Freitag , 2. Dezember 2022
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Ein Paar, zwei Hochzeiten: Sonja und Wilfried Wald haben 13 Jahre nach ihrer Schedung noch einmal ja gesagt.
Ein Paar, zwei Hochzeiten: Sonja und Wilfried Wald haben 13 Jahre nach ihrer Schedung noch einmal ja gesagt. Foto: phs

Ehe mit 13 Jahren Pause

Heute ist Valentinstag. Wilfried und Sonja Wald haben sich getraut – und zwar nicht nur einmal, sondern zweimal. 13 Jahre nach ihrer Scheidung haben die beiden wieder zueinander gefunden – und ja gesagt. Vor Gott. Ausgerechnet die Corona-Krise half ihrem zweiten Glück auf die Sprünge...

Lüneburg. Ihr Brautkleid hing noch in seinem Schrank. Die Eheringe ruhten neben dem Hochzeitsbild in der Vitrine. Verschlossen. Unberührt. 13 Jahre lang. Manchmal fuhr Wilfried sonntags zu dem Parkplatz, wo Sonja eine Freundin zum Gottesdienst abholte, um wenigstens einen Blick auf ihr Auto zu erhaschen. Ihr nah zu sein – nur für einen kurzen Augenblick. Ein- oder zweimal traf er sich auch mit anderen Frauen, doch keine blieb länger. „Hängst halt immer noch an Sonja“, haben Freunde gesagt. Sonja war Wilfrieds Frau. Nein, sie ist Wilfrieds Frau. Nun ja, es ist kompliziert…

Etwa jede dritte Ehe in Deutschland wird geschieden

Etwa jede dritte Ehe in Deutschland endet vor Gericht. Mehr als 140.000 Paare jährlich lassen sich scheiden, die durchschnittliche Ehedauer lag zuletzt bei 14,8 Jahren. Das wird alles statistisch erhoben, doch Sonja und Wilfried passen nicht wirklich in irgendeine Statistik. Sie haben geheiratet, ja. Sie haben sich scheiden lassen, richtig. Aber das war noch nicht das Ende. Sie haben sich im letzten Sommer noch ein zweites Mal getraut – vor Gott. Bis dass sie (diesmal) der Tod erst scheidet.

„Liebe ist eine Komposition, bei der die Pausen genauso wichtig sind wie die Musik“, soll die Schauspielerin Senta Berger mal gesagt haben. Im Duett von Wilfried und Sonja gibt es nur eine einzige Pause – und die war ganze 13 Jahre lang.

Sie quatschten, lachten, flirteten

Ihren Anfang nimmt diese Komposition im Sommer 1997, als liebliche Ballade: Sonja war 18 und Auszubildende im Großhandel. Wilfried, 38, arbeitete in derselben Firma. „Sie hatte so eine zupackende und fröhliche Art“, fiel Wilfried sofort auf. „Er hatte einen feinen Humor“, bemerkte Sonja gleich am ersten Tag im Büro. Nach Feierabend teilten sie sich den Heimweg, quatschten, lachten, flirteten. Am 15. Mai 1998 fasste sich Sonja schließlich ein Herz und fragte Wilfried: „Gehen wir jetzt eigentlich zusammen?“ Von da an gingen sie zusammen – nicht nur nach Hause, sondern durchs Leben. Vorerst.

Es war wieder ein 15. Mai, genau fünf Jahre später, als sich das Paar das Ja-Wort gab. Auf den Fotos von damals ist Sonja zu sehen, in einem weißen Brautkleid mit langem Schleier, mit einem bunten Brautstrauß in der Hand. Und Wilfried, der den Arm um sie legt, beide strahlen in die Kamera. Auf einer Kutsche mit zwei weißen Pferden steuerten sie auf dem märchenhaften Pfad der Liebe einer glücklichen Zukunft entgegen. Dachten sie jedenfalls. Woran damals noch nicht zu denken war: Dieses Datum, der 15. Mai, sollte für sie nicht nur den Anfang dieser Ehe markieren, sondern vier Jahre später auch ihr Ende.

Der Kinderwunsch der beiden blieb unerfüllt

Kurz nachdem das junge Paar eine Doppelhaushälfte in Reppenstedt bezog, nahm das Schicksal seinen Lauf: Wilfried bekam die Diagnose Krebs, musste mehrfach operiert werden. Nach Monaten der Ungewissheit, konnte er die Krankheit besiegen – nur der sehnliche Kinderwunsch der beiden, der sollte infolge der Krebs-Behandlung unerfüllt bleiben. Ein herber Schlag. Bemühungen um eine Adoption scheiterten, Sonja stürzte sich in ihre Karriere, besuchte die Abendschule, um ihren staatlichgeprüften Betriebswirt draufzusatteln. Morgens fuhr sie mit dem Zug nach Hamburg zur Arbeit, nach Feierabend dann viermal die Woche zur Schule, abends fiel sie todmüde ins Bett. „Wir haben uns damals eigentlich kaum noch gesehen“, stellt Wilfried fest und tätschelt Sonja liebevoll den Arm. Sie nickt.

Und wenn sie dann doch mal Zeit füreinander hatten? Dann stritten sie. „Draußen unter Leuten haben wir uns blind verstanden, aber sobald wir das Haus betraten, ging nichts mehr“, erzählt Sonja, während sie gedankenversunken durch den Stapel Hochzeitsbilder blättert. Ein Missverständnis reihte sich ans nächste – ein pauken- und trompetenlastiger Refrain im Mollakkord. Und so passierte, was Sonja bis heute nur schwer über die Lippen bekommt: „Ich habe noch immer schreckliche Schuldgefühle“, flüstert die 42-Jährige und wirft einen schüchternen Blick zu Wilfried, der neben ihr auf dem Sofa sitzt und ihre Hand streichelt. „Ich…“ Sie nestelt verlegen an ihren Pulloverärmeln und holt tief Luft: „Ich bin fremdgegangen.“

Die quälende Frage nach dem Warum

Wilfried erfuhr davon an ihrem vierten Hochzeitstag. An diesem 15. Mai 2007 lagen sie sich gerade mal wieder mächtig in den Haaren. Wie genau es dazu kam, dazu gibt es bis heute zwei Versionen. Jedenfalls, sagt Sonja, habe sie Wilfried in ihrer Wut die Wahrheit an den Kopf geknallt. Während seine Partnerin erzählt, sitzt der 62-Jährige schweigend zu ihrer Linken, den Blick konzentriert zu Boden gerichtet. Wilfried, was ging da in dir vor? „Da war ich wie betäubt“, sagt er und will es dabei am liebsten auch belassen. Kurze Pause, tiefes Seufzen, leises Murmeln: „Ich habe immer gedacht, wenn eine Ehe nicht geschieden wird, dann unsere.“

Was dann passierte, verliert sich im Nebel der Erinnerungen. Manchmal stochert Wilfried darin herum, meistens lässt er es dann aber auch schnell wieder bleiben. Die Schlaglichter schmerzen: Sonja, wie sie zum Scheidungstermin erscheint – bereits hochschwanger. Die Doppelhaushälfte, die sich für Wilfried noch nie so groß und so leer angefühlt hatte. Die Ringe und das Hochzeitsbild in der Vitrine. Die quälende Frage nach dem Warum. 13 Jahre lang.

Es durfte nicht sein, es konnte nicht sein

Zum Geburtstag, zu Weihnachten und wenn Wilfried ein neues Musical besuchte – eine Leidenschaft von beiden –, schrieb Wilfried Sonja eine Mail. Meistens rief sie ihn dann an – immer ein wenig aufgeregt, immer ein bisschen zu förmlich für Wilfrieds Geschmack. Aber immerhin: ein Lebenszeichen. Als 2017 seine Mutter starb, stand Sonja neben ihm am Grab. „Das hatte sich wieder absolut richtig angefühlt“, sagt sie heute. Doch es durfte nicht sein, es konnte nicht sein. Es war zu spät, dachten die beiden.

„Sonja war immer die Liebe meines Lebens“, stellt Wilfried klar. „Ich hätte mich aber nie in die neue Beziehung gedrängt, schon weil da auch Kinder im Spiel waren.“ Zwei Söhne bekam Sonja in dieser Zeit – ein großes Glück, das das Unglück in ihrer damaligen Partnerschaft lang überschatten konnte. Bis auch diese Beziehung zu Bruch ging.

Mit großem Abstand durch die Reppenstedter Feldmark

Als kurze Zeit später die Corona-Pandemie in Deutschland ausbrach, habe sie sich Sorgen um Wilfried gemacht, erzählt Sonja. „Ich wollte einfach wissen, wie es ihm geht.“ Sie verabredeten sich zum Spaziergang – mit großem Abstand wanderten sie stundenlang durch die Reppenstedter Feldmark. Tags darauf wieder, dann wieder und wieder… über Wochen. „Es war ein bisschen, wie sich neu kennenzulernen. Mit Aufregung und Schmetterlingen im Bauch“, erinnert sich Sonja. Mit jeder Begegnung schrumpfte der Abstand. „Bis wir irgendwann Hand in Hand gingen und keiner von uns mehr wusste, wie das passiert war.“ Sonja lacht und stupst ihrem Partner aufgeregt mit dem Ellenbogen in die Seite: „Erzähl schon, was Du dann gesagt hast.“ Wilfried grinst und verrät den entscheidenden Satz: „Jetzt ist es aber fällig!“ Gemeint war der zweite erste Kuss.

Er findet Halt und Zuversicht im Glauben

Wie verzeiht man einen Ehebruch? Wilfried ist Katholik, er findet Halt und Zuversicht im Glauben. „Und wir haben ja beide auch neue Erfahrungen mit in die Beziehung gebracht, sind reifer geworden, wollen Dinge besser und anders machen“, erklärt er. Wilfried lebt nach wie vor in Reppenstedt, Sonja in Adendorf. Sie verbringen heute weniger Zeit nebeneinander, dafür mehr miteinander. Sie haben ihr gemeinsames Lied neu komponiert – es klingt harmonischer denn je.

So harmonisch, dass sich das frisch verliebte Paar wenige Monate später im Reppenstedter Standesamt ein zweites Mal das Ja-Wort gab, bei derselben Standesbeamtin, mit denselben Ringen – und ja, es war der 15. Mai 2021.

Von Anna Petersen

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