Freitag , 2. Dezember 2022
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Ein Foto aus der Anfangszeit des „Hundekindergartens“ von Rolf Stucke. Der war damals noch im Industriegebiet Hafen.
Ein Foto aus der Anfangszeit des „Hundekindergartens“ von Rolf Stucke. Der war damals noch im Industriegebiet Hafen. (Foto: A/t&w)

Amtstierärztin: Tierschutzverstöße im „Hundekindergarten“

Bevor Herrchen zur Arbeit fährt, übergibt er die Leine an den Dogsitter. Ein Trend. Doch sind die Fahrten im Transporter zur Freilauffläche tiergerecht? Im Falle des Lüneburger „Hundekindergartens“ sagt die Amtstierärztin „Nein“. Inhaber Rolf Stucke hält dagegen, zog vor Gericht.

Lüneburg. Ist das Tierwohl gefährdet, wenn Rolf Stucke die Vierbeiner von Berufstätigen in seinen Transportern zu seinem „Hundekindergarten“ und zurück fährt? Die Amtstierärztin sagt ja. Sie verlangt umfangreiche Umbauten an Stuckes Ford-Transit-Transportern, damit den Hunden „unnötiges Leiden erspart“ bleibt. Der Unternehmer widerspricht: „Das Veterinäramt ist nicht sachkundig.“ Der „Berufsverband der Hundebetreuer und Dogwalker“ in Berlin springt Stucke zur Seite. Die Richter von Verwaltungs- und Oberverwaltungsgericht stärken dem Veterinäramt den Rücken – vorerst. Denn noch steht die endgültige Entscheidung der Justiz aus.

Richter nehmen „Hundekindergarten“ an die kurze Leine

Aber bis dahin haben die Richter den „Hundekindergarten“ an die kurze Leine genommen. Und das, obwohl gerade das Freilaufen der Hunde zum Konzept des Betreuungsdienstes gehört. Stucke sammelt die Hunde seiner Kunden morgens ein, fährt mit dem Rudel zu der von ihm gepachteten, eingezäunten Freilauffläche im Gewerbegebiet Melbeck/Embsen, wo sich die Hunde etwa zwei Stunden austoben sollen. Nach der Mittagspause gibt es einen weiteren Spaziergang von zwei Stunden, danach werden die Hunde nach Hause gebracht.

Veterinäramt: Transporte sind nicht tierschutzgerecht

Am Rudel-Toben hat das Veterinäramt des Landkreises nichts auszusetzen, wohl aber an den Transporten. Am 15. März 2017 rügte die Amtstierärztin, dass die Mitnahme von 20 Hunden in einem Transporter „nicht tierschutzgerecht“ sei. Es fehle an Abtrennungen und ausreichender Ventilation. Am 30. Mai 2018 erstattete ein Bürger eine Anzeige, weil ein Kastenwagen des „Hundekindergartens“ mit fünf Hunden bei 30,9 Grad Celsius 25 Minuten vor einem Imbiss gestanden hätte. Am 20. Juli 2020 geriet ein schwarzer Fort Transit Stuckes in eine Polizeikontrolle. Dem Wagen sei „sehr starker Hundeurin- und Kotgeruch entströmt“. Laut Fahrerin würden die Teppiche im Wagen einmal im Jahr gereinigt. Die Beamten riefen die Amtstierärztin. Die monierte, dass die Durchlüftung für die transportierten neun Hunde nicht ausreichend sei und ein Thermometer fehle. Am 6. August 2020 wurde der Landkreis telefonisch informiert, dass Hunde in der Sonne im Transporter verblieben, wähend der Fahrer frühstücke. Stucke bestritt: „Meine Mitarbeiter parken nicht in der Sonne.“

EU-Tiertransporte-Verordnung gilt

Am 10. August 2020 kam das Amt zur angekündigten Kontrolle auf die Hundefreilauffläche. Dort prallten die Ansichten aufeinander, wie im Beschluss des Verwaltungsgerichts vom 29. Oktober nachzulesen ist: Die Amtstierärztin verwies darauf, dass auch für den „Hundekindergarten“ die EU-Tiertransporte-Verordnung und die nationale Tierschutztransportverordnung gelten würden, die eine möglichst kurze Beförderungszeit ebenso vorschrieben, wie die Versorgung der Tiere und die Vermeidung „unnötiger Verletzungen und Leiden“. Hundebetreuerinnen verwiesen auf den Chef, der „die Autofahrt nicht als Stress einschätze“.

Stucke: „Schweine sind im Stress, Hunde kommen zur Ruhe“

Auf Anfrage der LZ bekräftigt Stucke: „Die Verordnung wurde für den Nutztiertransport erlassen. Rinder und Schweine sind natürlich während des Transportes im Stress. Die Hunde aber kommen zur Ruhe.“ Zudem würde pro Hund lediglich eine Strecke von durchschnittlich 3,6 Kilometer gefahren.

Am 13. August 2020 erließ der Kreis sechs Anordnungen gegen Stucke. Unter anderem sollten die Transporter mit Klimaanlagen, Thermometern, Lampen und Heizungen ausgestattet werden; die Beförderung der Ganztags-Hunde in der Mittagsrunde sei „sofort zu unterlassen“; zudem sollten die Wagen mit rutschfesten und Urin aufsaugenden Unterlagen ausgestattet werden.

Stucke klagte gegen die „teilweise existenzbedrohenden“ Anordnungen. Die Umrüstung der Fahrzeuge sei zu teuer, kein Hund werde länger als zwei Stunden am Stück gefahren. Umgehend installierte er Verdunstungskühler. Diese wurden allerdings am 31. Oktober als ungeeignet gerügt.

Bisher nur vorläufige Entscheidungen in Eilverfahren

In einem Eilverfahren lehnte es das Verwaltungsgericht ab, die Anordnungen aufzuschieben. Der Tierschutz ginge vor. Und: „Zutreffend geht die Amtstierärztin davon aus, dass jeglicher Transport im Fahrzeug für die Hunde erheblichen Stress bedeutet.“

Zur Beleuchtung in den Wagen schrieben die Richter Rolf Stucke ins Stammbuch: Diese sei wichtig, um Kämpfe zwischen den Hunden unterbinden zu können, und verwiesen auf den 6. März 2017, als eine Jack-Russel-Hündin in einem Transporter des „Hundekindergartens“ einen Yorkshireterrier totgebissen hatte.

Wer versteht mehr von Hunden?

Insoweit Stucke meine, das Umherfahren „führe zu einer Entspannung der Hunde, ist dies offenbar auf die nur mangelnden Kenntnisse über die Bedürfnisse der von ihm betreuten Tiere zurückzuführen“.

Rolf Stucke ging in die nächste Instanz. Doch das Oberverwaltungsgericht Lüneburg wies seine Beschwerde ab: Die Tierschutzvorgaben gelten „für alle Wirbeltiere und damit auch für den Transport von Hunden“. Die Beschwerdebegründung, erst ab 41 Grad Celsius bestünde die Gefahr eines Hitzschlags, überzeugte die Richter nicht. Schon viel früher „beginnt das temperaturbedingte Leiden des Tieres“.

Der Vorwurf mangelhafter Hundekenntnisse wird vom „Berufsverband der Hundebetreuer und Dogwalker“ wie ein apportiertes Stöckchen zu den Richtern zurückgetragen: Das enge Liegen von Hunden beim Transport entspreche ihrem natürlichen Verhalten und komme ihrem Ruhebedürfnis von 16 bis 20 Stunden pro Tag entgegen. Die meisten Hunde seien Autofahren gewohnt, sähen im Auto einen „sicheren Rückzugsort“. Der Transport von Hunden habe „also nichts gemein mit Nutztiertransport“. Die Angabe, dass bei jedem Transport Stress entstünde, „entbehre jeglicher Kenntnis des Sozialverhaltens von Haushunden“.

Kreis kontrolliert wiederholt

Bis zur endgültigen Entscheidung des OVG „im Frühjahr oder Sommer 2022“ werde der „Hundekindergarten“ von seinen Leuten immer wieder kontrolliert, sagt Jochen Gronholz, kommissarischer Leit er des Veterinäramtes.

Wie das Verwaltungsgericht billigte auch das OVG dem amtstierärztlichen Dienst „eine vorrangige Beurteilungskompetenz“ zu. Stucke hält dagegen: „Da fehlt ausreichendes Wissen. Wir haben in elf Jahren 80.000 Hunde betreut“.

Fraglich, ob das die Justiz überzeugt. Die Anordnungen des Kreises wurden vom 11. Senat mehrfach mit der Einschätzung versehen, dass sie sich „im Hauptsacheverfahren voraussichtlich als rechtmäßig erweisen“ werden.

Von Joachim Zießler

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