Samstag , 3. Dezember 2022
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Zum Abschuss freigegeben: Für zwei Wölfe gibt es eine Ausnahmegenehmigung, getroffen hat es nun aber ein anderes Tier.
Zum Abschuss freigegeben: Für zwei Wölfe gibt es eine Ausnahmegenehmigung, getroffen hat es nun aber ein anderes Tier. (Foto: AdobeStock)

Junge Fähe wurde in Amt Neuhaus erschossen

Schon seit geraumer Zeit kommt es in der Gemeinde Amt Neuhaus zu Nutztierrissen durch Wölfe. Darauf hat das Land reagiert und die Entnahme eines Wolfspaares erlaubt. Jetzt ist ein Wolf erschossen worden – wohl der falsche. Dennoch heißt es vom Umweltministerium, dass der Abschuss vom Recht gedeckt sei.

Amt Neuhaus. Ein Wolf wurde am vergangenen Sonnabend in der Gemeinde Amt Neuhaus abgeschossen. Das berichtet das niedersächsische Umweltministerium. Bei dem getöteten Tier handelt es nach ersten Informationen um eine ein bis zwei Jahre alte Fähe.

Für das Töten von zwei Tieren des Neuhauser Rudels liege eine Ausnahmegenehmigung vor, die der Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) am 29. November erteilt hatte, heißt es in einer Pressemitteilung des Ministeriums. Allerdings gilt diese für zwei andere Wölfe, einen Rüden mit der Kennung GW 1532m und eine Fähe mit dem Code GW 872f. Dennoch sei der Abschuss der jungen Fähe von der geltenden Rechtslage nach dem Bundesnaturschutzgesetz vollumfänglich gedeckt, betont das Ministerium. Die Ausnahmegenehmigung ist bis zum 31. März befristet.

Zahlreiche Nutztierrisse nachgewiesen

Mit der Genehmigung sei insbesondere die Gefahr der Fortführung und Weitergabe von in der Kulturlandschaft untypischen Jagdtechniken von Wölfen in Bezug auf ausreichend geschützte Nutztiere gewürdigt worden, lautet die Begründung für die Entnahme, die daher eine Reaktion auf zahlreiche durch DNA-Analysen nachgewiesene Nutztierrisse der beiden Wölfe sei.

Hauke Hanstedt, Hegeringleiter in Neuhaus und ehemaliger Wolfsberater, sagt im Gespräch mit der LZ, dass es aktuell – wie schon in der Vergangenheit – regelmäßig Nutztierrisse in der Gemeinde gebe. Das Land Niedersachsen beziffert den Gesamtschaden, der mit hoher Wahrscheinlichkeit auf das Wolfspaar zurückgeht, auf 2785 Euro im vergangenen Jahr. „Hinzu kommen weitere Schäden in Höhe von mindestens 3000 Euro durch eine Reihe weiterer Rissvorfälle im Territorium des Rudels Amt Neuhaus, deren abschließende finanzielle Bearbeitung derzeit noch erfolgt“, erklärt das Umweltministerium.

Bis zu 12 Wölfe wurden gesichtet

Hanstedt betont, dass der Hegering weder vom Land über die Entnahme informiert, noch in irgendeiner Art daran beteiligt worden sei. Daher wisse er auch nicht, wo der Abschuss stattgefunden habe. Die momentane Größe des Rudels in Amt Neuhaus schätzt er auf bis zu zwölf Wölfe. „Es gibt Sichtungen aus dem vergangenen Herbst, die das nahelegen, jedoch nicht als Nachweise gelten“, erläutert er.

Das bestätigt auf Anfrage Raoul Reding, der als Wolfsbeauftragter der Landesjägerschaft das Wolfsmonitoring in Niedersachsen leitet. „Im Moment haben wir keine Nachweise, die ein Rudel bestätigen. Dafür wären mindestens drei Tiere nötig“, sagt er. Dennoch geht er davon aus, dass es mehr Wölfe in Amt Neuhaus gibt, als offiziell verifiziert. „Das ist normal. Es sind in Revieren immer mehr Tiere da als nachgewiesen.“

Nachweis über DNA-Analyse

Regelmäßig bestätigt werde dagegen die Existenz des zum Abschuss freigegebenen Paares. „Über DNA-Analysen bei Nutztierrissen werden die beiden Wölfe immer wieder nachgewiesen“, erklärt Reding. Zudem habe man erkennen können, dass das Wolfspaar nicht mehr in der ursprünglichen Konstellation unterwegs sei. „Die Fähe ist geblieben, der Rüde ist neu und taucht seit einigen Monaten auf“, berichtet er. Dabei handele es sich vermutlich um ein jüngeres Tier, das den älteren Wolf abgelöst habe, der bis dahin die Fähe begleitet hatte. „Dieser ist nun aber nicht mehr da.“

Dem Standardprozedere folgend wurde der Kadaver des am Sonnabend getöteten Wolfes routinemäßig vom NLWKN geborgen, erläutert das Umweltministerium: „Eine genetische Untersuchung zur Identifizierung mittels einer Gewebeprobe ist eingeleitet. Das Ergebnis über die Herkunft des Tieres wird aller Voraussicht nach bis Ende der 4. Kalenderwoche feststehen.“ Die Obduktion des Kadavers erfolge beim regulären bundesweiten Totfundmonitoring im Leibniz Institut für Zoo- und Wildtierforschung (in Berlin.

Hauke Hanstedt und Raoul Reding rufen dazu auf, Wolfssichtungen weiterhin zu melden, damit das Monitoring aktuell und möglichst vollständig ist. Meldungen sind per E-Mail anr wolf@ljn.de möglich.

Kritik an Minister Lies

Die Grünen im Landtag kritisieren den Abschuss des Wolfes und die Rolle des Umweltministeriums. „Die tote Wölfin in Amt Neuhaus ist der fünfte Fehlabschuss in Folge“, sagt der naturschutzpolitische Sprecher Christian Meyer. „Wir fordern ein sofortiges Moratorium für die irrlichternde Wolfsjagd von Umweltminister Lies.“ Erneut sei keiner der beiden gesuchten Problemwölfe getötet worden, sondern eine Jungwölfin, die nicht an Nutztierrissen beteiligt gewesen sei.

Auch der Nabu kritisiert den Umgang der Landesregierung mit den streng geschützten Wölfen. Kürzlich hatte er gemeinsam mit zwei anderen Organisationen beim Oberverwaltungsgericht (OVG) Lüneburg Klage gegen die niedersächsische Wolfsverordnung eingereicht. Grünen-Abgeordnete zogen bereits wegen der Wolfspolitik vor den Staatsgerichtshof in Bückeburg. Sie lassen überprüfen, ob es verfassungsgemäß ist, dass die Landesregierung keine Details zu laufenden Abschussgenehmigungen veröffentlicht. Die Bückeburger Richter wollen ihre Entscheidung am 8. Februar verkünden. dpa/rnd

Von Stefan Bohlmann

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