Montag , 5. Dezember 2022
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Donata Kulpok-Kurka, Leiterin der Bücherei.
Donata Kulpok-Kurka, Leiterin der Bücherei. (Foto: t&w)

Kostenlose Alternative zu Netflix

Jeder mit einem gültigen Leseausweis für die Bücherei Salzhausen kann über einen Streamingdienst einen von rund 3500 Filmen auswählen und ihn dann über das Internet auf dem Computer, dem Tablet, dem Smartphone oder unter bestimmten Bedingungen auch auf dem Fernseher anschauen – kostenlos.

Salzhausen/Potsdam. Wer sich früher zu Hause einen schönen Fernsehabend machen wollte, hat sich gerne eine DVD gekauft oder ausgeliehen. Doch in Zeiten von Streamingdiensten wie Netflix und Amazon Prime passiert das eher selten. „Unsere DVDs sind bei Erwachsenen nicht mehr oft gefragt“, sagt Donata Kulpok-Kurka, die Leiterin der Samtgemeindebücherei Salzhausen. Dafür gibt es seit Oktober des vergangenen Jahres ein neues Angebot: Jeder mit einem gültigen Leseausweis für die Bücherei Salzhausen kann über den Streamingdienst filmfriend.de einen von rund 3500 Filmen auswählen und ihn dann über das Internet auf dem Computer, dem Tablet, dem Smartphone oder unter bestimmten Bedingungen auch auf dem Fernseher anschauen – kostenlos. „Das ist eine tolle neue Möglichkeit für Leserinnen und Leser und eine Alternative zu kommerziellen Streamingdiensten“, sagt Kulpok-Kurka und fügt hinzu: „Wir bekommen bislang nur positive Reaktionen und hoffen, dass filmfriend noch bekannter wird und dass es zu neuen Anmeldungen bei uns führt.“

Zwei Drittel des Angebots bestehen aus Spielfilmen

Besonders viele Kinderfilme gehören zum Programm, mit Klassikern wie Alfons Zitterbacke, Bibi Blocksberg und Flussfahrt mit Huhn. Zwei Drittel des Angebots bestehen aus Spielfilmen. Unter Rubriken wie Abenteuer, Animation, Buchverfilmung, Drama, Gesellschaft, Historie, Komödie, Liebe, Natur, Politik, Reisen und Serien kann man nach ihnen suchen. Unter Kollektionen findet man Filme von Oscar-Preisträgern, von Berlinale-Gewinnern oder von anderen Filmfestivals aus aller Welt. Es gibt Reihen mit Filmen gefeierter Regisseure oder beliebter Schauspielerinnen wie Hannelore Elsner, Romy Schneider und Sandra Hüller. Freunde von Krimis wie Kommissar Maigret aus den 60er-Jahren oder aktuellen Serien wie Kommissar Dupin kommen ebenso auf ihre Kosten wie Liebhaber von Musikfilmen über Johann Sebastian Bach, Marlene Dietrich oder Kurt Cobain. Meistens handelt es sich um europäische Produktionen, aber auch das asiatische Kino ist stark vertreten. Dokumentarfilme machen zehn Prozent aus.

Mehr als 300 Bibliotheken aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bieten mittlerweile filmfriend an. Im vergangenen Jahr standen die dänische Produktion „Men & Chicken“, die kanadische Komödie „Take this waltz“, der französische Naturfilm „Das Geheimnis der Bäume“, der italienische Abenteuerfilm „Amelie rennt“ und das deutsche Drama „Familie Brasch“ ganz oben in der Gunst der Nutzer.

Staatliches Förderprogramm Wissenswandel

„Durch Corona hat das Interesse an unserem Streamingdienst bei den Büchereien noch einmal deutlich zugenommen“, sagt Anett Kopielski, für das Marketing der Potsdamer Filmwerte GmbH zuständig, die für filmfriend die Lizenzen erworben hat. Ganz aktuelle Produktionen sucht man vergebens, aber es werden jeden Monat neue Streifen aus aller Welt ins Programm aufgenommen wie zum Beispiel gerade „May, die dritte Frau“ aus Vietnam, „Blau ist eine warme Farbe“ aus Frankreich, „Die andere Seite der Hoffnung“ aus Finnland oder „Leviathan“ aus Russland. Oft kann man wählen, ob man sie auf Deutsch, mit deutschen Untertiteln oder im Original anschauen möchte. „Das ist kein elitäres Programm, sondern wir wollen ein breites Spektrum abdecken“, sagt Kopielski. Sie betont: „Man schaut bei uns anonym, es werden keine Hinweise auf die Nutzer registriert.“

Die Bibliotheken zahlen je nach ihrer Größe jährlich eine vier- bis fünfstellige Summe für das Angebot an die Filmwerte GmbH. Die Bücherei Salzhausen profitiert dabei vom staatlichen Förderprogramm Wissenswandel, das für zwei Jahre 90 Prozent der Kosten übernimmt. „So müssen wir nicht an anderer Stelle große Summen einsparen. Nach den zwei Jahren werden wir schauen, wie stark filmfriend genutzt wurde und ob wir es weiter anbieten werden“, sagt Kulpok-Kurka. Sie weist darauf hin, dass man nicht in Salzhausen wohnen muss, um sich in der dortigen Gemeindebücherei anzumelden. So könnten also auch Interessierte aus der Stadt oder dem Landkreis Lüneburg, wo es keine Bibliothek mit dem filmfriend-Angebot gibt, in Salzhausen einen Leseausweis bekommen und damit kostenlos den Streamingdienst nutzen. Möglicherweise findet das Angebot aber auch im Raum Lüneburgs Nachahmer. Angeboten wird der kostenlose Streamingdienst auch von der Stadt- und Schulbücherei Lauenburg, der Stadtbücherei Geesthacht und der Bücherei der Hansestadt Uelzen.

Hintergrund

Wandel in den Büchereien

Filmfriend steht für den Wandel in öffentlichen Bibliotheken, die immer mehr Online-Angebote machen. In Salzhausen nutzen rund 25 Prozent der Leserinnen und Leser die Onleihe, über die man mehr als 30.000 Titel von zu Hause zeitlich begrenzt auf sein Endgerät laden kann. „Es werden aber immer noch Bücher aus den Regalen ausgeliehen, auch wenn diese Zahl gesunken ist. Es gibt Menschen, die sich seit der Pandemie nicht mehr zu uns trauen“, bedauert Kulpok-Kurka. Derzeit zählt die Bücherei 400 aktive Nutzer, die in der Bücherei rund 16.000 Medien finden. Geöffnet ist dienstags (10 bis 18 Uhr), mittwochs (11 bis 18) und donnerstags (11 bis 16).

Die Kehrseite von filmfriend ist der mit dem Streamen verbundene hohe Energieverbrauch: Der globale Datenverkehr besteht zu 80 Prozent aus Video-Daten, die auf Servern gelagert werden. Und die verbrauchen große Mengen an Energie und verursachen im großen Stil klimaschädliche CO₂-Emissionen.

Von Joachim Göres

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