Samstag , 3. Dezember 2022
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Für Anne und Michael Schulz beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Ihr Gasthaus in Hohensand haben sie dicht gemacht.
Für Anne und Michael Schulz beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Ihr Gasthaus in Hohensand haben sie dicht gemacht. (Foto: be)

Gasthaus Zum Hohensand endgültig geschlossen

Jetzt ist Zapfenstreich: Nach 117 Jahren findet ein besonderer Familienbetrieb sein jähes Ende - Anne und Michael Schulz schließen das Gasthaus Zum Hohensand für immer.

Hohensand. Der Durst der Bardowicker Gemüsebauern war einst das Kapital der Bauernfamilie Schulz, die 1905 einen Schankbetrieb eröffnen durfte auf dem Hohensand zwischen Wittorf und Bardowick. In dritter Generation führte zuletzt Michael Schulz mit seiner Ehepartnerin Anne das Gasthaus Zum Hohensand, das nicht nur im Domflecken zur Legende wurde. Doch mit dem jetzigen Jahreswechsel endet die Gasthaus-Ära: Das geschichtsträchtige Zum Hohensand ist geschlossen, das Gebäude steht vor dem Verkauf.

Am Silvester-Tag läutete das Ehepaar Schulz das Ende der kleinen Gasthaus-Dynastie ein mit einem gemütlichen Frühschoppen in kleiner, privater Runde. „Wir gehen mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, berichtet Michael Schulz am Neujahrstag der LZ. Der Betrieb habe ihm Spaß gemacht, mit vielen Gästen habe er sich angefreundet. Und Anne Schulz sagt: „Das war alles wie eine große Familie.“ Doch die Gesundheit machte Michael Schulz kurzfristig einen Strich durch die Rechnung. Der Entschluss, zu verkaufen, sei erst im Dezember gefasst worden. Ein Investor steht schon bereit für das Haus, das die Geschichte des kleinen Ortes Hohensand maßgeblich prägte.

Konzession erteilt „im Namen des Königs“

„Im Namen des Königs“: Im Jahr 1905 erteilte Winsens Landrat Ecker die Konzession für das Gasthaus Hohensand.
„Im Namen des Königs“: Im Jahr 1905 erteilte Winsens Landrat Ecker die Konzession für das Gasthaus Hohensand. (Foto: privat)

Es war ein Politikum, als der damalige Großbauer Heinrich Schulz aus Bardowick ein Gasthaus auf dem Hohensand einrichten wollte. Gebaut hatte er schon 1904, grünes Licht für den Schankbetrieb gab der Kreisausschuss des damaligen Landkreises Winsen aber erst 1905. Gastwirte aus Wittorf und Bardowick hatten etwas gegen die Konkurrenz. Doch schließlich erteilte der damalige Landrat Ecker „im Namen des Königs“ die Konzession.

Parallel zum ursprünglichen Gasthausgebäude – die heutige Hausnummer 15 neben der jetzigen Gaststätte – wurde ein Schiffsanleger an der Ilmenau gebaut, berichtet Günter Schulz, Cousin von Michael Schulz und mit 87 Jahren ältestes lebendes Familienmitglied. Der Anleger wurde genutzt, um das Gemüse der Bardowicker Bauern auf die Kähne zu laden auf dem Weg nach Lüneburg und Hamburg. Günter Schulz sagt: „Und die Bardowicker hatten nach der Arbeit auch den notwendigen Durst.“

Anekdote von den zwei Reitern

Das Geschäft lief so gut, dass Heinrich Schulz zunächst eine Kegelbahn baute und schließlich 1926 auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein komplett neues Gasthaus errichtete, mit Wohnungen im Obergeschoss. 1950 übernahm Siegfried Schulz den Betrieb und erweiterte das Gebäude 1968 um das Clubhaus und zwar über die Kreisgrenze hinweg: Wer an der Theke saß, befand sich im Landkreis Harburg, und wer zwei Meter weiter im Clubraum Platz genommen hatte, konnte sein Bier im Kreis Lüneburg genießen. Die Grenze wurde mit der Gebietsreform 1974 verschoben, Hohensand wurde mit Wittorf dem Kreis Lüneburg zugeschlagen, doch die Geschichte blieb.

Jeden Gast mit offenen Armen empfangen

Aus der Zeit von Siegfried Schulz hält sich auch noch die Anekdote von den zwei Reitern, die den Umzug der Bardowicker Schützen begleiten sollten. Sie machten vorher Station im Gasthaus Zum Hohensand und banden ihre Pferde draußen an. Bardowicker hätten sie schließlich ermahnt: „Hey, ihr sauft hier drinnen und eure Pferde draußen verdursten!“ Daraufhin habe Gastwirt Schulz die Tiere ins Gasthaus geholt und aus der Spüle trinken lassen.

Laut Familien-Urgestein Günter Schulz sei Hohensand Anfang der 1980er abermals zum Politikum geworden: Der Fleckenrat machte Anstalten, Hohensand nach Bardowick eingemeinden zu wollen. Böse Zungen behaupten, die Bardowicker hätten nur den Tresen haben wollen. Jedenfalls sprach sich laut Günter Schulz schließlich eine Versammlung im Gasthaus Hohensand dafür aus, in Wittorf zu bleiben. „Wir sind trotzdem gut miteinander ausgekommen“, sagt Günter Schulz, der als Maler lieber vor als hinter dem Tresen Platz genommen hat.

Auch mal Karten mitgekloppt oder mitgefeiert

1996 übernahm der gelernte Koch Michael Schulz den Familienbetrieb in dem Gasthaus, das zugleich sein Elternhaus ist, in dem er noch wohnt. Seit 2015 ist seine Frau Anne hauptberuflich in den Betrieb mit eingestiegen. Er sagt: „Durch die Stärke meiner Frau haben wir einen Betrieb aufgebaut, der sich hören und sehen lassen kann.“ Das Ehepaar hat jeden Gast mit offenen Armen empfangen, auch mal Karten mitgekloppt oder mitgefeiert, sagt Anne Schulz, „aber immer mit einem gesunden Mittelmaß“. Und sie haben ihren Gästen die Wünsche von den Augen abgelesen. Michael Schulz sagt: „Wer nach einem guten Wein gefragt hat, bekam auch mal ein Bier.“

Auf die Frage, ob er schon mal einen Gast vor die Tür setzen musste, blickt Michael zu Günter Schulz hinüber: „Ich hätte das ab und zu gerne bei meinem Cousin gemacht ... aber ... schreib das nicht! Ich habe schon meinen Anwalt angerufen ... nein, wir hatten sonst nur friedliebende Gäste.“ Und die werde er besonders vermissen.

Indes bedauert Bardowicks Samtgemeindebürgermeister Heiner Luhmann, dass die Verkaufsgespräche schneller gingen als gedacht, sonst wäre die Samtgemeinde aktiv geworden. „Das ist die nächste Gaststätte mit einem Versammlungsraum, die wegzubrechen droht. Das wäre eine Katastrophe.“ Doch nach ersten Vorgesprächen hätte der designierte Käufer in Aussicht gestellt, einen kleinen gastronomischen Bereich zu erhalten.

Von Dennis Thomas

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