Samstag , 3. Dezember 2022
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Dagmar Hilmer im Flur der Grundschule Scharnebeck.
Mehr als 20 Jahre lang hat Dagmar Hilmer die Grundschule Scharnebeck geleitet. Ende des Monats verabschiedet sich die 63-Jährige in den vorzeitigen Ruhestand. (Foto: phs)

Rektorin der Grundschule Scharnebeck nimmt Abschied

An der Scharnebecker Grundschule naht ein Abschied: Dagmar Hilmer geht nach 20 Jahren als Rektorin in den vorzeitigen Ruhestand. Künftig will sie sich mehr der Familie widmen – und dem vierbeinigen Nachwuchs.

Scharnebeck. Die Tür zum Rektorinnenbüro muss offen bleiben! Das ist ein ungeschriebenes Gesetz an der Grundschule Scharnebeck, von dem oft und gern Gebrauch gemacht wird – von Lehrkräften, Schülern und besonders den „kleinen Bomben“, wie Rektorin Dagmar Hilmer die Kinder nennt, die im wilden Trubel auf dem Schulhof manchmal explodierten. Die große Pause am Schreibtisch der Chefin verbringen – eine Strafe? Falsch. „Die Kinder kommen freiwillig“, sagt Dagmar Hilmer und schmunzelt. „Hier können sie zur Ruhe kommen.“ Kein Konkurrenzkampf, keine Raufereien, kein Stress.

Ende des Monats ist Schluss

An der offenen Bürotür klebt ein vergilbter Leserbrief der LZ: „Inklusion ist kein Modell, sondern eine Haltung“, lautet die Überschrift. Mit genau dieser Haltung hat Hilmer 21 Jahre lang die Scharnebecker Grundschule geleitet – doch Ende des Monats ist Schluss. Die ersten Familien- und Pferdebilder sind schon von den Wänden verschwunden, Hilmer verabschiedet sich in den vorzeitigen Ruhestand.

In Zukunft will sich die 63-Jährige mehr dem vierbeinigen Nachwuchs widmen. Am 31. Januar wird sie die Bürotür hinter sich zuziehen, „und zwei Tage später erwarten wir ein Fohlen“, berichtet die Springreiterin und Frau eines Pferdezüchters. Da bleibt keine Zeit für Wehmut. Hoffentlich.

Geschätzt 1000 Buntstifte im Büro

Denn Hilmer war gern Schulleiterin – hat gern Konzepte geschrieben, gern an der Tafel gestanden und Mathe unterrichtet, auch gern Aushänge und Unterrichtsvorlagen mit bunten Zeichnungen verziert. „Ich habe beim Aufräumen geschätzt 1000 Buntstifte im Büro gefunden“, verrät die scheidende Rektorin. Die werden künftig an den „C- und E-Tagen“ zum Einsatz kommen, wenn Hilmer nachmittags ihre Enkeltöchter Carlotta und Emilia betreut.

Bislang oblag diese Aufgabe zweimal pro Woche allein ihrem Mann, mit dem will sie künftig mehr Zeit verbringen. Auch auf Reisen? Hilmer verzieht das Gesicht. „Auf gar keinen Fall, da kriege ich Heimweh“, verrät sie. Die Klassenfahrten im Schuldienst seien ihr immer ein Graus gewesen. Mitgefahren ist sie trotzdem – aber wirklich nur der Kinder zuliebe. „Zu Hause ist es viel, viel schöner.“

Bis spät am Abend über Konzepte gebrütet

Zu Hause... Wie lautete da gleich noch die Telefonnummer? Kurzes Grübeln. Die Nummer zum Büro kann sie sofort aus dem Ärmel schütteln, dort hat es sich Hilmer auch ein wenig häuslich eingerichtet. Dort hat sie nämlich oft bis spät am Abend über Schulnoten und Konzepte gebrütet oder Anträge für Baumaßnahmen und Gelder formuliert. Ihre wichtigsten Ziele? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Prävention und Inklusion."

An diesem Punkt stimmen Lehrkräfte oft zum Klagelied an – über mangelnde Platzkapazitäten oder fehlendes Personal. Nicht so Hilmer: „Das ist sicher alles so. Und? Wird es besser, wenn ich jammere?“ Lieber blickt sie auf die Erfolge der Vergangenheit: Viele Einzelprojekte zur Gewaltprävention und Inklusion hat sie gemeinsam mit Eltern und KollegInnen aus dem Boden gestampft, der Förderverein konnte Geld für eine pädagogische Zusatzkraft sammeln, und in diesem Frühjahr sollen auch die letzten Treppenstufen im Schulgebäude mit rollstuhlgerechten Rampen versehen werden – der letzte Bauakt, der Hilmers Handschrift trägt.

Corona – eine Belastung für Schüler und Lehrkräfte

Nein, sie will nicht jammern – höchstens ein bisschen, wenn es um Corona geht. „Das belastet uns wirklich alle sehr“, sagt Hilmer. Die 248 Schüler, die im Gebäude Maske tragen müssen und die Pausen nur in ihrem Klassenverband verbringen dürfen. Sowie die 18 Lehrkräfte. „Für die bedeutet das nonstop Aufsicht“, bedauert Hilmer. „Da kann schon die Toilettenpause zum Problem werden, weil man dafür ja die Klasse verlassen muss.“

Doch bei aller Ungewissheit um die pandemische Entwicklung steht für Hilmer zumindest fest, dass die Scharnebecker Grundschule auch künftig in guten Händen bleiben wird: Eine Nachfolgerin ist bereits gefunden, muss nur noch offiziell eingesetzt werden. Dann kann Dagmar Hilmer in gut zwei Wochen ganz beruhigt die Bürotür ins Schloss fallen lassen.

Von Anna Petersen

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