Freitag , 2. Dezember 2022
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Gaby Infray (links) und Anne Kahrs mit ihrem Sohn Lio in der Kita "Die Rübe". (Foto: t&w)
Gaby Infray (links) und Anne Kahrs mit ihrem Sohn Lio in der Kita "Die Rübe". (Foto: t&w)

Kita wird nussfrei für Jungen mit starker Allergie

Eine Haselnuss könnte das Leben des kleinen Lio beenden. Er ist so schwer allergisch, dass selbst Spuren von Nüssen ihn krank machen. Seine Eltern dachten erst, so kann er sicher nicht in die Kita gehen. Doch die hat entschieden, wir werden nussfrei! – und eine Assistenz für ihn vorgeschlagen.

Lüneburg. Lio ist gerade sieben Monate alt, als seine Lippe am Küchentisch unnatürlich anschwillt. Da stimmt etwas nicht, sieht seine Mutter Anne Kahrs. Im Krankenhaus kommt heraus, der Kleine ist allergisch gegen Hühnerei. Er bleibt eine Nacht zur Beobachtung, und die junge Familie arrangiert sich mit der Situation. Ein halbes Jahr später bekommt er unter ärztlicher Aufsicht kleine Mengen von gebackenem Ei zu essen, um zu sehen, wie sein Körper darauf reagiert. Schnell ist klar, das verträgt Lio, sein Körper baut Toleranzen auf. Kurzes Durchatmen.

Zur Feier des Tages bekommt Lio etwas besonderes: ein Brötchen mit Nutella. Was dann jedoch folgt, beschreibt seine Mutter als Ereignis, das ihr Leben in zwei Hälften teilt. Ein Davor und ein Danach. Lio muss sich direkt übergeben und kommt wieder ins Krankenhaus. Die Ergebnisse sind eindeutig: Auf Haselnüsse ist er noch viel schwerer allergisch – es ist die sechste von sechs Allergie-Stufen, Anaphylaxie. In den "Leitlinien Anaphylaxie für Patienten" heißt es: Unter einer Anaphylaxie versteht man die schwerste Form einer akuten allergischen Sofortreaktion, die potenziell lebensbedrohlich sein kann. Sie äußert sich an verschiedenen Organsystemen, am häufigsten an der Haut, den Atemwegen, dem Magen-Darm-Trakt und dem Herz-Kreislauf-System.

"Das bedeutet, dass für Lio selbst Spuren von Nüssen gefährlich sind", erklärt Anne Kahrs. "Und darauf zu verzichten, ist viel schwieriger als auf Nüsse selbst. Denn Spuren finden sich in sehr vielen Lebensmitteln, zum Beispiel in einigen Tees oder in Brötchen vom Bäcker."

Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen zählte in den vergangenen vier Quartalen (bis einschließlich September 2021) 3799 Patientinnen und Patienten in Niedersachsen mit einer Anaphylaxie "nach Ernährung" (es gibt auch welche nach Medikamenteneinnahme usw.). Zum Vergleich: An Asthma waren 2018 in Niedersachsen 354.000 Menschen erkrankt, so steht es im Gesundheitsatlas Niedersachsen.

Die Rübe macht für Lio den Besuch in der Kita möglich

Die Familie Kahrs beginnt also, sich intensiv mit Lebensmitteln zu beschäftigen. Sie backt ihre Brötchen selbst, und beim Einkaufen wird die Beschreibung jedes einzelnen Produkts akribisch durchgelesen. "Das Problem ist, Spuren von Lebensmitteln müssen nicht auf den Verpackungen ausgewiesen werden. Wenn sie allerdings angegeben werden, müssen sie vollständig sein. Das heißt, wenn ich auf einer Packung 'Spuren von Milch' lese, dort aber nichts von Nüssen steht, kann ich es kaufen", erklärt Anne Kahrs.

Angst, dass doch irgendetwas passiert, hat sie trotzdem. Ihr Sohn ist immerhin ein Kleinkind und steckt sich liebend gern Dinge in den Mund. "Wir haben gedacht, so kann er sicher nicht in die Kita gehen. Dabei halte ich den Kontakt zu anderen Kindern für wichtig." Die berufstätige Anne Kahrs ruft in der Rübe, ihrer Wunsch-Kita in Oedeme, an und schildert die Situation. Doch statt der Familie abzusagen, kommt der Kita-Leiter Matthias Wöhlk ihr entgegen und schlägt eine Assistenz für ihn vor. Eine Person, die Lio begleitet, während er in der Kita ist und aufpasst, was er so zu sich nimmt. "Hätte er uns das nicht vorgeschlagen, wäre Lio heute nicht in der Kita", ist sich Anne Kahrs sicher.

Leiter Matthias Wöhlk ist zudem nicht der Ansicht, dass andere sich wegen Lio einschränken müssen. "Jedes Lebensschicksal ist unterschiedlich, und wir gehen hier mit den Eltern ein Stück ihres Lebensweges. Wir sind offen für alle Kinder, fordern das aber auch von den Eltern ein." Ein Kind mit einer so starken Allergie hat es übrigens noch nicht gegeben in der Rübe. Und auch eine Assistenz ist etwas besonderes. "Das hatten wir zuvor erst einmal bei einem Kind. Aber dadurch hatten wir bereits eine Vorstellung davon", sagt Matthias Wöhlk.

15 Haselsträucher auf dem Kita-Gelände gekappt

Die Rübe macht bei ihren Kleinen keine halben Sachen. Und so hat sie sich mit allen Mitarbeitenden besprochen und zusammen mit den Eltern beschlossen, eine nussfreie Kita zu werden. Nüsse sind von da an vom Speiseplan gestrichen – übrigens auch Rührei – und die Kinder bringen keine Nüsse mehr in die Kita mit, egal ob in Schokoladenform oder als Müsli oder sonst wie. Sogar die rund 15 kleinen Haselsträucher, die auf dem Kita-Gelände wachsen, wurden gekappt. Eine Gemeinschaftsaktion vieler Eltern. "Da war ich wirklich gerührt", sagt Anne Kahrs. "Wir haben dazu auch an zwei Tagen im September die herumliegenden Haselnüsse aufgesammelt. Ich glaube, an der Stelle gab es vielleicht einige Eltern, die das merkwürdig oder übertrieben fanden. Aber als wir uns allen vorgestellt haben und erklärten, was eine Haselnuss bei Lio anrichten könnte, haben sie bemerkt, wie nahe uns das geht. Und ich muss sagen, jetzt haben alle das Thema wirklich auf dem Schirm und unterstützen uns."

Der Adrenalin-Pen ist zu jedem Augenblick da, wo auch Lio ist

Trotz allem isst Lio nur sein eigenes Essen, denn nussspurenfrei kann die Kita nicht kochen. Immerhin wollen alle anderen Kinder abwechslungsreich verpflegt werden. Dafür hat Lio ja aber seine Assistenz von der Lebenshilfe, Gaby Infray. Die hat immer ein Auge auf den Kleinen, schaut zum Beispiel, dass er sich keinen Krümel vom Tisch angelt, der zum Teller eines anderen Kindes gehört. Auch sein Notfallmedikament, den Adrenalin-Pen, weiß sie einzusetzen. Der ist zu jedem Augenblick da, wo auch Lio ist. Für Gaby Infray ist es eine neue Situation gewesen, mit einem so kleinen Kind zu arbeiten. "Ich hatte auch Respekt davor." Aber zwischen den beiden besteht eindeutig große Sympathie. Auf die Frage, was denn mit Lio nach der Kita passiert, sagt Gaby Infray lachend. "Ach, ich bleibe am Ball bis zur Rente."

Und Lio? Der merkt von alldem noch nichts. Er kann unbeschwert spielen, essen und einfach ein kleiner Junge sein. "Später wird er merken, dass er anders ist", weiß seine Mutter. "Aber dann bekommt er ja auch ein Gefahrenbewusstsein und kann fragen, was in seinem Essen steckt." Bis Lio zwölf Jahre alt ist, erhält er den Status eines Schwerbehinderten.

Für den Moment ist Anne Kahrs dankbar über Gaby und über die Solidarität der Rübe. "Ich schaue auf der Arbeit gar nicht mehr auf die Uhr, wenn in der Kita Essenszeit ist. Das hätte ich anfangs nicht gedacht." Durch die Sensibilisierung könnte Lio vielleicht später einmal keine Probleme mehr mit Eiern haben. Das würde schon vieles erleichtern – in seinem haselnussspurenfreien Leben.

Von Laura Treffenfeld

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