Montag , 5. Dezember 2022
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2021 mähte und pflügte der Künstler Wolfgang Graemer auf dem Timeloberg die wohl größte Friedenstaube der Welt auf den Acker. (Foto: phs)

Gedenkfeier auf dem Timeloberg: “Erschreckend aktuell”

Einmal verhinderte die Pandemie die Gedenkfeier zum Weltkriegsende, einmal schränkte es sie ein. In diesem Jahr soll wieder in einem würdigen Rahmen an die Teilkapitulation auf dem Timeloberg gedacht werden. Leider in dem Bewusstsein, dass die Ära des Friedens in Europa vorbei ist.

Wendisch Evern. In der Zeitenwende des Ukrainekrieges rückt ein Wendepunkt der Geschichte aus dem Abseits des Vergessens: die Höhe 79 bei Wendisch Evern, auch Timeloberg genannt. Am 4. Mai jährt sich zum 77. Mal die Teilkapitulation der Wehrmacht in ganz Nordwesteuropa. Die Unterschriften in dem großen Armeezelt von Feldmarschall Bernard Law Montgomery besiegelten Jahrzehnte des Friedens für die Deutschen. Frieden, den viele im Laufe der Jahre für selbstverständlich hielten. Für so normal, dass Gedenkveranstaltungen zum Ende des Zweiten Weltkriegs als verknöcherte Rituale verunglimpft wurden. Birthe und Dirk Hagener war ein solches Denken immer fremd. Sie halten seit Jahren die Erinnerung in der Projektgruppe Timeloberg wach. Und sind jetzt schockiert, "dass unsere Gedenkveranstaltung eine so erschreckende Aktualität bekommt."

Jugendtreffen mit dänischen Schülern

Nachdem das Coronavirus, das kein Gespür für Geschichte hat, die Gedenkveranstaltungen 2020 verhindert und 2021 geschmälert hatte, sollen in gut fünf Wochen die Unterschriften, die den Frieden brachten, wieder angemessen gewürdigt werden. "Gerade, weil in Europa wieder Krieg geführt wird, ist es umso wichtiger, dies in einer öffentlichen Feier zu machen", sagt Birthe Hagener. Stolz sind sie und ihr Mann, dass die Feier eigentlich aus vier Feiern besteht: Ein Jugendtreffen vom 3. bis zum 6. Mai, bei dem Gymnasiasten der Herderschule gemeinsam mit dänischen Gymnasiasten der Schule Herning aus Mitteljütland den geschichtsträchtigen Boden rund um Lüneburg erkunden. Am Vorabend des Jahrestages können sich Interessierte zwischen 15 und 17 Uhr an der ehemaligen Villa Möllering in Häcklingen über die letzten Tage des Dritten Reiches in unserer Region informieren. Und ab etwa 21.30 Uhr präsentiert der Lichtkünstler Wolfgang Graemer auf dem Lüneburger Rathausplatz eine Lichtinszenierung mit Musik und Texten. Am 4. Mai wird auf dem Timeloberg von 18 bis 19.15 Uhr des Kriegsendes gedacht. Am Sonntag, den 8. Mai, folgt der traditionelle ZeitlosLauf mit Start am Timeloberg um 10 Uhr.

Teilkapitulation als Versuch, Menschen vor der Roten Armee zu retten

Froh ist Dr. Dirk Hagener über das Engagement der Jugendlichen bei der Gedenkveranstaltung. "Die Jüngeren kennen den Krieg nur aus den Nachrichten. Mit keiner Faser habe ich damit gerechnet, dass er uns mal wieder so nahe rücken würde."

Grund genug, sich daran zu erinnern, was vor 77 Jahren geschah. Am 1. Mai 1945 um 15.18 Uhr erreichte eine Meldung aus Berlin Großadmiral Karl Dönitz, der von Hitler zu seinem Nachfolger ernannt worden war: Hitler hatte Selbstmord begangen. Es gab keinen Grund mehr, die selbstmörderischen Endkampf-Vorgaben des Diktators durchzuführen. Dönitz entschied sich, möglichst viele Soldaten und Flüchtlinge der Rache der Roten Armee zu entziehen, mit den Westalliierten zu Teilkapitulationen zu gelangen und die Kapitulation gegenüber der Sowjetunion hinauszuzögern. Das Konzept ging nur zum Teil auf. Etwa auf Höhe 79, vor den Toren Lüneburgs. Generaladmiral Hans-Georg von Friedeburg unterzeichnete die bedingungslose Kapitulation der Deutschen in Nordwestdeutschland, Schleswig-Holstein, Dänemark und den Niederlanden. Um 18.20 Uhr setzte Montgomery seine Unterschrift darunter, der Oberbefehlshaber der 21. alliierten Heeresgruppe. Dabei hatte der Brite erkennen lassen, dass sich auch die Soldaten der gegen die Sowjets kämpfenden Weichselarmee einzeln den Briten ergeben durften und dass die Rettungsaktionen über See weiterlaufen könnten.

Gedenktag hat in den Niederlanden ein großes Gewicht

In Dänemark und den Niederlanden hat dieser Tag seit jeher ein großes Gewicht. In den Niederlanden wird am 4. Mai der Opfer des Krieges gedacht und an den darauffolgenden Tagen die Befreiung von den deutschen Besatzern gefeiert.

Bei der Feier am Timeloberg wird Christoph von Friedeburg, der Enkel des Generaladmirals, eine Rede halten. Ebenso der britische Militärattaché Simon Hirst.

Während bei unseren europäischen Nachbarn die Pflege der Erinnerungskultur an geschichtsträchtigen Orten normal ist, rutschte der Timeloberg immer wieder unter die Wahrnehmungsschwelle. Dirk Hagener hofft, dass sich das ändert: "Lüneburg könnte noch mehr Stolz für diesen Gedenkort entwickeln."

Von Joachim Zießler

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