Montag , 5. Dezember 2022
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Der Russland-Experte Reiner Schwalb war auf Einlaung der Arbeitsgemeinschaft der Reserveroffiziere und der Gesellschaft für Sicherheitspolitik ins Lüneburger Casino der Theodor-Körner-Kaserne gekommen. (Foto: be)
Der Russland-Experte Reiner Schwalb war auf Einlaung der Arbeitsgemeinschaft der Reserveroffiziere und der Gesellschaft für Sicherheitspolitik ins Lüneburger Casino der Theodor-Körner-Kaserne gekommen. (Foto: be)

"Putin sieht die Nato als größte Bedrohung"

Der Angriff auf die Ukraine hat vor allem einen Grund: die Annäherung des Landes an den Westen. Russlands Präsident Wladimir Putin sieht die Nato als größte Bedrohung für sein Land an, sagt der Russland-Kenner Reiner Schwalb in einem Vortrag in Lüneburg.

Lüneburg. Ist Wladimir Putin Russlands ewiger Präsident? Mit dieser Frage war ein schon lange geplanter Vortrag des Russland-Experten Reiner Schwalb überschrieben. Der Krieg gegen die Ukraine hat dem Vortrag eine andere Richtung gegeben – und am Donnerstagabend für ein volles Casino der Theodor-Körner-Kaserne gesorgt. „Der Konflikt war vorprogrammiert“, betont Schwalb vor mehr als 80 Zuhörern.

Schwalb war von 2011 bis 2018 Militärattaché in Moskau, hat viele Reisen im Land unternommen – und ist heute ein gefragter Berater zum Thema Russland im Allgemeinen und Putin im Speziellen. Seiner Ansicht nach sah und sieht Putin die Nato als größte, permanente Bedrohung für Russland. Jede Nato-Annäherung an die „BUMAGA“-Staaten – so fasst der Experte die Länder Belarus, Ukraine, Moldawien, Aserbaidschan, Georgien und Armenien zusammen – seien für Putin eine Bedrohung.

Patriotismus spielt ein große Rolle

Der Russland-Kenner holt weit aus, um russisches Denken und Handeln zu erklären. Zum einen habe die Kirche einen großen Einfluss. Unter Putin wurde die Zusammenarbeit des Kreml mit der Russisch-Orthodoxen Kirche ausgebaut. Im Vordergrund steht dabei die patriotische Präsentation der Geschichte Russlands als Großmacht, die einer vom Westen dominierten Weltordnung entgegentritt. Pa-triotismus spielt eine zentrale Rolle im Vielvölkerstaat. Dieser Patriotismus ruht auf drei Säulen: dem Vaterländischen Krieg, also dem Krieg gegen Napoleon, dem Großen Vaterländischen Krieg, also dem Krieg gegen Hitler-Deutschland, und die Rolle Lenins. „Die beiden Kriege eint, dass Russland von vormals befreundeten Nationen angegriffen und fast besiegt worden ist“, sagt Schwalb. Das seien die Quellen, die das tiefe Misstrauen gegenüber dem Westen speisen. Auch Respekt spiele ein große Rolle. Respekt vor Russen, vor russischen Ansichten.

Viel Geld für nukleare Rüstung

„Respekt“, der auch mit Abschreckung erzielt wird: Von Russlands Verteidigungsetat fließen rund 20 Prozent in die nu-kleare Rüstung. Daneben setze der Kreml auch auf hybride Kriegsführung, auf den Einsatz von Söldnern und auf Geheimdienstaktionen. Insgesamt gelte aber der Grundsatz: Es ist viel billiger, gefährlicher zu erscheinen, als es zu sein.

Hohe Priorität für Russland habe nach wie vor die Absicherung der pazifischen Küste. Hier, gegenüber dem nordamerikanischen Kontinent, seien viele Kräfte und Nuklearwaffen konzentriert. Auch im islamisch geprägten Bereich Russlands gebe es viele Truppen – „aus Angst vor islamistischer Unterwanderung der islamischen Bevölkerung“. Und dann ist da natürlich noch Osteuropa – und die Nato. Putins Angriff auf die Ukraine sei insofern eine logische Folge. Allerdings dürfe nicht vergessen werden, dass Putin nicht allein handelt. „Es gibt eine Machtclique um ihn herum“ – aus Militärs, Geheimdienstlern und Oligarchen, gegen die der Kreml-Chef nicht agiert.

Wie lange der Krieg gegen die Ukraine dauert, sei offen. Der Westen, in diesem Fall die USA, sollte aber nicht auf diplomatische Initiativen verzichten und auch auf Putin zugehen. Schwalb kann sich ein „10 oder 15 Jahre langes Moratorium vorstellen, in dem die Nato keine weiteren Länder aufnimmt“. Das, betont er, sei eine vertrauensbildende Maßnahme. Ihn störe zudem, dass zu viel mit der Presse geredet wird. Er bevorzuge die Haltung Egon Bahrs. Der habe damals gesagt: Man muss mit Freunden offen reden – aber nicht öffentlich.

Großes Ungleichgewicht herrscht in Russland

„Wäre denn eine Ukraine in der EU ein Problem?“, will ein Zuhörer nach dem Vortrag wissen. „Ich denke, die EU wäre kein Problem. Das große Problem ist die Nato.“ Das stößt bei einem anderen Zuhörer auf Kritik. Seiner Meinung nach sieht Putin sich von der demokratischen Entwicklung in der Ukraine bedroht, befürchtet ein Überschwappen nach Russland. Das, betont Schwalb, meinen viele.

Doch Putin sehe seiner Meinung nach die Nato als die größte Gefahr. Allerdings geht Schwalb davon aus, dass die demokratischen Kräfte in Russland irgendwann die Oberhand gewinnen. Vielleicht nach der Ära Putin – wann immer sie auch enden wird. Dafür gebe es gute Gründe – zum Beispiel die großen Unterschiede im Land. Während 22 Millionen Russen unterhalb der absoluten Armutsgrenze leben und 29 Millionen nicht einmal über fließendes Wasser verfügen, wurden in Moskau allein zwischen 2011 und 2018 rund 20 Milliarden Euro ausgegeben – „für Verschönerungen“, also nicht für irgendwelche Infrastrukturmaßnahmen.

Von Werner Kolbe

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