Sonntag , 4. Dezember 2022
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Auch der Pumpversuch für den dritten Vio-Brunnen bei Reppenstedt sorgte immer wieder für Proteste. Jetzt ist das Thema Gegenstand eines Spielfilm sowie einer Doku für die ARD. (Foto: A/be)

Umweltminister Lies: „Wir müssen sorgsamer mit Wasser umgehen“

Wie geht es unseren Grundwasserreserven? Darum ist eine neue Debatte entbrannt. Den Anstoß hat die ARD-Doku "Bis zum letzten Tropfen" gegeben mit teils dramatischen Zahlen über den Wasserrückgang rund um Lüneburg. Die LZ sprach mit Umweltminister Olaf Lies über die Konsequenzen.

Lüneburg. Die ARD-Doku „Bis zum letzten Tropfen“ von Daniel Harrich hat eine neue Debatte über unsere Grundwasserreserven angestoßen: Erstmals in der Form veröffentlichte Daten aus der Satelliten-Mission „Grace“ von NASA und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) zeigen, dass auch die Region Lüneburg in den vergangenen 20 Jahren dramatisch an Wassermasse verloren hat.

Allein rund um Lüneburg geht es um ein Volumen von mehr als 2,25 Millionen Kubikmeter Wassermasse, die über- und unterirdisch dauerhaft seit 2002 verloren gegangen sind. Im LZ-Interview bezieht Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) Stellung zu den neuen Erkenntnissen und spricht über notwendige Konsequenzen im Umgang mit dem kostbaren Allgemeingut Wasser.

Olaf Lies (Foto: t&w)

Herr Minister Lies, ausgewertete Daten der Grace-Mission von NASA und DLR legen nahe, dass Deutschland, und insbesondere auch die Lüneburger Region, in den vergangenen Jahren massiv an Wasser verloren hat. Welche Schlüsse ziehen Sie als Umweltminister daraus?

Olaf Lies: Wir schauen uns diese Ergebnisse natürlich ganz genau an. Da geht es auch um die Frage, in welchen Ebenen der Wasserverlust stattgefunden hat und was die Ursachen sind. Bei der Erstellung des Wasserversorgungskonzeptes Niedersachsen sind wir bereits dabei, Maßnahmen zu ergreifen. Aber wir haben nach bisherigen Erkenntnissen im Grunde nicht weniger Wasser als früher, aber es ist anders verteilt in Niedersachsen.

Unser System ist bisher darauf ausgelegt, dass Wasser in der Landschaft schnell weg muss. Ziel ist es bisher immer gewesen, das Wasser bei starkem Regen möglichst schnell durchs Land Richtung Meer zu leiten, um Überschwemmungen zu vermeiden. Was wir aber jetzt brauchen, ist der Umbau zu einer resilienten Struktur, wo für Wasserneubildung gesorgt wird, um unsere Reservoirs, die wir bisher hatten, wieder zu füllen, damit wir die Versorgung sicherstellen können.

Zur Versorgungssicherheit gehört auch, zu wissen, wie viel Wasser benötigt wird. Warum gibt es keine zentrale Datenbank, in der alle Wasserentnahmen erfasst werden, um zumindest den Verbrauch genau zu dokumentieren?

Da, wo es Wassergenehmigungen gibt, wissen die Landkreise als Untere Wasserbehörden, was erlaubt ist und wie viel entnommen wird. Und die achten auch sehr genau darauf, dass die Grenzen eingehalten werden. Was wir tatsächlich nicht kennen, ist beispielsweise die zusätzliche Wasserentnahme durch private Hausbrunnen, die keinem Antragsverfahren unterliegen.

Private Brunnenbohrungen bei Haus und Garten sind lediglich anzeigepflichtig und Wasserzähler sind dann oft nur ein vornehmer Gedanke. Wird sich da etwas ändern?

Das ist tatsächlich so. In vielen Neubaugebieten und manchen Regionen werden heute schon Vorgaben gemacht zum Bau von Zisternen, um Regenwasser zu speichern, damit das anstelle eines Brunnens genutzt wird. Die Frage wird eher sein, ob private Brunnen wegen des Grundwasserstandes in Zukunft überhaupt noch genutzt werden können. Da ist ein generelles Verbot von privaten Brunnen zwar der falsche Weg.

"Mit unserem wertvollen Grundwasser müssen wir sparsam umgehen" - Umweltminister Olaf Lies

Aber wir müssen schon genauer hingucken, welche Mengen da eigentlich entnommen werden und wie diese sich auf unseren Grundwasserspiegel auswirken. Aber es liegt immer auch beim Einzelnen: Mit unserem wertvollen Grundwasser müssen wir sparsam umgehen. Heute und in Zukunft noch mehr.

Sie sagen, die Unteren Wasserbehörden hätten die erlaubten Entnahmemengen im Blick. Die sind aber auch auf die Expertise des Gewässerkundlichen Landesdienstes angewiesen, was an Grundwasser überhaupt verfügbar ist. Der Landesdienst hat zwar ein großes, aber längst nicht umfassendes Messstellennetz und errechnet das verfügbare Grundwasserdargebot anhand von Modellen, die auf alten Zeitreihen beruhen. Und ein umfassendes, allgemeines Monitoring der Oberflächengewässer fehlt, um einen Gesamteindruck der vorhandenen Wassermengen im Naturhaushalt zu erhalten. Was kann das Land machen, um das zu verändern?

Ja, in unserem Wasserversorgungskonzept wird es auch um die Frage gehen müssen: Wo stehen welche Wassermengen zur Verfügung? Die ersten Gedanken zu dem Konzept sind entstanden unter dem Eindruck der Trockenjahre 2018, 2019 und 2020. Diese Zeit hat erstmals uns als Gesellschaft sehr deutlich gemacht, dass Wasser kein beliebiges Gut ist.

Das war gerade für uns in Niedersachsen eine neue Erfahrung. Daraus haben wir einen anderen Umgang mit wasserrechtlichen Erlaubnissen abgeleitet, verbunden mit der Frage: Können wir solche Erlaubnisse noch für eine Dauer von Jahrzehnten erteilen, wenn sich unter dem Klimawandel die Bedingungen ändern? Und dazu gehört auch, dass für diese wasserrechtlichen Erlaubnisse auch neue Gutachten erstellt werden müssen und auch die Aktualität der Daten immer wieder auf den Prüfstand muss.

"Wir müssen viel stärker die Worst Case-Szenarien im Zuge des Klimawandels betrachten" - Umweltminister Olaf Lies

Aber ich gebe zu, dass wir das vor allem auf die neuen Projekte projizieren. Wir müssen viel stärker die Worst Case-Szenarien im Zuge des Klimawandels betrachten, sollten noch viel mehr Trockenjahre aufeinander folgen.

Die ARD-Dokumentation und der investigative Spielfilm „Bis zum letzten Tropfen“ haben ein paar Schlaglichter darauf geworfen, wie Wassergenehmigungsverfahren für kommerzielle Zwecke ablaufen. An welcher Stelle haben Sie sich beim Ansehen der Filme ertappt gefühlt?

Der Spielfilm, der den Eindruck erweckt, am Ende gehe es nur ums große Geld, ist recht pauschal und spiegelt wahrlich hoffentlich nicht die Realität in unseren Landkreisen wider. Für Niedersachsen möchte ich das auf jeden Fall schonmal ausschließen. Aber eine solche Zuspitzung ist am Ende auch in Ordnung, um für das Thema zu sensibilisieren. Die Überzeichnung gehört dazu.

Und es wird auch mir deutlich, dass wir in der Vergangenheit unterschätzt haben, welche Auswirkungen der Klimawandel und die Klimafolgen auf unser Wasser haben. Daraus müssen wir lernen und die richtigen Schlüsse ziehen. Heutige Entscheidungen werden unter ganz anderen Gesichtspunkten getroffen werden müssen, als vor 20 oder 30 Jahren.

In der ARD-Doku wurde auch ein Blick geworfen auf die zurückliegende Diskussion um die Wasserentnahme von Coca-Cola bei Lüneburg. Die Debatte hatte auch den Landtag beschäftigt. Am Ende wurde die Wasserentnahmegebühr landesweit verdoppelt. Aber ist es angesichts der klimatischen Veränderungen überhaupt noch zeitgemäß, Gertränkeherstellern das Ausbeuten der allgemeinen Wasserreserven in der bisherigen Form zu erlauben?

Das ist eine spannende Frage. Ein Getränkeproduzent stellt immerhin noch ein Lebensmittel her. Gleichzeitig darf aber auch er das vorhandene Dargebot nicht überfrachten. Beispiele wie Vittel in Frankreich zeigen aber auch, welche Perversion das annehmen kann. Doch wenn wir Mineralwasserbrunnen verhindern, haben wir noch nicht das Problem gelöst.

"Können wir uns das erlauben, so mit dem Wasser umzugehen?" - Umweltminister Olaf Lies

Man wird sich auch in der Landwirtschaft fragen müssen, ob jede Form der Bewässerung möglich ist. Die Argumente sind die gleichen. Und auch bei der Industrie werden wir uns fragen müssen: Können wir uns das erlauben, so mit dem Wasser umzugehen? Und auch das eigene Nutzerverhalten muss sich ändern, damit wir sorgsamer mit Wasser umgehen. Die Diskussion, die wir in Lüneburg rund um den dritten Brunnen von Coca-Cola erlebt haben, sind nur ein Vorgeschmack auf die Debatten, die wir in Zukunft noch führen werden.

Werden Sie bezüglich des sparsameren Umgangs auch noch mal ihren Parteifreund und Hamburgs regierenden Bürgermeister Peter Tschentscher ins Gebet nehmen? Die Stadt Hamburg hat ja vom Kreis Harburg die Erlaubnis erhalten, 16,1 Millionen Kubikmeter Wasser in der Nordheide zu fördern. Damit deckt Hamburg zirka 13 Prozent seines Wasserbedarfs.

Natürlich muss die Botschaft sein, sparsam mit dem Grundwasser zu sein, egal auf welcher Seite der Landes- oder Kreisgrenze. Das gilt auch für Hamburg, genauso wie Bremen, die auch in Niedersachsen Wasser fördern. Mit Bremen haben wir auch eine sehr kontroverse Debatte darüber, ob sie für bestimmte Zwecke nicht vermehrt Weserwassser nutzen können.

Und grundsätzlich müssen wir auch länderübergreifend mit unseren wasserrechtlichen Erlaubnissen so konservativ und zurückhaltend sein, dass wir auch eine mehrjährige, trockene Phase so überstehen, dass am Ende noch genügend Wasser da ist. Wassermangel hört schließlich nicht an Ländergrenzen auf. Das ist eine Herausforderung für unser gesamtes Land.

Das Interview führte Dennis Thomas

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