Montag , 5. Dezember 2022
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Das Bild ist Teil einer Serie von 29 Fotos, die der Propagandakompanieoffizier Johannes Karl Härle gemacht hat und die der Öffentlichkeit bis zum Jahr 2000 unbekannt waren. (Foto: Wikimedia)

Deutschlands historische Verantwortung gegenüber der Ukraine

Was geht Deutschland die Ukraine an? Historisch eine Menge. Zwei Mal fielen deutsche Truppen in dem Land ein, hinterließen es verwüstet und leer. "Deutschlands Verantwortung, der Ukraine auf dem Weg nach Europa zu helfen, ist nicht kleiner als etwa gegenüber Polen", sagt der in Bardowick lebende, renommierte Militärhistoriker Prof. Michael Epkenhans.

Bardowick. Wladimir Putin nutzt die Geschichte als argumentativen Steinbruch, um seinen Eroberungsfeldzug zu begründen. Deutschland nutzte die Schuld, die es geschichtlich auf sich geladen hatte, lange, um sich wegzuducken, wenn Engagement gefragt war. "Dabei erwächst aus der Geschichte politische Verantwortung", betont der in Bardowick lebende Militärhistoriker Prof. Michael Epkenhans. Dazu muss man sie allerdings kennen.

Kaum präsent in der deutschen Erinnerung

"Die ukrainisch-deutsche Vergangenheit, die zweimalige Besetzung der Ukraine durch deutsche Truppen im 20. Jahrhundert, ist zu wenig präsent in der deutschen Erinnerungskultur", schrieb Epkenhans, bis 2021 Wissenschaftlicher Direktor des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam, knapp zwei Wochen vor dem Einfall Russlands im Nachbarland. "Dabei ist das Wissen darum wichtig, um zu begreifen, warum Deutschland eine historische Verantwortung für die Zukunft der Ukraine hat."

Zusammen mit Dr. Hans-Peter Bartels, dem Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages bis 2020, begründete der Historiker in der Zeitschrift "Deutscher Bundeswehrverband", "warum Deutschland der Ukraine auf ihrem steinigen Weg in die westliche Wertegemeinschaft" helfen muss.

Ukrainische Städte mit deutschen Schicksalen verknüpft

Die Städtenamen, die nun allabendlich im Fernsehen genannt werden, sind Teil vieler deutscher Familiengeschichten. Bei Lwiw, damals Lemberg, erlebte der spätere CSU-Chef Franz Josef Strauß als junger Leutnant Massaker an der jüdischen Bevölkerung.

Später wurde er, wie er in seinen posthum veröffentlichten „Erinnerungen“ berichtete, mehrere Tage Augenzeuge des mörderischen Wütens der „Einsatzgruppe D“, die in ukrainischen Wäldern Tausende „zusammengetriebene Juden, kommunistische Funktionäre, unschuldige Menschen“ vor Gruben erschoss, die sie zuvor selbst hatten ausheben müssen.

Epkenhans' Großvater, ein Bergmann, kämpfte im Ersten Weltkrieg als Reservist. Er wurde von Verdun abgezogen, um im Sommer 1916 in der Schlacht von Kowel (nördlich von Lemberg) die Offensive des zaristischen Generals Brussilow aufzuhalten. Im Zweiten Weltkrieg sollte er 1942 als Polizist nach Baku, um dort für „Ordnung“ bei der Ausbeutung der Ölfelder zu sorgen. Der Abbruch des Kaukasusfeldzuges bewahrte ihn davor.

Nicht aber vor dem Verlust der Heimat im oberschlesischen Hindenburg, als der verbrecherische Größenwahn der Nationalsozialisten in der Niederlage endete. "In dem Haus lebt heute eine polnische Familie", berichtet Epkenhans, "die ihre Heimat in Lemberg innerhalb eines Tages räumen mussten."

Der fatale Reichtum der Ukraine

Oft genug weckte der Reichtum der Ukraine Begehrlichkeiten. So schlossen das Deutsche Reich und seine Verbündeten am 8. Februar 1918 einen Sonderfrieden mit der Ukraine, "Brotfrieden" genannt. Weil Berlin hoffte, sich an Ernten, Erzen und Kohlevorkommen bedienen zu können. Ludendorff und die Oberste Heeresleitung träumten damals davon, die Hand auf der Krim zu behalten. Ein Traum, den Putin teilt.

1918 hatte sich das taumelnde Zarenreich nahezu kampflos aus der Ukraine zurückgezogen. 1941 hingegen fanden in der Ukraine die heftigsten Kämpfe statt. Epkenhans: "1944 glich das Land, durch das die Front vier Mal hin und her gerollt war, verbrannter Erde."

Ukraine zahlte einen hohen Blutzoll

Der Blutzoll war immens. Auf 6,5 bis 7,5 Millionen wird die Zahl der ukrainischen Kriegsopfer geschätzt. Darunter mehr als 1,5 Millionen ukrainische Juden, die erschossen wurden – wie die 33.000 in Babyn Yar bei Kiew und 25.000 bei Odessa. Eine Million Ukrainerinnen und Ukrainer wurden als Zwangsarbeiter ins Reich verschleppt.

"Die Wehrmacht hinterließ ein leeres, gespaltenes Land", sagt Epkenhans. Manche Regionen der Ukraine sind heute nur deswegen russischsprachig, weil der Kreml dorthin nach 1945 Russen umsiedelte, um die Produktion wieder hochzufahren.

Deutschland war fixiert auf Moskau

Gibt es einen blinden Fleck in der deutschen Erinnerung? Ging der deutsche Blick zu leicht über die mittel- und osteuropäischen Völker hinweg nach Moskau? "Das ist tatsächlich der Fall. Und das gilt nicht nur für die Ukraine, sondern auch für Weißrussland oder Kasachstan."

Können nicht berücksichtigte russische Sicherheitsinteressen den Feldzug erklären? "Nein", sagt der Historiker. "Russlands Sicherheitsinteressen wurden nach 1990 in vielen Verträgen berücksichtigt, die eine europäische Friedensordnung begründeten. Beide werden jetzt von russischen Panzerketten zermalmt."

Putin verfolge ein großrussisches Programm nationaler Wiedergeburt, angelehnte an Zar Alexander III., "dem Urbild eines Unterdrückers und Autokraten".

Zwei Wochen vor dem Überfall Russlands schrieb Epkenhans: "Auch die Ukraine mit ihren 44 Millionen Menschen ist heute ein Teil Europas. Ob sie frei bleibt, ist ungewiss. Sie sollte ihre Zukunft selbst bestimmen können." Und es gebe historisch gewichtige Gründe, damit Deutschland sie dabei unterstützt.

Von Joachim Zießler

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