Sonntag , 4. Dezember 2022
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Kleiner Damm große Wirkung: Von hier aus staut das Wasser zurück und vernässt die Wiesen und Äcker bei Karze.
Kleiner Damm große Wirkung: Von hier aus staut das Wasser zurück und vernässt die Wiesen und Äcker bei Karze. (Foto: kre)

Der Biber und das Hochwasser

Der Biber ist heimisch geworden in der Bleckeder Elbmarsch. Doch die Rückkehr des nachtaktiven "Baumeisters" bringt Probleme mit sich. Viele Flächen stehen unter Wasser. Der Bürgermeister fordert Lösungen.

Bleckede. Wilhelm Ortmann ist 72 Jahre alt – und hat in seinem Leben schon einiges erlebt: Doch jetzt macht ihn der Blick auf seine rund ein Hektar große Weide bei Karze ratlos und wütend. Denn das Grünland steht fast komplett unter Wasser. Das Befahren mit einem Trecker oder anderem Gerät – unmöglich. Das Fahrzeug würde in dem weichen, matschigen Boden geradezu versinken. "Das ist Werk des Bibers", sagt Ortmann – und zeigt zum Beweis auf den Damm, den der nachtaktive "Baumeister" im nahegelegenen Radengraben gebaut hat. Von hier aus staut das Wasser nun auf und überflutet die Wiese, die Ortmann an einen Landwirt aus Reinstorf verpachtet hat.

"Wir zahlen Steuern und Pacht, können unseren Grund und Boden aber nicht mehr nutzen", ärgert sich Ortmann. Und der 72--Jährige ist nicht der einzige, der seine landwirtschaftlichen Flächen untergehen sieht. Auch Rainer Kastens aus Radegast hat große Sorgen wegen des Bibers. Er sagt: "Letztlich ist die gesamte Bleckeder Elbmarsch von den Überflutungen, die der Biber verursachen kann, betroffen."

"Bibertäuscher" soll Wasserstand regeln

Das Problem ist den Behörden bekannt: Erst vor wenigen Tagen hatte die Biosphärenreservatsverwaltung mit Sitz in Hitzacker gemeinsam mit dem Wasserverband der Ilmenauniederung medienwirksam zu einem Pressetermin an die Bruchwetter nordwestlich von Bleckede eingeladen um – erstmalig im Landkreis Lüneburg – ein 300er KG-Rohr als sogenannten "Bibertäuscher" in einen Damm einzubauen. Mit Hilfe dieses Rohrs soll der Wasserstand reguliert werden, ohne, dass der Biber das merkt (LZ berichtete).

Doch eine solche Maßnahme muss immer in enger Absprache mit den Behörden genehmigt werden. Schließlich ist der Biber streng geschützt. Jeder nicht genehmigte Eingriff oder gar die Zerstörung eines Biberdammes gilt als Straftat und wird strafrechtlich verfolgt.

Mehrere Dämme alleine in der Bruchwetter

Rainer Kastens kann über die jüngste Aktion der Biberschützer an der Bruchwetter trotzdem nur milde lächeln: DerLandwirt aus Radegast bewirtschaftet Ackerflächen, die nur wenige hundert Meter unterhalb des Bibertäuschers liegen. Hier baut er unter anderem Getreide an – das nun aber ebenfalls zum großen Teil unter Wasser steht. Der Grund: Der Biber hat in der Bruchwetter zwei weitere Dämme gebaut, die nun dafür sorgen, dass das Wasser weiter aufstaut und die Wiesen, Felder und Äcker überflutet.

Die Baukünste des streng geschützten Nagers sieht auch Bleckedes Bürgermeister Dennis Neumann mit Sorge – schließlich gilt die Bruchwetter als Hauptentwässerungsgraben für die Stadt. Neumann setzt auf das Gespräch mit den Vertretern der Biosphärenreservatsverwaltung, dem Wasserverband der Ilmenau-Niederung, der zuständig ist für die Pflege der Entwässerungsgräben, und den Landwirten. „Wir müssen eine akzeptable Lösung finden, die Naturschutz, Tierschutz und Hochwasserschutz gleichermaßen berücksichtigt", sagt der Ratshauschef, wohl wissend, dass es in diesen Gesprächsrunden auch so manche "Systemkonflikte" zwischen Stadt und Biosphärenreservatsverwaltung zu überwinden gelte.

Bürgermeister fordert Lösung

Aber: "Wenn unsere Gräben als technische Bauwerke aufgrund des Bibers nicht mehr richtig funktionieren, dann muss eine Lösung her. Und da kann es nicht sein, dass für jede einzelne Biber-Maßnahme zuerst ein gewaltiger Genehmigungsaufwand betrieben werden muss", kritisiert Neumann. Mit dem Landkreis Lüneburg stehe er bereits in Kontakt und habe konstruktive Gespräche geführt", betont der Rathauschef. "Denn nun gehe es nicht mehr um nur einen Biberdamm, sondern um mehrere, und damit letztlich auch um den Überschwemmungs- und Hochwasserschutz für die Stadt und die Bürger", macht der Bürgermeister unmissverständlich deutlich. Die Biberbauten nun aber alle wegzureißen, das sei sicherlich der falsche Weg, sagt Neumann, "sehenden Auges aber alles hinzunehmen, kann es auch nicht sein!"

Das man den Biber, beziehungsweise seine Bauten, immer häufiger entdecken kann, verwundert nicht: Seit 1819 galt der Elbe-Biber als ausgestorben, nur wenige Exemplare überlebten an der Mittleren Elbe bei Dessau. Aufgrund strenger Schutzmaßnahmen erholten sich die dortigen Bestände und breiteten sich in den 1990er-Jahren auf der Suche nach neuen Revieren entlang des Elbstroms und seiner Nebenflüsse aus. Inzwischen ist der Bestand im Biosphärenreservat nach Wiederbesiedlung und zeitweise rasantem Bestandswachstum fest etabliert und stabil.

„Aktuell leben etwa 350 bis 400 Tiere in dem Schutzgebiet", berichtete jüngst Franz Höchtl von der Biosphärenreservatsverwaltung.

Rainer Kastens allerdings hat zu den Tieren seine ganz eigene Meinung: "Das sind Elbebiber, keine Feldbiber!" Für ihn kann es dauerhaft daher nur eine Lösung geben. "Die Tier sollten umgesiedelt werden, sonst werden wir das Problem mit den Überschwemmungen nie in den Griff bekommen."

Von Klaus Reschke

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