Samstag , 3. Dezember 2022
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Die Bürgerinitiative "Unser Wasser" setzt sich gegen einen dritten Brunnen für Coca-Cola ein. Jetzt ist der Konzern von seinen Plänen abgerückt.
Die Bürgerinitiative "Unser Wasser" setzt sich gegen einen dritten Brunnen für Coca-Cola ein. Jetzt ist der Konzern von seinen Plänen abgerückt. (Foto: t&w)

Brunnen-Gegner: “Wir werden wachsam bleiben”

Die Freude ist zwar groß, aber die Skepsis bleibt: Der Coca-Cola-Konzern verzichtet auf einen Antrag zum Betrieb eines dritten Brunnen. Doch "solange die Brunnenstube nicht abgebaut ist, gibt es keinen Grund zum Zurücklehnen", sagt Marianne Temmesfeld von der Bürgerinitiative "Unser Wasser".

Lüneburg. So ganz traut sie dem Frieden noch nicht. "Freude ja, aber zurücklehnen? Nein", antwortet Marianne Temmesfeld. Sie ist das bekannteste Gesicht der Lüneburger Bürgerinitiative (BI) "Unser Wasser" – und betont: "Wir bleiben wachsam". Denn die Entscheidung des Coca-Cola-Konzerns, keinen wasserrechtlichen Antrag für die Entnahme von Wasser an einem dritten Brunnen im Landkreis Lüneburg einzureichen, sei ja mit dem Zusatz "vorerst" versehen. "Solange die Brunnenstube nicht abgebaut ist, können die Pläne später wieder verfolgt werden", warnt sie.

Das Engagement der BI wird nicht enden

Natürlich sei es ein großer Erfolg, dass "das wertvolle Tiefenwasser vom Konzern nicht abgezapft wird". Doch auch unabhängig von Coca-Cola werde das Engagement der BI nicht enden. Man wolle weiter um die lebenswichtige Ressource Wasser kämpfen. Temmesfeld ist überzeugt davon, dass die Arbeit der BI, die jahrelang gegen einen dritten Brunnen argumentiert, diskutiert und demonstriert hat, sich ausgezahlt hat. Der Konzern hat seine Entscheidung zum vorläufigen Aus der Pläne am Brockwinkler Weg in Reppenstedt mit der sinkenden Nachfrage im Mineralwassermarkt begründet. "Und vielleicht haben wir dazu beigetragen", sagt Temmesfeld, die allen Mitgliedern und Unterstützern der BI noch einmal dankt. "Wir haben stets appelliert, dass die Lüneburger ihr hervorragendes Wasser lieber aus dem Wasserhahn nehmen sollen statt es für viel Geld in Flaschen abgefüllt zu kaufen." In jedem Fall "werden wir mit Argusaugen beobachten, ob und wo sich Coca-Cola sonst noch Wasser schnappen will".

Ein Stück weit zurücklehnen kann sich Temmesfeld aber doch. Sollte der Konzern später noch eine Genehmigung für den dritten Brunnen beantragen, dürfte das deutlich schwieriger werden. "Bis dahin werden die Voraussetzungen anders sein", sagt Temmesfeld. Denn aktualisierte Klimawandelfolgedaten und neue Daten zur Grundwasserneubildung dürften zu einer veränderten Gesetzeslage führen, ist sie sich sicher.

Keine Auswirkungen auf den Coca-Cola-Standort Lüneburg

Ob die Entscheidung endgültig ist und die Brunnenstube abgebaut wird, steht aber noch nicht fest. "Wir werden abwarten, was die Behörden sagen", antwortet Coca-Cola-Pressesprecher Steffen Türk auf eine LZ-Anfrage. Klar ist nur, dass der Konzern einen "einstelligen Millionenbetrag" in die Erschließung des dritten Brunnens investiert hat – angefangen von den Brunnenbohrungen bis hin zur Errichtung weiterer Messstellen und natürlich dem aufwendigen Pumpversuch Anfang 2021. Damals wurden über einen Zeitraum von zehn Wochen fast 100.000 Kubikmeter des kostbaren Grundwassers gefördert und in den Bachlauf des Kranken Hinrich befördert.

Sollte es keinen neuen Anlauf oder keinen Nachnutzer geben, müsste der Konzern den Millionenbetrag abschreiben. Dennoch sei der vorläufige Verzicht auf eine wasserrechtliche Genehmigung eine "aus meiner Sicht sinnvolle Entscheidung", sagt Thorsten Kiehn. Der Lüneburger Coca-Cola-Betriebsleiter betont: "Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir nur diejenige Wassermenge beantragen, die wir auch tatsächlich benötigen." Das vorläufige Aus eines dritten Brunnens habe "keine Auswirkungen auf den Standort Lüneburg. Es werden keine Arbeitsplätze abgebaut", betonte der Betriebsleiter. Zur Frage, was mit der Brunnenstube wird, könne er sich nicht äußern. Wie es dort weitergeht, "werden die kommenden Monate zeigen".

Weitere Reaktionen aus den Reihen der Politik:

Erleichterung gab es nach der Coca-Cola-Entscheidung auch aus den Reihen der Politik. Lüneburgs Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch betonte: "Ich begrüße die Entscheidung der Apollinaris Brands GmbH. Diese war sicherlich nicht leicht. Damit zeigt sich Coca-Cola als verlässlich: Es gab schon vorher die Zusage, kein Wasser fördern zu wollen, welches das Unternehmen nicht benötigt. Das entspricht auch dem Grundsatzbeschluss des Lüneburger Rates vom 27. Oktober 2020 für eine nachhaltige Bewirtschaftung unseres Grundwassers. Ich begrüße in dem Zusammenhang auch die Erklärung der Geschäftsführung, dass die Produktionslinien und die Arbeitsplätze in Lüneburg erhalten bleiben. Ich bin mit dem Unternehmen im Austausch und freue mich demnächst vor Ort Näheres zu erfahren über die neue Geschäftsstrategie und zu den Zielen und Konzepten des Unternehmens in punkto Nachhaltigkeit."

„Wir als Landkreis und Untere Wasserbehörde haben diesen Schritt von Coca Cola nicht zu bewerten, die Entscheidung trifft das Unternehmen als Antragsteller für sich selbst“, sagt Landrat Jens Böther und erklärt: „Die Diskussionen über das Projekt haben uns als Landkreis Lüneburg, unseren Kreistag und unsere Bevölkerung für die Lebensgrundlage Grundwasser sensibilisiert. Das finde ich gut und wichtig.“ Sein Versprechen: „Wir bleiben bei diesem Thema am Ball!“ So arbeitet der Landkreis weiter gemeinsam mit zahlreichen Partnern an einem Wassermanagement-Konzept. Die nächsten Schritte werden Mitte Februar im Ausschuss für Umweltschutz vorgestellt.

Was mit dem Brunnenbau von Coca-Cola an der Landwehr zwischen Lüneburg und Reppenstedt geschieht, wird der Landkreis in den kommenden Wochen klären. „Der Bau wurde zunächst für die Probebohrung und den Pumpversuch geschaffen“, erläutert Stefan Bartscht, Fachdienstleiter Umwelt beim Landkreis Lüneburg. „Nun kommt es unter anderem darauf an, was das Unternehmen weiter damit vorhat.“ Klar ist: Um dort weiteres Wasser zu fördern, wäre ein Antrag beim Landkreis notwendig.

Die Lüneburger Landtagsabgeordnete Andrea Schröder-Ehlers (SPD) sagte: "Die Debatten und Proteste der letzten Jahre haben gezeigt, dass durch die veränderte Klimasituation der Umgang mit Wasser viel intensiver betrachtet werden muss." Und: "Lüneburg verfügt über besonders gutes Trinkwasser, das muss auch für nachfolgende Generationen geschützt werden.“

Auch die Grünen zeigten sich "hocherfreut" über die Entscheidung: „Ich bin sicher, dass es bei der Konzern-Entscheidung nicht nur um den rückläufigen Konsum geht, sondern auch um den öffentlichen Druck, der durch das zivilgesellschaftliche Engagement insbesondere der Wasser-BI aufgebaut wurde,“ sagte die Landtagsabgeordnete Miriam Staudte (Grüne). Sie erneuerte die Forderung der Grünen im Landtag, gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine höhere Eingriffsmöglichkeit für Kommunen erlauben. „Vielleicht will Coca-Cola auch wegen der Sorge vor solchen Restriktionsmöglichkeiten durch diese Entscheidung Druck vom Kessel nehmen.“ Pascal Mennen, der neue Landtagskandidat der Grünen in der Stadt, kündigt an, sich dafür einzusetzen, dass der Verzicht auf den dritten Brunnen von Dauer sei: „Wir müssen nachhaltiger mit unseren Ressourcen umgehen. Wasser in Plastikflaschen um die Welt zu karren, ist genau das Gegenteil. Das Allgemeingut Wasser darf nicht verscherbelt werden.“

Von Werner Kolbe

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