Mittwoch , 28. September 2022
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Berthold Schweers, Geschäftsführer des Caritasverbands.
Berthold Schweers, Geschäftsführer des Caritasverbands, setzt auf konkrete Hilfen und Beratung gerade in der Pandemie - auch wenn Abstandsregeln und andere Vorschriften gelten. (Foto: A/be)

Guter Nachbar hilft seit 63 Jahren

Die defekte Waschmaschine oder der Herd und die deftige Nachzahlung für Strom sind nach wie vor Klassiker bei den Beratungen in den Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege.

Lüneburg. Die defekte Waschmaschine oder Brille, die hohe Nachzahlung für Strom, der Eigenanteil für Medikamente - das sind schon „Klassiker“, bei denen die Arbeitsgemeinschaft „Guter Nachbar“ in Stadt und Landkreis Lüneburg seit Jahrzehnten unverschuldet in Not Geratenen hilft. Aber Berthold Schweers, Geschäftsführer des Lüneburger Caritasverbands, weiß auch von ganz besonderen Fällen zu berichten.

„Ich erinnere mich an den Fall der fast 80-jährigen Seniorin. Sie war noch nie bei uns gewesen, musste erst überredet werden, zu kommen“, erzählt Schweers. Die Seniorin stand kurz vor ihrem runden Geburtstag, ihre schmale Rente reichte gerade für das Notwendigste. Der große Wunsch der alten Dame: zwei Freundinnen zur Geburtstagsfeier ins Café einladen.

Seniorin hat besonderen Wunsch

„Da sind wir als Berater bei den Hilfsorganisationen auch nur Menschen. Solch ein Fall berührt uns natürlich besonders“, sagt Schweers. Der Gute Nachbar half der Jubilarin mit 50 Euro aus. „Und ich bin mir sicher, dass das im Sinne der vielen Menschen war, die Jahr für Jahr für den Guten Nachbarn spenden“, erzählt Schweers, der seit fast 30 Jahren für den Guten Nachbarn aktiv ist.

Aber eben auch die Waschmaschine ist immer wieder Thema in den Beratungen des Guten Nachbarn. „Das uralte Gerät gibt seinen Geist auf, ist nicht mehr zu reparieren und das in einer Zeit, in der die Familie gerade ein Baby erwartet“, berichtet Berthold Schweers. „Wir überlegen dann, wie wir helfen können.“ Der Grundsatz in solchen Fällen: Der Gute Nachbar übernimmt nicht die kompletten Kosten, wer Hilfe sucht, muss einen Teil selbst dazu beitragen.

Unterstützung beim Eigenanteil

Berthold Schweers hat viele solcher Fälle im Gedächtnis. Etwa den der fünfköpfigen Familie, deren Herd nicht mehr zu reparieren ist, oder die vielen Fälle, in denen Menschen nicht in der Lage sind, ihren Eigenanteil für die neue Brille oder den Zahnersatz zu leisten. „Das liegt dann beim Optiker oder beim Zahnarzt, weil sich Patienten schämen, dafür nicht zahlen zu können. Wir versuchen dann, zu vermitteln.“

Das für den Guten Nachbarn gespendete Geld sei auf jeden Fall gut angelegt, sagt Berthold Schweers und erklärt, wie sorgsam damit umgegangen wird: „Wenn Bedürftige zu uns kommen, prüfen wir generell zuerst, ob Ansprüche aus staatlichen Leistungen, etwa Wohngeld oder Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket, geltend gemacht werden können.“ Und auch, wenn der Gute Nachbar eine Leistung gewährt, laute die Frage immer: „Wie viel können Sie dazugeben?“

Dem Guten Nachbarn gehören von den Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege der Caritasverband, das Deutsche Rote Kreuz (Kreisverband und Ortsverein Lüneburg), der Lebensraum Diakonie, der Paritätische und die Arbeiterwohlfahrt sowie die Landeszeitung an. Seit 1958 hilft die Aktion unverschuldet in Not geratenen Menschen aus der Region.

Von Ingo Petersen

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