Montag , 5. Dezember 2022
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Lüneburgs Abgeordnete und stellvertretende Vorsitzende der grünen Bundestagsfraktion, Dr. Julia Verlinden und der Vorsitzender des Bauernverbands Nordostniedersachsen, Thorsten Riggert. (Fotos: t&w)

“Kein Mensch kauft das Käfig-Ei aus Polen”

Landwirte sollen für ihre Arbeit mehr Geld bekommen, die Tierhaltung soll verbessert, Glyphosat nicht mehr eingesetzt werden. Wie das gehen kann – und wie sehr die Verbraucher dabei gefragt sind – diskutieren Julia Verlinden, stellvertretende Vorsitzende der grünen Bundestagsfraktion, und Thorsten Riggert, Vorsitzender des Bauernverbands Nordostniedersachsen, im Gespräch mit der LZ. (Mit einer Umfrage unter Verbraucherinnen und Verbrauchern in Lüneburg).

Lüneburg. Landwirtschaft und Politik waren sich nicht immer grün. Nun ist mit Blick auf Landwirtschaftsminister Cem Özdemir grün zur Farbe der Hoffnung geworden. Lüneburgs Abgeordnete und stellvertretende Vorsitzende der grünen Bundestagsfraktion, Dr. Julia Verlinden, sowie Thorsten Riggert, Vorsitzender des Bauernverbands Nordostniedersachsen, haben ein gemeinsames Interesse: Lebensmittel sollen angemessener bezahlt und qualitativ hochwertig produziert werden. Bei einem anderen Thema gehen die Ansichten von beiden jedoch nicht Hand in Hand: Glyphosat.

Frau Verlinden, Ende 2023 läuft die EU-Zulassung für Glyphosat aus. Die Bundesregierung will den Stoff dann nicht erneut zulassen. Sind die Landwirte auf den Ausstieg gut vorbereitet?

Julia Verlinden: Bei dieser Entscheidung liegt uns zum einen die Gesundheit derer am Herzen, die noch mit Glyphosat arbeiten. Zum anderen hat das Herbizid eine problematische Auswirkung auf das Ökosystem. Wir wollen aber mehr Insekten und Bodenlebewesen erhalten, damit diese für guten Boden sorgen können. Ackerlandwirtschaft kann auch ohne Glyphosat umgesetzt werden, das zeigen viele Landwirte bereits jetzt.

Thorsten Riggert: Glyphosat wird bei uns hauptsächlich im Sommer eingesetzt. Das wirkt nur auf der grünen Pflanze, nicht im Boden. Da geht es nicht um Regenwürmer, sondern um die Beseitigung von Problem-Unkräutern wie der Quecke. Ohne Glyphosat könnten einige Pflanzen nur geerntet werden, indem man sechs Mal über den Acker pflügt. Und das geht eigentlich nicht. Wir wollen uns ja auf den Weg der Nachhaltigkeit und CO₂-Neutralität machen, aber um ein Feld zu pflügen, braucht es viel Diesel. Zudem wird dabei der Boden belüftet und Ammoniak freigesetzt. Da haben wir dann die andere Seite der Medaille.

Also können die Landwirte noch gar nicht ohne Glyphosat auskommen?

Thorsten Riggert: Wer Bio-Kartoffeln anbaut, der muss eben pflügen. Aber ich denke, wir stehen allgemein mit der herkömmlichen Methode noch besser da. Außerdem, so wie wir Glyphosat in Europa einsetzen, würde ich das nicht als problematischen Wirkstoff ansehen. In Südamerika wird Glyphosat sechs bis acht Mal im Jahr auf derselben Fläche eingesetzt. Wir setzen das vielleicht alle drei Jahre einmal auf einem Acker ein. Aber wenn wir nun einen neuen Weg einschlagen, stelle ich mich ja gar nicht dagegen. Dann müssen wir uns nur auch gegen die günstigen und eventuell belasteteren Konkurrenzprodukte aus dem Ausland schützen. Denn wenn Maßnahmen bei uns dazu führen, dass Produktionen abwandern, haben wir auch nichts gewonnen. Dann kommen unsere Lebensmittel von woanders her.

Julia Verlinden: Das ist ein wichtiger Punkt. Wir wollen ja nicht die mit Giftstoffen getränkte Zuckerrübe aus sonst woher einfliegen, wo wir bei uns diese Herbizide gar nicht mehr haben wollen. Unser Anliegen ist, den Landwirten ein vernünftiges Einkommen zu sichern. Indem sie Methoden anwenden, die vielleicht arbeitsintensiver und auch kostenintensiver sind. Aber dafür, dass sie für die Verbraucher und für das Ökosystem etwas Gutes tun, sollen sie auch vergütet werden. Und wir wollen, dass die Lebensmittel aus unserer Region auch bei uns auf dem Tisch landen – und nicht die günstigen Importe aus dem Ausland.

Da sprechen wir über eine Herkunftskennzeichnung?

Julia Verlinden: Ja, wir wollen den Menschen transparent machen, wo ihre Lebensmittel und deren Inhaltsstoffe herkommen.

Thorsten Riggert: Das halte ich auch für immens wichtig. Doch bei der Herkunftskennzeichnung hatte Cem Özdemir erst angekündigt, dass die verpflichtend eingeführt werden soll. Dann ist er aber zurückgerudert, man wolle das nun als europäische Lösung angehen. Nun, wir dürfen den Verbraucher aber nicht weiter betrügen. Wenn auf der Verpackung steht, das Produkt kommt aus Deutschland, kann das nicht von Übersee kommen und lediglich in Wanne-Eickel umverpackt worden sein. Das müssen wir regeln. Gleiches gilt für die Inhaltsstoffe. Kein Mensch kauft das Käfig-Ei aus Polen, wenn es in der Eierpappe liegt. In Nudeln sind aber nur solche Eier drin, das kann nur keiner erkennen.

Dann können sich Verbraucher das hinten auf der Packung durchlesen. Aber was ist, wenn sie keine Muße dafür haben?

Julia Verlinden: Ich nehme wahr, dass das Interesse der Verbraucher an ihren Lebensmitteln wächst. Auch an saisonaler und regionaler Ware. Und dem wollen wir ja nachkommen. Übrigens, die Tierhaltungskennzeichnung wollen wir noch in diesem Jahr angehen, da warten wir nicht auf die Europäische Union. Dabei soll alles von der Aufzucht bis zur Schlachtung nachvollzogen werden können. Bisher kennen wir das nur bei den Eiern, wir wollen es aber für alle tierischen Lebensmittel haben.

Die Kennzeichnung ist eine Sache, aber Verbraucher werden auch mehr zahlen müssen. Wie viel teurer muss Fleisch werden, wenn es zu besseren Bedingungen hergestellt werden soll?

Thorsten Riggert: Ja, es wird nicht ohne ein Verschieben des Wertekanons gehen. Wir können der Gesellschaft nicht sagen, wir sorgen für bessere Tierhaltung und dafür, dass Landwirte mehr abbekommen und am Ende wird es für dich nicht teurer, lieber Verbraucher. Das wird nicht funktionieren. Der Durchschnittspreis für ein Kilo Fleisch im Laden liegt bei 7,50 Euro. Der Landwirt bekommt davon im Moment 1,10 Euro. Und dafür beschäftigt er sich fast ein Jahr mit dem Schwein. Wenn es so weiter geht wie jetzt, ist in drei Monaten 40 Prozent der deutschen Schweinehaltung weg. Ohne jetzt den Protektionismus hochziehen zu wollen, müssen unsere Produktionsstandards auch für auswärtige Produkte gelten. Da müssen wir uns ein Stück weit schützen.

Julia Verlinden: Und natürlich kostet es mehr, wenn man den Tieren mehr Platz gibt. Dieses Geld muss aber auch bei den Landwirten ankommen. Manche haben sich vielleicht daran gewöhnt, dass Fleisch sehr billig ist. Aber das ist doch ein Produkt, in dem sehr viel Arbeit steckt. Und das muss angemessen bezahlt werden.

Ok, und wie viel mehr Geld bräuchte es konkret?

Thorsten Riggert: Wir sind jetzt bei einem durchschnittlichen Jahresverbrauch von knapp 30 Kilo Schweinefleisch pro Kopf. Wenn das Kilo im Laden 50 Cent teurer wäre, dann sprechen wir von 15 Euro pro Nase im Jahr. Ich glaube, das wird auch Leute mit kleinem Budget nicht auf die Seite schmeißen.

Halten Sie 15 Euro für vertretbar, Frau Verlinden?

Julia Verlinden: Das ist schwierig einzuschätzen, das ist natürlich extrem individuell für jeden Menschen.

Aber utopisch ist es nicht?

Julia Verlinden: Nein, utopisch finde ich das nicht.

Gerade wird vieles teurer, wie kann man Menschen mit geringem Einkommen helfen?

Julia Verlinden: Das stimmt, ein Ziel der Ampel-Regierung ist daher, dass Menschen mit besonders wenig Geld bald mehr im Portemonnaie haben. Deshalb heben wir den Mindestlohn auf zwölf Euro an. Und wir wollen einen Kinder-Sofortzuschlag einführen.

Aber wenn etwas im Supermarkt teurer wird, ist das ja erst einmal für viele blöd.

Thorsten Riggert: Also wir machen ja schon viel, und das auch nicht erst seit gestern. Und vielen Verbrauchern wird das auch bewusst. Aber neben den Verbrauchern gibt es auch immer noch die Supermärkte. Und die großen Player sehen das alles ein bisschen anders. Bei Werbeslogans wie `Qualität ganz oben, Preis bleibt unten‘, kann etwas nicht stimmen. Das können die den Verbrauchern doch nicht suggerieren. Wenn wir sagen, wir können Bio machen, aber das wird nicht teurer, führen wir sie doch voll auf die falsche Fährte.

Welche Methode ist besser, damit Landwirte mehr Geld erhalten: eine höhere Mehrwertsteuer auf tierische Produkte oder die Tierwohlabgabe?

Julia Verlinden: Also bei der Anhebung der Mehrwertsteuer müssen wir bedenken, dass dieses Geld insgesamt in den Bundeshaushalt fließt und der Finanzminister damit alles mögliche finanzieren kann.

Thorsten Riggert: Richtig.

Julia Verlinden: Aber wenn wir da eine konkrete Umlage draus machen – wir Grüne hatten das Tierschutz-Cent genannt – dann würde das Geld in einen Topf fließen, aus dem die Landwirte unterstützt werden können. Diese Diskussion über den besten Weg führen wir gerade noch. Die Ampel hat sich aber darauf geeinigt, auf jeden Fall einen Stallumbau für mehr Tierschutz finanziell zu unterstützen. Jetzt geht es darum, wie dieses Geld zusammenkommt.

Thorsten Riggert: Jetzt müssen aber auch Entscheidungen getroffen werden. Wir sind ja bereit mitzugehen. Aber man muss uns auch eine Brücke über den Fluss bauen, sonst ertrinken wir. Der Fleisch-Absatz ist wegen Corona eingebrochen. Aufgrund von Corona-Infektionen kann in den Schlachthöfen nur noch in einer Schicht geschlachtet werden, weil die Mitarbeiter krank sind, da entsteht Stau. Zudem haben sich im Vergleich zum Vorjahr die Futterpreise mehr als verdoppelt. Im Moment ist es wirklich bedrohlich.

Kann denn der geplante Förderzuschuss für Stallumbauten eine Brücke sein?

Thorsten Riggert: Tja, noch ist gar nicht klar, woher die finanzielle Unterstützung kommen soll. Und dann kriegen Sie gerade auch keine Baugenehmigung. Laut des neuesten Standards brauche ich im Deckzentrum bis 2024 pro Tier fünf Quadratmeter dazu, in meinem Fall sind das 250 Quadratmeter extra. Da kriege ich keine Genehmigung. Das ist aus Emissionsrecht nicht darstellbar. Das ist seit Jahren nicht gelöst.

Warum ist das so, Frau Verlinden?

Julia Verlinden: Als Ampel-Koalition wollen wir Planungs- und Investitionssicherheit für die Landwirte schaffen. Es gibt ja überwiegenden Konsens in der Gesellschaft, dass wir bei der Produktion hochwertigerer Lebensmittel auch irgendwann weniger Tiere in Deutschland haben werden. Das heißt, dass man auch weniger Tiere hält, damit jedes einzelne Tier im Stall mehr Platz hat. Und so nehme ich auch die Diskussion in Berlin wahr – auch dort vom Bauernverband – dass sich an der Tiermenge etwas ändern wird. Umso wichtiger ist es, dass die Landwirte mehr für das Kilo Fleisch bekommen, damit sie mit ihren Familien davon leben können, sonst geht die Rechnung nicht auf.

Von Laura Treffenfeld

Umfrage: Was würden Sie für einen Liter Milch zahlen?

Maria Luise Pauli (83): „Normalerweise kaufe ich die H-Milch beim Discounter für 83 Cent. Aber damit es den Bauern besser geht, würde ich auch einen Euro zahlen. Die schuften von morgens von abends. Und leben müssen sie auch können.“

 

Claus Wohlert (84): „Ich bin in der privilegierten Position, beim Einkauf nicht so sehr auf den Preis achten zu müssen. Wenn es den Bauern zugute kommt, würde ich für einen Liter Milch auch 1,50 Euro zahlen. Es muss ein Bewusstseinswandel in den Köpfen der Menschen stattfinden.“

 

Hans-Werner Beeken (68): „Einen Euro würde ich ausgeben. Mehr aber auch nicht. Das Leben ist allgemein schon so teuer geworden. Wenn dann auch noch die Preise für Grundnahrungsmittel wie Milch, Butter, Brot oder Kartoffeln angehoben werden, wäre das schlecht.“

 

Sandra Rigden (28): „Kuhmilch kommt für mich sowieso nicht in Frage. Ich kaufe immer Hafermilch mit Vanillegeschmack für 2,79 Euro. Das gleiche würde ich aber auch für Kuhmilch zahlen – wenn ich sie trinken würde. Das Schlimme ist ja, dass so viel weggeworfen wird.“

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