Sonntag , 4. Dezember 2022
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Anstelle von automatisierten Rampen müssen Zugbegleiter jetzt Faltrampen anlegen, damit Rollstuhlfahrer in die neuen Züge von Metronom kommen können. (Foto: Kathrin Denecke/privat)

Weniger Platz im Zug für Rollstuhlfahrer

Eigentlich sollte mit den neu angeschafften Nahverkehrszügen der Metronom-Eisenbahngesellschaft für Fahrgäste einiges besser werden. Für Rollstuhlfahrer wurde es aber schlimmer.

Lüneburg. Gut gemeint ist nicht immer auch gut gemacht: Diesen Eindruck hat Miriam Ihnen vom Lüneburger Behindertenbeirat beim Blick auf die neuesten Wagen der Metronom-Eisenbahngesellschaft. Die Neuanschaffungen erschweren Rollstuhlfahrern nicht nur das Ein- und Aussteigen in den Zug, sondern bieten Rollis auch insgesamt weniger Bewegungsraum.

Um etwas an den Umständen zu ändern, wirbt die Lüneburgerin um Unterstützung für eine Online-Petition. Darin wird der Landtag aufgefordert, diese Entwicklung zu stoppen. Denn die Züge gehören der Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG). Und die setzt sich bereits mit entsprechenden Beschwerden auseinander.

Manuelle Faltrampe statt Automatik

Bisher konnten Menschen mit Mobilitätseinschränkungen die Züge des Metronoms „mittels elektrisch ausfahrbarer Rampe durch das Bordpersonal ohne Probleme nutzen“, heißt es in der Petition an den Landtag, eingereicht von Kathrin Denecke aus Bremerhaven. Doch diese elektrischen Rampen gehören wohl bald der Vergangenheit an.

In den bislang modernisierten Zügen muss nun das Metronompersonal per Hand eine schwere Faltrampe anlegen. Dazu sagt Miriam Ihnen: „Die Rampen sind so lang, dass Rollstuhlfahrer im Eingangsbereich kaum noch manövrieren können, um in den Abteilbereich zu fahren.“ Die Rampe müsste zunächst unter dem Rolli weggezogen werden. Auch dann ist erst Platz, damit ein weiterer Rollstuhlfahrer hinzukommen könnte. Doch daran knüpfe schon das nächste Problem an.

Bewegungsraum im Abteil eingeschränkt

Im Inneren des Zugabteiles habe es vorher genügend Platz für Menschen im Rollstuhl gegeben, „die entweder größere Pflegerollstühle oder Rollstuhlzuggeräte wie Adaptivbike benutzen müssen“, heißt es in der Petition. Auch das ändert sich mit den modernen Zügen: Zusätzliche feste Sitzplätze und Trennwände schränken den Bewegungsraum für Rollifahrer ein, auch der Weg zum Universal-WC sei so schneller blockiert, heißt es.

Die LZ konfrontierte die Metronom-Eisenbahngesellschaft mit der Petition. Dazu sagt Sprecher Björn Pamperin nur: „Die Fahrzeuge, neu wie alt, sind Eigentum der LNVG. Mit der LNVG sind wir auch zu diesem Thema in einem regelmäßigen Austausch, möchten aber hierzu keine Stellungnahme abgeben.“

Verweis auf neue Vorschriften von der EU

Dirk Altwig, Sprecher der LNVG in Hannover, sagt auf LZ-Nachfrage, dass die elektrischen Rampen bei Bestandwagen noch weiter im Betrieb blieben. Das Problem sind tatsächlich die Neuanschaffungen: Bei vier neu gekauften Steuerwagen „hätten wir die elektrische Rampe gerne wieder mit bestellt“, sagte Altwig.

„Aktuelle EU-Vorschriften verbieten uns aber den Einbau. Die Neigung der Rampe wäre größer als vorgeschrieben. Uns ist nicht bekannt, dass es wegen der Neigung mal Probleme gegeben hätte, aber an die Vorschrift müssen wir uns halten.“ Das Problem werde aber angegangen. Altwig: „Wir prüfen derzeit gemeinsam mit Metronom, wie wir in den vier neuen Wagen eine Rampe einsetzen können, die das Manövrieren erleichtert.“

Eigentümerin reagiert auf erste Nutzerhinweise

Zur Reduzierung des Bewegungsraums für Rollstuhlfahrer in den Abteilen heißt es von der LNVG, dass wegen neuer Vorschriften der Platzbedarf je Rollstuhlplatz größer wird. Altwig: „Unter anderem ist für jeden Platz eine Rückprallwand, eine Steckdose und eine Sprechstelle zum Lokführer vorgeschrieben. Außerdem muss jeweils ein fester Sitzplatz für eine Begleitperson vorhanden sein, ein Klappsitz reicht nicht mehr.“

Allerdings habe die LNVG nach der Modernisierung der ersten beiden Wagen bereits auf Nutzerhinweise reagiert und Sitzplätze neu angeordnet, damit der Durchgang zum WC breiter wird. Doch es gibt wohl noch mehr Handlungsbedarf.

Ein weiteres Problem, das nicht explizit in der Petition genannt wird: Bei den Bestandswagen seien die Bedienelemente an der Innenwand für die elektrische Toilettentür umfunktioniert worden. „Der Schalter zur Türverriegelung befindet sich jetzt auf Kopfhöhe“, berichtet Rollifahrerin Denecke.

Die Online-Petition zur besseren inklusiven Ausstattung der Nahverkehrszüge wurde bislang von rund 300 Unterstützern online unterzeichnet. Weitere Infos gibt es hier. 

Von Dennis Thomas

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