieben.“

Der Einsatz des öko-zertifizierten Schwefeldüngers sei für Menschen und andere Tiere nicht schädlich. Das Mittel bestehe aus 90 Prozent Schwefel und zu zehn Prozent aus Bentonit. Eine Tonne Schwefeldünger kostet als 25-Kilogramm-Sackware derzeit etwa 800 Euro, sagte der Geschäftsführer. Etwa 40 Kilogramm werden pro Hektar benötigt. Er fügte an: „Die Kosten für ständig wiederkehrende Reparaturen stehen in keinem Vergleich zu der Schwefel-Methode.“

Wildschweine suchen nach Würmer, Larven und Engerlingen

Die Wildschweine mit ihren hervorragend ausgebildeten Nasen sind vor allem in der kalten Jahreszeit auf der Suche nach tierischem Eiweiß, gerade wenn keine Buchen- oder Eichelmast stattgefunden hat. Fündig werden sie auf den Wiesen und eben auch unter der Grasnarbe eines Deiches. Würmer, Larven oder Engerlinge sind dort reichlich vorhanden – quasi eine Delikatesse für die Tiere. „Wir hoffen jetzt durch die Auslegung der kleinen Düngerkügelchen, dass sich die Wildschweine ihren Gourmet-Tempel nicht mehr bei uns suchen“, sagte Ansgar Dettmer.

Viele Schäden an der Grasnarbe an den Deichen hat der ADV im Frühjahr und Sommer bei geeigneter Witterung bereits repariert. Die Mitarbeiter der Deichunterhaltungskolonne erledigten dies mit einer Methode, die sie sich dafür selbst ausgedacht haben und die bislang gut funktionierte: Nach einer Beweidung und/oder Deichmahd wurde die betroffene Deichböschung ordentlich mit einem alten Mulcher an einem Hangschlepper bearbeitet, und zwar so invasiv, dass sich der Oberboden einebnen ließ. Danach erfolgte mit Schleppstriegel und Nachsaat die Erneuerung der Grasnarbe.

Deichverband sieht Artenschutz-Vorhaben mit künstlich aufgestautem Wasser kritisch

Doch nicht nur die Wildschweine waren Thema bei der Deichschau, die die Kommission im Bereich der Hochwasser-Deiche gut 50 Kilometer lang von Walmsburg im Landkreis Lüneburg bis nach Avendorf im Landkreis Harburg führte. So sieht der ADV das Vorhaben des Biosphärenreservats Niedersächsische Elbtalaue kritisch, die direkt an den Deich anliegende Fläche „Forstgraben“ bei Alt Wendischthun über mehrere Monate für Vogelarten künstlich zu stauen. Der Bereich dort ist beispielsweise ein Brutgebiet für die vom Aussterben bedrohte Vogelart Bekassine. Weitere Vögel, die es gerne temporär nass mögen, sind Kranich oder Schilfrohrsänger. „Wir haben die Sorge, dass die große Menge an lange gestautem Wasser den Deichfuß schädigen könnte“, sagte Deichhauptmann Hartmut Burmester. „Auf jeden Fall aber ist die Unterhaltung auf weicher Berme schwieriger, der Deich weniger widerstandsfähig bei Hochwasser.“

Von Marcel Baukloh

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