Samstag , 3. Dezember 2022
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Rund 100 Bürger haben gegen die Corona-Maßnahmen protestiert. Das Bündnis solidarisches Lüneburg (im Hintergrund) war aber deutlich stärker vertreten. (Foto: t&w)
Rund 100 Bürger haben gegen die Corona-Maßnahmen protestiert. Das Bündnis solidarisches Lüneburg (im Hintergrund) war aber deutlich stärker vertreten. (Foto: t&w)

Mit Bildergalerie: Neues Lüneburger Bündnis zeigt Stärke

Das „Bündnis solidarisches Lüneburg“ formiert sich: Machtvoll und lautstark haben viele Bürger am Rand des Lambertiplatzes gegen die Montagsdemo protestiert. Am Ende verlief alles friedlich.

Lüneburg. Die Botschaften auf den Pflastersteinen des Gehweges am Lambertiplatz sind deutlich: „Wer gemeinsam mit Nazis demonstriert, sollte sich nicht wundern, wenn man als Teil der rechten Bewegung bezeichnet wird“, steht dort mit Kreide geschrieben. Auf dem Rasen des Platzes treffen kurz vor 18.30 Uhr am Montag die ersten Demonstranten ein und stellen Windlichter auf. Rund 30 Meter entfernt von ihnen sammeln sich Teilnehmer eines neuen Bündnisses: Schnell füllt sich die Fläche vor der Häuserzeile auf der Südseite des Lambertiplatzes. Rund 250 Menschen sind zur „Gegendemo“ gekommen.

Schnell wird klar, dass es nicht nur 30 Meter und einige Dutzend Polizisten sind, die beide Seiten trennen, sondern Gräben. Tiefe Gräben. Das „Bündnis solidarisches Lüneburg“ hat sich formiert, um den Demonstranten etwas entgegenzusetzen. Denn unter ihnen befänden sich „Coronaleugner, Impfverweigerer, Esoteriker, Querdenker, Verschwörungsgläubige, Antisemiten, AfD-Mitglieder und andere augenscheinlich rechts gerichtete Menschen“, heißt es im Aufruf des neuen Bündnisses. „Wir wollen ein Zeichen der Vernunft, der Solidarität und des Miteinanders setzen“, sagt Matthias Richter-Steinke vom DGB. Er leitet die Versammlung – und ist überrascht, dass so viele Bürger gekommen sind.

Bündnis schnell auf die Beine gestellt

Das Bündnis ist schnell gewachsen. Außer einigen Gewerkschaften und Parteien wie SPD, Grüne und Linke sowie deren Jugendorganisationen sind Vertreter der Kirchen, angeführt von Superintendentin Christine Schmid, Diakonie, Paritätischer Wohlfahrtsverband oder auch der AStA dabei. Andrea Schröder-Ehlers (SPD) findet es „sehr erfreulich, dass so viele mitmachen“. Christoph Seese, Regionalgeschäftsführer des Paritätischen, ist erst seit 18 Monaten in Lüneburg: "Dass hier so schnell ein solches Bündnis auf die Beine gestellt wird, habe ich noch in keiner anderen Stadt erlebt." Der Bundestagsabgeordnete Jakob Blankenburg (SPD) freut sich über die vielen Teilnehmer, hat aber auch Berlin im Blick: Der Bundestag bereite die Entscheidung über eine mögliche Impfpflicht vor, sagt er. Doch am Ende könne es auch eine Impfnachweispflicht geben, meint er. Also quasi eine Art Dauer-2G.

Auf der anderen Seite wird es etwas voller. Rund 100 Bürger sind mittlerweile da. Einige sind wütend, schreien in Richtung des Bündnisses: „Ihr seid die Nazis.“

Angemeldet hatte die Demo wie üblich Heike Tapken. „Wir sollten mit der Gegenseite vielleicht mal ins Gespräch kommen“, sagt sie, muss dann aber schnell weg. Versammlungsleiter ist Christan. Seinen vollen Namen will er aus Angst vor „weiteren Übergriffen“ nicht nennen. Er sei empört darüber, dass alle gleich als Nazis, als Rechte, bezeichnet werden. Dabei sei man nur gegen die Corona-Maßnahmen.

Ein Impfpflicht wird rigoros abgelehnt

Die Redner sind teilweise nur schwer zu verstehen, denn das Bündnis hat mehrere Lautsprecher postiert, genau in ihre Richtung. Ein Redner sagt, er habe nichts gegen Impfungen, sei selbst geimpft. Er sei nur gegen eine Impfpflicht. Und er würde hier auch keine Nazis sehen. Eine junge Frau kommt dazu, ihr kleines Kind im Kinderwagen. „Ich bin das erste Mal dabei, will mich umhören“, sagt sie. Ihre Familie stamme aus der damaligen DDR, ihr Vater sein von der Stasi inhaftiert worden. Daher, meint die Frau, die ihren Namen nicht nennen mag, sei sie gegen eine Impfpflicht.

Ein älterer Mann hat sich ein Plakat umgehängt. Auf der Vorderseite steht: SPD, FDP, Grüne, CDU – Lügenparteien. Keine Impfpflicht.“ Dieses Thema spielt an diesem Abend eine größere Rolle als andere Corona-Maßnahmen. Viele Teilnehmer der Demo tragen Sticker. Eine Friedenstaube, ein Paragrafen-Symbol und die Aufschrift: Lüneburger für freie Impfentscheidung. Der nächste Redner ist dran und brüllt ins Mikro: „Für Frieden, Freiheit und Demokratie.“

Die Gegenseite lässt nicht nach in ihrer Kritik und skandiert: „Hetze und Gewalt, Rassismus, Antisemitismus und Verschwörungsideologien akzeptieren wir nicht.“ Nach 90 Minuten ist das Ganze vorüber.

Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch hatte schon vor der Demo betont, dass man mit Argumenten überzeugen solle. Ihr Appell: „Wir sollten im Gespräch bleiben und die guten Argumente nutzen, die es für das Impfen und für die Infektionsschutzmaßnahmen gibt. Unser gemeinsames Ziel ist es, dass wir auch in Zukunft friedlich und gesund miteinander leben.“

Am späteren Abend zieht die Polizei eine Bilanz: „Es hat einen Ausschluss gegeben, weil sich dieser Teilnehmer nicht an die Auflagen gehalten hat“, sagt Kai Richter, Pressesprecher der Polizei. Ansonsten, ergänzt er, sei es friedlich gewesen. Bis zum nächsten Montag.

Von Werner Kolbe

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