Dienstag , 6. Dezember 2022
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Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Eckhard Pols an seinem Esstisch in Lüneburg. (Foto: t&w)
Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Eckhard Pols an seinem Esstisch in Lüneburg. (Foto: t&w)

Eckhard Pols: “Mir wurde am 26.9. gekündigt”

Eckhard Pols von der CDU hat die Regionen Lüneburg und Lüchow-Dannenberg zwölf Jahre im Bundestag vertreten. Doch bei der Wahl im September bekam er für eine vierte Runde nicht mehr genügend Stimmen. Ein Gespräch mit der LZ über Enttäuschung, den Wert der Erfahrung und seine neuen Pläne in der Politik.

Lüneburg. Eckhard Pols, Jahrgang 62, Glasermeister, fünffacher Vater, der CDU seit über 40 Jahren treu: Er wollte mindestens noch eine weitere Legislaturperiode als Abgeordneter nach Berlin. Doch bei der Wahl am 26. September entfielen die meisten Stimmen auf den 24-jährigen Jakob Blankenburg von der SPD. Erfahrung, meint Pols, hat anscheinend an Wert verloren. Nach der Wahl musste er aus seiner Berliner Wohnung ausziehen und sein Büro räumen. Dort sitzt jetzt ein Bundestagsabgeordneter aus Göttingen. Auch sein Team in der Hauptstadt hat sich neue Jobs suchen müssen. Warum er nun weiter machen und sich für den niedersächsischen Landtag aufstellen lassen will, liege an unvollendeten Projekten, wie der A39 oder Plänen mit den Binnengewässern. Derlei Vorhaben sieht Pols in Gefahr durch "inhaltsleere" Politik junger beziehungsweise grüner Politiker.

Herr Pols, Ihre Familie hat Sie 12 Jahre lang meist nur jede zweite Woche gesehen, wenn nicht gerade Sitzungswoche in Berlin war. Hatte es mit Blick darauf nicht auch etwas Gutes, nicht wieder gewählt worden zu sein?

Eckhard Pols: Als ich in die Bundespolitik gehen wollte, habe ich das mit meiner Familie besprochen. Ich habe ja auch einen Sack voll Kinder, die Kleinste ist innerhalb der Bundestagszeit geboren worden. Ganz einfach ist das natürlich nicht. Eines unserer Kinder ist auch mal gehänselt worden, "dein Vater ist Schuld, dass es uns schlecht geht". Aber ich glaube, wenn man damit aufwächst, dass der Papa oft nicht da ist, dann nimmt man das als normal hin. Und es gibt ja auch genug Ehen, die eine Wochenendbeziehung führen.

Jetzt gerade habe ich mal mehr Zeit, bei meinem Sohn beim Fußballspielen zuzugucken, wenn es denn mit Blick auf Corona stattfindet. Oder wir haben mit der Familie auch einen Weihnachtsbaum gekauft und solche Sachen gemacht. Das kann man eine Zeit lang tun, dann muss es aber auch wieder bei der Arbeit weitergehen.

Man hat mich auch mal nach der ersten Wahlperiode gefragt, hast du überhaupt noch Lust dazu? Immer diese ganze Pendelei und dieses lange Warten, bis man in der Politik zu einem Ergebnis kommt. Als Unternehmer trifft man zügige Entscheidungen. In der Politik wird hingegen auch viel gelabert, sage ich ganz ehrlich. Schrecklich ist das. Deshalb dauert vieles auch so lange. Das war am Anfang etwas schwierig. Aber ich habe das trotzdem gerne gemacht. Und wenn man Leuten dann damit helfen kann, etwa bei Problemen mit Gewerbeansiedelungen oder Bauanträgen, dann motiviert das.

Sie sind schon mit 16 Jahren in die Junge Union eingetreten. Hand aufs Herz – das macht man doch wegen der Leute und nicht wegen eines Missstandes, den man beheben möchte.

Ja klar, da kennt man die Gleichaltrigen und ist dann dabei. Wir hatten in Vögelsen, wo ich groß geworden bin, auch einen tollen evangelischen Jugendkreis und über diese Schiene und über den Sportverein lernt man Leute kennen und so bin ich da rein gekommen. Mit 19 bin ich dann in die CDU gegangen, war dort aber zunächst viele Jahre nicht wirklich aktiv, eigentlich bis ich mich selbstständig gemacht habe als Glasermeister. Damals habe ich mich über die Ausschreibungspraxis der Stadt Lüneburg geärgert. Die haben nämlich Handwerkeraufträge viel nach Außerhalb vergeben. Damals kamen nach der Wende viele Handwerker rüber und die hatten natürlich ein ganz anderes Lohnniveau. Und dann haben die zur damaligen Zeit viel abgegrast. Deshalb habe ich in den 2000er-Jahren dann für den Rat kandidiert. Denn vom meckern wird´s ja nicht besser.

Ein wenig eigennützig oder? So als Handwerker.

Nein, eigentlich nicht. Ich hab ja für das gesamte Handwerk etwas getan. Ich war damals auch in der handwerklichen Selbstverwaltung tätig und lernte Leute in vielen Gewerken kennen. Die meisten Vorhaben betreffen doch immer viele Bereiche. Die A39 ist auch so ein Thema.

Ihr Lieblingsthema...

Nein, eines von Vielen. Aber es ist doch so, da machen jetzt viele Leute, die dort wohnen, ein ganz schönes Theater, obwohl schon bekannt war, dass die Autobahn kommen soll, als sie dort hingezogen sind. Und ich habe immer gesagt, gerade im Bereich Moorfeld, demonstriert mal lieber für die Autobahn, dann kriegt ihr nämlich auch den Deckel. Und dann wird´s ruhiger. Aber jetzt steht das ja eh alles in den Sternen, denn die Grünen sind ja angetreten, um die A39 zu verhindern.

Daran hätten Sie gerne noch weitergearbeitet?

Ja, natürlich hätte ich gerne noch weiter gemacht. Ich war ja auch gut eingearbeitet. Und nur weil eine Wahlperiode endet, sind die Themen und Vorhaben ja nicht abgeschlossen. Eine Sache zum Beispiel, ganz wichtig, ist die Ilmenau. Die ist eine Bundeswasserstraße. Aber die wird seit Ibus, dem Spanplattenwerk, nicht mehr wirtschaftlich genutzt. Abgesehen von der weißen Flotte, die in den 90ern noch ein bisschen Ausflugsschifffahrt gemacht haben. Jetzt kommt man von der Elbe aber nicht mehr nach Lüneburg. In Bardowick, in Wittorf und in Fahrenholz gibt es alte Schleusen, die sind marode. Wir kämpfen dafür, dass die Schleusen erhalten bleiben, damit man wieder da längs fahren kann. Das hätte ich gerne noch weiter begleitet. Sowieso das Thema Binnenschifffahrt fand ich immer spannend. Nehmen wir zum Beispiel das geplante Schiffshebewerk in Scharnebeck. Das wird ein riesen Ding, ein 200 Meter langes Gebäude, 38 Meter hoch, damit längere Schiffe dadurch fahren können.

Wir wollen nämlich mehr Verkehr auf die Wasserstraßen bringen, damit diese LKW-Fahrerei aufhört. Auf die Schiene, aber auch auf die Wasserstraße. Hier muss man einen guten Mittelweg zwischen Ökologie und Ökonomie finden. Oder mein Gedanke, wieder Freizeitschifffahrt auf unseren Binnengewässern zu etablieren. Man könnte eine kleine Marina im Bereich der Feuerwehr bauen, gegenüber vom Kloster Lüne. Dann würden die Leute da mit ihren Booten anlegen und sind in zehn Minuten in der Innenstadt zum Geldausgeben. Das sind ja eher gut situierte Leute. Das ist ja auch ok. Ich finde, wenn jemand gearbeitet hat und es ihm dann im Alter gut geht, ist das in Ordnung. Aber bei solchen Vorhaben wird manchmal mit dem Naturschutz übertrieben. Klar, das ist wichtig, aber manchmal ist da auch etwas Neid im Spiel. Man muss den Leuten zugestehen, Geld zu verdienen, sonst würde ja auch keiner irgendwo investieren.

Ist das für Sie eine Mentalität, die mit den Grünen hochgekommen ist?

Sicherlich. Auch wenn die Generation vorher daran nicht ganz schuldlos ist. Einiges wurde auch übertrieben. Wenn etwa Straßen gebaut wurden der Straße wegen.

Hätte man die jungen Leute dann nicht besser abholen müssen?

Da tun wir uns schwer als CDU, das ist so. Aber alles, was der Staat ausgibt, auch für Naturschutz oder Jugendförderung – das muss irgendwo verdient werden. Sehen Sie, gerade hat sich die Grünenpolitikerin Ricarda Lang im Hamburger Abendblatt zu den Themen geäußert, mit denen sie antreten will: Frauen- und queere Politik sowie soziale Gerechtigkeit. Schön und gut, da habe ich nichts dagegen. Aber wenn das die politischen Schwerpunkte sind, dann haben wir doch Luxusprobleme. Ja, wir brauchen eine vernünftige Gleichberechtigung. Aber wenn das das Format der künftigen Politikergeneration ist... Da wird mir Angst und Bange. Denn jemand muss die guten Ziele, die sie ja hat, auch bezahlen. Und bald haben wir da mehr und mehr Leute im Bundestag, die vom wahren Leben kaum Ahnung haben.

Wird Ihnen also auch bei der Zukunft Lüneburgs Angst und Bange?

Ja natürlich. Wir haben nun eine Grüne Oberbürgermeisterin und als tragende Kraft im Stadtrat die Grünen. Da sitzen Autobahngegner drinnen. Und wenn die A39 nicht kommt, dann gibt es auch kein Gewerbegebiet Bilmer Berg 3. Das wird erst erschlossen, wenn die Autobahn kommt. Und ohne das gibt es keine neue Gewerbeansiedelung und dann wandern uns die Leute ab. Dann werden wir in Lüneburg unattraktiv. Und dann gehen auch die Steuern woanders hin.

Im Stadtrat sitzen ja nun auch einige sehr junge Kollegen. Nichts gegen junge Leute. Aber einige sind auch Studenten und die sind teils nur zwei oder drei Jahre an einem Ort, dann sind sie weg. Da fehlt mir die Verbundenheit mit unserer Region.

Fehlt Ihnen dabei auch die Wertschätzung vor der Erfahrung?

Ja, ganz klar. Denn wenn Jugend der Grund ist, jemanden zu wählen, dann kann man ja seine ganze Lebenserfahrung in die Tonne kloppen. Wenn das die Kriterien der neuen Politiker sind, weiß ich auch nicht weiter. Da interessiert Erfahrung ja gar nicht mehr. Gefühlt ist man nur noch Hip, wenn man queer ist. Oder jung.

Jakob Blankenburg ist tatsächlich jung und sitzt jetzt statt Ihnen in Berlin.

Also ich kenne Jakob Blankenburg überhaupt nicht. Ich weiß, er kommt aus dem Landkreis Uelzen. Egal, ich kannte nicht mal seinen Namen und habe mich sehr über das Ergebnis gewundert. Das ist jetzt eben der Zeitgeist. Aber ich denke, da hat auch die Bundes-CDU mit Laschet und dem späten Wahlprogramm viel vermasselt. Und man kann auch keinem Bürger übel nehmen, wenn er sich über die Politik der CDU ärgert. Das habe ich ja auch am Wahlkampfstand gemerkt. Da haben Leute gesagt, ich würde euch ja wählen, aber nicht mit dem Laschet. Und nicht alle splitten dann ihre Stimmen. Na ja, aber dann zu verlieren gegen einen 24-Jährigen der gerade seinen Bachelor gemacht hat und nicht aus dem Wahlkreis kommt... Seinen Wahlkreis zu verlieren, für den man 12 Jahre gearbeitet hat. Das ist.. das tut weh. Aber gut, das ist Demokratie, und man muss immer damit rechnen, zu verlieren.

Sie haben aber nicht damit gerechnet.

Nein. Also dass das Ergebnis nicht toll wird, war klar. Aber gegen einen relativ unbekannten Kandidaten zu verlieren, hätte ich nicht erwartet. Ich sehe meine Arbeit aber noch nicht als beendet an. Deshalb möchte ich auch für den Landtag kandidieren, um einfach gewisse Themen zu einem vernünftigen Ende zu bringen. Stichwort Binnenschifffahrt oder auch Kultur, etwa die Sicherung der Finanzierung fürs Theater Lüneburg.

Ein Notfallplan oder von Anfang an Plan B?

Na ja, wenn man das knallhart sagen will, bekomme ich jetzt noch Übergangsgeld, und wenn das vorbei ist, bin ich arbeitslos. Mein Geschäft habe ich nicht mehr. Da sieht man wieder, aus der Selbstständigkeit heraus in die Politik zu gehen, ist gefährlich. Am 26.9 um 20:30 Uhr bin ich gekündigt worden und habe jetzt ein Jahr Kündigungsfrist. Und nun will ich auf Landesebene nächstes Jahr weiter machen, weil ich das auch gerne für die Menschen machen will.

Hat ja aber auch etwas mit der eigenen Bedeutung zu tun...

Na ja. Ja. Man hat ja auch Erfolge gehabt. Aber vor allem gibt es noch einiges zu tun. Und auch auf der Landesebene kann man viel bewirken. Zum Beispiel das Thema Hochwasserschutz an der Elbe oder bei der Sportförderung. Das ist Ländersache.

Sie sprachen eben die Bundes-CDU an. Gab es eigentlich mal Beschlüsse, die Sie persönlich nicht mittragen konnten?

Die Aussetzung der Wehrpflicht war ein Thema. Da hatte ich Bauchschmerzen. Bei den Griechenlandhilfen auch – das kommuniziert man dann intern und in dem Fall habe ich am Ende dagegen gestimmt. Auch die Novellierung der Handwerksordnung ging mir nicht weit genug, da hätte ich gern mehr Gewerke gesehen, die wieder den Meister machen müssen, um sich selbstständig machen zu können.

Sie hatten einen Mitarbeiter in Lüneburg und drei Mitarbeiterinnen bzw. Mitarbeiter in Berlin. Sind die eigentlich alle neu untergekommen?

Tja die sind quasi mit mir arbeitslos geworden. Meine Büroleiterin in Berlin hat relativ schnell etwas bei einem Kollegen aus Baden-Württemberg gefunden. Der Kollege aus Lüneburg ist beim Verband der kommunalen Unternehmen, aber ein dritter Mitarbeiter ist noch arbeitssuchend. Und die bekommen kein Übergangsgeld und müssen sich sofort nach so einer Wahl auf Jobsuche begeben. Da hängen mehr Existenzen dran als nur meine.

Trauen Sie Ihrer Partei zu, in vier Jahren wieder eine Rolle in der Regierung zu spielen?

Sonst wäre ich nicht mehr dabei.

Von Laura Treffenfeld

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