Samstag , 3. Dezember 2022
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Neues von den Neuen im Neuen

2021 war nicht nur Corona. Die Wahlen haben die Politik neu sortiert - in Berlin wie in Lüneburg. Im nächsten Jahr wird sich zeigen, was sich unter den neuen Farben wirklich ändern wird.

Ein Rück- und Ausblick von Marc Rath

Was bringt 2022? In jedem Fall wieder Neuigkeiten. Aber ob sie auch alle neu sind oder sein müssen? Die neue Bundesregierung ist seit wenigen Tagen im Amt. Rot-Grün-Gelb – dabei hatte für eine Ampel manchen ihrer Akteure (ja, in diesem Fall insbesondere den Männern) zur Jahresfrist noch „jede Phantasie gefehlt“. Was doch der Lauf eines Jahres für einen Erkenntnisgewinn oder Handlungsdruck auslösen kann...

In Lüneburg wurden durch die Wahlen im September die Karten neu gemischt. Mit Claudia Kalisch ist erstmals eine Frau und die Farbe Grün an der Rathaus-Spitze. 60 Prozent der Mitglieder des neuen Lüneburger Stadtrats gehören das erste Mal diesem Gremium an. Im Kreistag sind es geringfügig weniger.

Nach den ersten Tagen lässt sich sagen: Es weht ein frischerer Wind. Und das ist nicht nur gut so, es wurde auch dringend Zeit. Auch weil einige der bisherigen Protagonisten die Zeichen eben selbiger nicht mehr so ganz nachvollziehen konnten oder wollten. Zwei Herren haben das in den vergangenen Wochen mit der Art und Weise ihres Abgangs in erschreckend eindrucksvoller Weise demonstriert. Das war geradezu schon bedrückend. Demokratie lebt vom Wechsel und wie man es – besser – macht, hat Angela Merkel bei ihrem Abschied vom Kanzleramt überzeugend bewiesen.

Viele der neuen Kräfte haben an der Leuphana studiert

In Stadt und Landkreis Lüneburg tritt eine neue Generation an. Viele der künftigen Kommunalpolitikerinnen und -politiker haben an der Leuphana studiert oder sind dort aktuell noch. Die viel beschworenen Impulse, die eine Uni in die Stadt trägt, können nun auch politisch sichtbar werden – bis in die Spitzen: So haben sowohl Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch als auch die neue Vizechefin der Grünen-Bundestagsfraktion, Julia Verlinden, an der Leuphana studiert. Sie sind wegen dieses Angebotes überhaupt erst auf Lüneburg aufmerksam und hier heimisch geworden.

Der pragmatische Umgang mit dem Klimaentscheid, dem der Stadtrat jetzt ohne Gegenstimmen beitrat, war ein Vorgeschmack einer neuen Zeit. Bei weiteren wichtigen Themen wie neue Wege in der Mobilität, bezahlbaren Wohnraum und eine lebendigere Innenstadt sollte dieser konstruktive Geist weiter belebt werden. Einiges an Vorarbeiten steckt ja bereits in den Rathaus-Schubladen. Daher geht es nicht zuletzt um einen neuen Umgang miteinander. Hier sind die Unterschiede greifbar. Die lange Jahre prägenden Köpfe wie Ulrich Mädge und Eckhard Pols sind Ende der 1970er-Jahre in die Politik eingestiegen. „Stoppt Strauß“, „Freiheit oder Sozialismus“ – das Denken in politischen Blöcken und Lagern prägte damals die politische Kultur bis hin zur Unkultur. Nein, früher war mitnichten alles besser. Heute aber stellen sich andere, existenzielle Fragen. Da gilt es, Mauern auch in den Köpfen zu überwinden.

Mit Phantasie zum größtmöglichen gemeinsamen Nenner

Wenngleich Lüneburg die politische Hochburg der Grünen im Land ist: Die Partei hat in der Hansestadt 35 Prozent errungen – nicht 50 und schon gar keine 100. Es wird also stets darum gehen, Gemeinsamkeiten mit anderen auszuloten und den größtmöglichen Nenner für einen Kompromiss zu finden. Da lohnt sich viel Phantasie der Neuen im neuen Jahr. Nur so kann Neues dann auch gelingen. Es wären gute Neuigkeiten – nicht nur für 2022.