Samstag , 3. Dezember 2022
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Gefälschte Impfpässe sind auch in Lüneburg aufgetaucht – sie werden zwischen 50 und 400 Euro gehandelt. (Foto: AdobeStock)
Gefälschte Impfpässe sind auch in Lüneburg aufgetaucht – sie werden zwischen 50 und 400 Euro gehandelt. (Foto: AdobeStock)

Günstige Impfpässe beim Friseur

Auf eBay wurden Impfausweise mit Stempeln des Lüneburger Impfzentrums zum Verkauf angeboten. Und im Nachbarkreis Harburg vertreibt eine Briefkastenfirma „Impfunfähigkeitsbescheinigungen“ gegen ein geringes Entgelt.

Lüneburg. Tausende gefälschte Impfpässe allein in Niedersachsen und die Polizei in Hamburg hat eine Sonderkommission eingerichtet – seit die Relevanz der Impfnachweise steigt, gibt es gefälschte Zertifikate jeder Couleur im Internet. So staunten die Verantwortlichen des Lüneburger Impfzentrums nicht schlecht, als kurz vor Schließung vergangenes Jahr bei eBay Impfausweise mit Stempeln der Lüneburger Einrichtung zum Verkauf angeboten wurden. Und im benachbarten Landkreis Harburg hat sich eine Briefkastenfirma angesiedelt, die bereits Tausende „Impfunfähigkeitsbescheinigungen“ gegen ein geringes Entgelt in ganz Deutschland verkauft haben soll.

Kaum Hoffnung auf einen Ermittlungserfolg

Wegen der Impfpässe mit Lüneburger Stempel habe man damals Anzeige erstattet, schildert Kreissprecherin Katrin Holzmann. „Aber die Polizei hatte uns wenig Hoffnung auf einen Ermittlungserfolg gemacht“ – zumal umstritten war, ob man juristisch überhaupt gegen solche Taten vorgehen konnte. Das ist heute nach einer Gesetzesänderung anders.

Doch an gefälschte Impfpässe zu kommen, ist auch heute in Lüneburg kein Problem. Das ergaben Recherchen der LZ. Gehandelt werden die gelben Dokumente zu einem Preis zwischen 50 und 400 Euro, je nach Verfügbarkeit auf dem Markt. Als Umschlagplatz gelten unter anderem einschlägige Friseursalons.

Derweil ermittelt im Kreis Harburg die Staatsanwaltschaft Stade gegen eine Firma namens „Nachweis-Express.de“. Deren Versprechen: Nur ein paar Klicks, 17,49 Euro zahlen und schon ist sie da, die „Impfunfähigkeitsbescheinigung“. Mittlerweile haben mehrere Behörden, darunter auch Gesundheitsämter, Strafanzeige gegen die Firma gestellt, die laut Homepage ihren Sitz an der Jesteburger Hauptstraße hat.

Strafanzeige um Strafanzeige

Die Firma Nachweis-Express erregte zunächst im Ruhrgebiet die Aufmerksamkeit der Strafverfolgungsbehörden, weil sie angeblich in der Ortschaft Wetter an der Ruhr ihren Sitz hatte. „Das war aber nur eine Briefkasten-Adresse“, erklärt Oberstaatsanwalt Dr. Gerhard Pauli von der zuständigen Staatsanwaltschaft Hagen. Strafanzeige um Strafanzeige gingen bei der Justiz ein, die Ermittlungen wegen gewerbsmäßigen Betruges einleitete.

Die staatsanwaltlichen Nachforschungen in Hagen waren in vollem Gange, als die Firma plötzlich nach Jesteburg umzog – in ein geschichtsträchtiges Gebäude. Denn an der als Adresse angegebenen Hauptstraße 41 steht das sogenannte Försters Hus aus dem 19. Jahrhundert, in dem früher der Förster des Ortes wohnte.

Im Bürotrakt an der Hauptstraße 41 ist weder auf den Klingelschildern noch auf den Briefkästen die Firma Nachweis-Express vermerkt. Dabei ist sie nicht die einzige aus der Branche, die hier angeblich ihren Sitz hat: Auch „Test-Express“ hat laut Homepage im Försters Hus seine Firmenzentrale.

Nachweis-Express betont seine Seriosität

Die Staatsanwaltschaft Stade hat die beiden Express-Firmen zu einem Fall zusammengefasst und umfangreiche Ermittlungen eingeleitet. „Dabei spielt natürlich auch eine Rolle, was man überhaupt tatsächlich mit diesen Bescheinigungen anfangen kann“, sagt Oberstaatsanwalt Johannes Kiers.

Nachweis-Express unterstreicht derweil seine Seriosität mit „Presseberichten“ auf seiner Homepage. Und Test-Express kritisiert in seinem Internet-Auftritt Fake-News: „Selbst Tagesschau.de ist sich nicht zu schade, die Fakten über uns zu verdrehen“, beklagt man dort. Verbunden mit der Versicherung, dass man gegen sämtliche Falschmelder bereits anwaltlich vorgehe und auch schon Klage einreichen würde.

Großes Interesse an einer weiteren Berichterstattung scheint es seitens der Firma derweil nicht zu geben.

Bei Anrufen kommt nur eine Stimme vom Band, und eine Anfrage per E-Mail blieb unbeantwortet.

Von Thomas Mitzlaff

Fälschung von Impfpässen

Schon der Besitz ist strafbar

Seit die Relevanz der Impfnachweise steigt, häufen sich die Berichte über Handel und Einsatz gefälschter Impfnachweise. Da diese eine erhebliche Gefährdung in der Bekämpfung der Corona-Pandemie darstellen, ist seit November 2021 das Strafgesetzbuch dahingehend geändert worden, dass denjenigen harte Strafen drohen, die einen Impfpass oder digitalen Impfnachweis fälschen oder einen solchen besitzen. Wer einen gefälschten Impfpass herstellt, mit einem solchen handelt, diesen kauft, besitzt, einer anderen Person überlässt oder im täglichen Leben nutzt, macht sich nun strafbar, wobei bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe drohen.

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