Montag , 5. Dezember 2022
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Der Angeklagte Sascha M. (43) mit Verteidiger Moritz Klay. (Foto: be)
Der Angeklagte Sascha M. (43) mit Verteidiger Moritz Klay. (Foto: be)

“Angst, dass man mir nicht glaubt”

Opfer sexueller Gewalt werden nicht nur vom traumatisierenden Verbrechen an sich gequält, sondern auch von der Angst, dass ihnen ihr Umfeld nicht glaubt. Von solchen Ängsten erzählten Zeugen nun im Verfahren gegen einen Stiefvater, der seine Stieftochter mehrfach missbraucht haben soll.

Lüneburg. Welche Last musste diese Seele tragen? Im Prozess gegen Sascha M. (43), der seine Stieftochter mehrfach missbraucht haben soll, sagten jetzt Zeugen aus, denen sich die heute 16-Jährige offenbart hatte. Nach ihren Aussagen wird deutlich, wie sehr und wie lange die Jugendliche mit sich gerungen hat, ihren Stiefvater anzuzeigen. Wie sehr sie gehofft hatte, dass die Mutter (37) von selbst misstrauisch werden würde. Wie groß ihre Angst war, dass ihr niemand glaubt oder dass ihre Familie zerbricht. Schließlich offenbarte sie sich dem Sozialarbeiter ihrer Schule.

"Sie wollte die Familie nicht kaputtmachen"

Am zweiten Prozesstag vor dem Landgericht Lüneburg berichtete der Freund (18) der 16-Jährigen, wie sie sich ihm anvertraut hatte, dass sie von ihrem Stiefvater "mehrfach zum Sex genötigt wurde". Wie sie lange nicht zur Polizei ging, "weil sie die Familie nicht kaputtmachen wollte". Auf seinen Einwand, dass diese Familie doch wegen der Vorfälle schon kaputt sei, habe sie geantwortet: "Es sind doch nur noch drei Jahre, dann bin ich da sowieso weg."

Schon als 8-Jähriger wurde ihr nicht geglaubt

Außerdem hatte sie Angst, dass man ihr nicht glaubt, wie damals, als sie als 8-Jährige offenbart hatte, dass der Stiefvater sie angefasst hätte. Immer wieder habe er sie gedrängt, zur Polizei zu gehen. Wie auch ihre beste Freundin, der sie sich am 13. Januar 2020 weinend offenbart hatte. Erst zögerte sie, aus Angst, Mutter und Schwester zu verlieren. Dann sprach sie mit dem Sozialarbeiter.

"Hoffte, dass meine Mutter es selbst merkt"

Auf dessen Frage, wieso sie sich nicht der Mutter geöffnet habe, habe die damals 15-Jährige geantwortet: "Ich habe gehofft, dass sie es selbst merkt. Und ich habe Angst, dass sie mir nicht glaubt."

Tatsächlich lief es genauso, als der Teenager endlich den Mut gefasst hatte, den Stiefvater anzuzeigen. Erst als die Mutter das Ergebnis der Spurensicherung erfuhr, wonach Spermaflüssigkeit mit dem Erbgut ihres damaligen Ehemanns auf dem Teppich des Kinderzimmers gefunden hatte, glaubte sie ihrer Tochter.

Drohungen auf dem Handy

Ihrem Freund hatte die Jugendliche auch von der Angst berichtet, dass der Stiefvater sie umbringen würde, wenn er aus möglicher Haft entlassen würde. Eine Angst, die bestärkt wurde von den Sprachnachrichten ihres Stiefvaters auf ihrem Handy an dem Tag, als sie zur Polizei ging: "Liebes Kind, wenn du mir mit der Polizei drohst... Beweg deinen Arsch hierher... Ich reiße dir den Kopf ab."

Von Joachim Zießler

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