Sonntag , 4. Dezember 2022
Anzeige
Sebastian Bezzel (v.), Ulrich Tukur und Karoline Herfurth spielen die Hauptrollen in dem investigativen Spielfilm „Bis zum letzten Tropfen“. Personen und Handlung seien frei erfunden, der Rest aber nicht, heißt es. Und manche Fakten erinnern an Lüneburg. (Foto: SWR/diwafilm/Jürgen Olczyk/Claudia Schlicht)
Sebastian Bezzel (v.), Ulrich Tukur und Karoline Herfurth spielen die Hauptrollen in dem investigativen Spielfilm „Bis zum letzten Tropfen“. Personen und Handlung seien frei erfunden, der Rest aber nicht, heißt es. Und manche Fakten erinnern an Lüneburg. (Foto: SWR/diwafilm/Jürgen Olczyk/Claudia Schlicht)

Lüneburgs Kampf ums Wasser

Lange und intensiv haben sich Bürger im Landkreis Lüneburg gegen einen weiteren Vio-Brunnen des Coca-Cola-Konzerns gestemmt. Und das Szenario, das die Fernseh-Doku „Bis zum letzten Tropfen“ und der gleichnamige Spielfilm zeichnen, bestätigt den Widerstand gegen die Bohrung.

Lüneburg. Die Lüneburger Region ist ganz vorne dabei beim Verlust der Wasserreserven, sowohl im Untergrund als auch an der Oberfläche. Das ist eines der Ergebnisse des Dokumentarfilms „Bis zum letzten Tropfen“, der am Mittwochabend in der ARD ausgestrahlt wird und bereits jetzt in der Mediathek zur Verfügung steht. Damit erscheint auch der zurückliegende Streit um den dritten Vio-Brunnen des Coca-Cola-Konzerns zwischen Reppenstedt und Lüneburg in einem neuen Licht. Die Ereignisse hat Filmemacher Daniel Harrich mit seinem Team auch in einem investigativen Spielfilm verarbeitet, der vor der Doku gesendet wird. Die Vorabpremiere des Spielfilms sorgte schon am Montagabend für ersten Diskussionsstoff im politischen Berlin. Es ist der Neubeginn einer Debatte über die lebenswichtige und auch hierzulande knapper werdende Ressource Wasser.

Konfliktlinie verläuft auch zwischen den Generationen

„Bis zum letzten Tropfen“ lautet auch der Titel des Spielfilms, der auf Harrichs Recherchen zurückgreift: In dem fiktiven Städtchen Lauterbronn will ein internationaler Getränkekonzern unter der Leitung von Rainer Gebhard (Ulrich Tukur) das heimische Tiefengrundwasser für die Mineralwasserproduktion abschöpfen. Es erinnert teilweise an die Pläne des Coca-Cola-Konzerns für den dritten Vio-Brunnen bei Lüneburg. Die Konfliktlinien verlaufen schließlich nicht nur zwischen Konzern, Bürgermeister Martin Sommer (Sebastian Bezzel) und Umweltaktivisten, sondern auch zwischen den Generationen. Über den wahren Kern berichtet im Anschluss die gleichnamige Dokumentation.

Zu Wort kommt in der Doku auch Lüneburgs damaliger Oberbürgermeister Ulrich Mädge, der sich auf Aussagen von Gutachtern berief, wonach die Ressource Wasser rund um Lüneburg „die nächsten 500 bis 600 Jahre sicher“ sei. Möglicherweise ein fataler Trugschluss. Denn Zweifel schürt die Doku auch mit Blick auf die bisherige Datenlage, die Basis für wasserrechtliche Genehmigungen in Niedersachsen ist. Als Referenz für die Bewirtschaftung der Wasservorkommen gelte immer noch der Zeitraum von 1961 bis 1990. Allerdings gibt es da bereits Bewegung, künftig sollen bei der Bewertung durch den Gewässerkundlichen Landesdienst verstärkt auch Prognosen über Klimafolgen einfließen (LZ berichtete). Zusätzlich aufhorchen lässt aber, was laut Harrichs Doku nun Satellitenauswertungen zutage gefördert haben.

Wasser im Umfang des Bodensees verloren

Seit 20 Jahren ist die Klein-Satelliten-Mission „Grace“ im Einsatz, ein Gemeinschaftsprojekt der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Die Mission dient dazu, das Erdgravitationsfeld und seine Veränderungen zu messen, und das lässt laut DLR auch Rückschlüsse auf den großflächigen Rückgang von Grundwasservorkommen zu. Eine Auswertung der Daten mit Blick auf Deutschland nahm für das Filmteam Jay Famiglietti vor, vom „Global Institute for Water Security“, der kanadischen Universität von Saskatchewan.

Laut Famiglietti sei Deutschland weltweit eine der Regionen mit dem größten Wasserverlust im Grund- und Oberflächenwasser, mit „zweieinhalb Gigatonnen pro Jahr“. Damit habe Deutschland in den vergangenen 20 Jahren Wasser im Umfang des Bodensees verloren. Und: „In der Region um Lüneburg gibt es ein besonders hohes Ausmaß an Wasserrückgang“.

Anlässlich der Vorpremiere des Spielfilms hatte am Montag die Linksfraktion im Bundestag eine Podiumsdiskussion ausgerichtet. Daran nahm online auch Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies teil. Mit den Satellitenergebnissen konfrontiert, sagte Lies: „Ich kenne die Daten nicht.“ Und: „Wir haben in der Region ein relativ präzises Monitoring.“ Die Daten müssten verglichen werden. Moderatorin BR-Journalistin Ilanit Spinner sprach indes von einem „Weckruf“.

Von Dennis Thomas

Kommentare

Sie wollen die Kommentare unter diesem Beitrag lesen und kommentieren?
Dann werden Sie LZ+-Abonnent. Informationen zum Digital-Abo der LZ finden Sie hier.