Samstag , 3. Dezember 2022
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Dörte Christensen und das Team der Adendorfer Bücherei haben die Saatgut-Bibliothek mit 720 Tüten ausgestattet. Inhalt: Samen alter Sorten.
Dörte Christensen und das Team der Adendorfer Bücherei haben die Saatgut-Bibliothek mit 720 Tüten ausgestattet. Inhalt: Samen alter Sorten. (Foto: t&w)

Saatgut-Bibliothek startet in die Saison

Es sind alte Tomaten- und Bohnensorten und sie tragen Namen wie „Roter Heinz“, „Alter Kommunist“ und „Grünes Posthörnli“. Doch sie und andere historische Sorten drohen zu verschwinden. Das will die Bibliothek Adendorf verhindern.

Adendorf. Tatsächlich haben der „Rote Heinz“ und der „Alte Kommunist“ etwas gemeinsam. Wer nun aber glaubt, die beiden würden der Ideologie einer klassenlosen und herrschaftslosen Gesellschaft anhängen, der irrt. Weder mit Karl Marx, noch mit Friedrich Engels haben sie etwas am Hut. Vielmehr handelt es sich um alte Tomatensorten: Der „Rote Heinz“ war einst beliebt und weit verbreitet, gilt heute als letzte echte hannoversche Regionalsorte. Als längliche Flaschentomate kommt der „Alte Kommunist“ daher und ist eine alte Sorte aus Ostdeutschland.

Nutzer können Sämereien leihen

Nun sorgt die Bibliothek der Gemeinde Adendorf kurz vor Beginn der Gartensaison dafür, dass die beiden Tomatensorten nicht verschwinden: mit Hilfe ihrer Saatgut-Bibliothek. Nutzer der kommunalen Bücherei können die Sämereien vom „Roten Heinz“ und vom „Alten Kommunist“ mit nach Hause nehmen und die Tomaten dort in Topf oder Beet ausbringen.

Samen von Blumen, Kräutern, Kürbissen und Knoblauch

Aber nicht nur die Tomaten, auch die Stangenbohnen-Sorten „Grünes Posthörnli“ und „Schlachtschwert“ können sie neben vielen anderen alten Obst-, Gemüse-, Blumen- und Getreidesorten leihen und aussäen. „Im Angebot haben wir beispielsweise Samen von Blumen, Kräutern, Kürbissen und Knoblauch“, zählen Solange de Mello Springer und Dörte Christensen vom Team der Bibliothek auf.

720 Tüten mit Saatgut

Die Adendorfer haben sich dem Erhalt alter Arten verschrieben, seit sie im vergangenen Jahr mit ihrem Projekt gestartet sind – damals angeschoben von drei Studentinnen der Leuphana Universität in Lüneburg im Rahmen eines Seminars mit dem Titel „Nachhaltige Städte“.

Wer will, erhält zusätzlich zu den Pflanzensamen die nötige Literatur. „Frühlingserwachen“ hat das Team den Auftakt für die diesjährige Leihe aus der Saatgut-Bibliothek getauft. „Wir starten mit 720 Saatguttüten“, berichtet Dörte Christensen.

Teilnehmerkreis wird verändert

Stand das Projekt zum Auftakt noch allen Interessierten offen, unabhängig davon, ob sie Nutzer der Bibliothek sind, haben Dörte Christensen und ihre Kolleginnen den Teilnehmerkreis für diese Saison eingeschränkt. Ursprünglich war vorgesehen, dass jeder, der sich das sortenreine und samenfeste Saatgut in der Bibliothek ausleiht, nach der Ernte einige Samen aufbewahrt, diese trocknet und dann wie ein Buch zurück in die Bücherei bringt.

Tauschbörse hat nicht funktioniert

Der Erfolg war jedoch überschaubar. Zwar gab es jede Menge Interessierte zwischen Flensburg und Passau, die mitmachen wollten. „Doch die Saatgut-Bibliothek als Tauschbörse hat leider nicht funktioniert. Wir haben kein Saatgut zurückbekommen“, erzählt Dörte Christensen.

Allein auf die eigenen Leser sei Verlass gewesen. Sie hätten die Idee verinnerlicht: Saatgut ausleihen, Pflanzen anbauen, Saatgut ernten und zurückgeben. Deshalb können sie sich jetzt ab Dienstag, 15. Februar, Pflanzensamen mitnehmen und für sieben Monate ausborgen, bevor sie die eigene Ernte zurückbringen und sie auf diesem Weg anderen zur Verfügung stellen – für den Anbau und die Vermehrung.

Fleißige Helfer sorgen für bunte Auswahl

„Durch den stark kontrollierten Saatguthandel und der voranschreitenden Privatisierung von Saatgut sind viele Sorten vom Aussterben bedroht. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken und Vielfalt zu fördern, verleihen wir historisches Saatgut“, heißt es denn auch in der Projektbeschreibung.

Viele fleißige Helfer vom Förderverein der Bibliothek und die Fans alter Pflanzensorten, Hagen Albrecht, Norbert Huch, Kristin Syring sowie Bekir Kilic-Christensen, sorgen für die bunte Auswahl an Saatgut, wie das vom „Roten Heinz“ und vom „Alten Kommunist“. „Sie alle haben in den vergangenen Monaten fleißig Samen von Pflanzen geerntet, gewaschen, getrocknet, sortiert und eingetütet“, freuen sich Solange de Mello Springer und Dörte Christensen.

Von Stefan Bohlmann

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