Montag , 5. Dezember 2022
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Die Bahlburger Bürgerinitiative war vor dem Luhe-Gymnasium mit ihren Treckern aufgefahren. Die tourten zudem noch einmal durch die Winsener Innenstadt, um auf den Protest gegen das Endlager aufmerksam zu machen.

Bahlburg will in die Kategorie der “nicht geeigneten Standorte”

Der Salzstock Bahlburg wurde zu Beginn des Suchverfahrens nach einem Atommüll-Endlager als eines von insgesamt vier Teilgebieten zur Methodenentwicklung ausgerufen - allerdings geschah dies versehentlich durch einen BGE-Mitarbeiter in einer Online-Konferenz. Nun folgte die bereits zweite Infoveranstaltung - die noch mehr Fragen aufwarf, als sie beantwortete. 

Roydorf. Auf einmal ist Bahlburg in aller Munde. Olaf Lies, Umweltminister des Landes Niedersachsen, verwies darauf, dass aus Bahlburg der erste Aufschrei in der Diskussion um die neue Suche nach einem Atommüll-Endlager in Deutschland gekommen sei. Stefan Studt, Vorsitzender der Geschäftsführung der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), sprach von einer „nationalen Herausforderung“. Landrat Rainer Rempe forderte, dass beim Verfahren Gründlichkeit vor Schnelligkeit gehen müsse. Und Bahlburg mit seiner Bürgerinitiative gegen Atom-Endlager im Salzstock Bahlburg ist damit das erste gallische Dorf im hör- und sichtbaren Widerstand gegen das Ansinnen der BGE.

Montagabend fand die bereits zweite Informations-Veranstaltung zum Salzstock Bahlburg statt, der zu Beginn des Suchverfahrens als eines von insgesamt vier Teilgebieten zur Methodenentwicklung ausgerufen worden war. Dies allerdings geschah versehentlich durch einen BGE-Mitarbeiter in einer Online-Konferenz. Seither erlebt Bahlburg nicht nur die erhöhte Aufregung in den eigenen Reihen, sondern auch den seltsamen Charme ungewollter Prominenz.

Bundesgesellschaft geht den Bürgern entgegen

Rund 60 Zuhörer waren im Luhe-Gymnasium in Roydorf präsent, rund 220 Menschen sahen die Veranstaltung im Internet. Die erste Veranstaltung im vergangenen September in Garstedt war noch durchdrungen von demütigem mea culpa, das Steffen Kanitz, Mitglied der BGE-Geschäftsführung und zuständig für die Standortauswahl, entsandte, um die Wut von knapp 200 Einheimischen in Präsenz zu mildern.

Am Montag packte die BGE viele, im Prinzip zu viele Informationen auf den Tisch, ihre Experten legten sich ins Zeug, um auch die Detailfragen aus dem Plenum ausführlich und nachvollziehbar zu beantworten. Das Ergebnis war eine engagierte, vor allem aber sehr sachliche Diskussion.

Umweltminister Lies bohrte in der Wunde

Die BGE war Veranstalter, kam mit einem zehnköpfigen Technik-Team und einem Drei-Mann-Sicherheitsdienst, mit den Pressesprecherinnen, drei Experten und zwei Mitgliedern der dreiköpfigen Geschäftsführung nach Roydorf. Die Botschaft ist eindeutig: sucht kein Alibi, sondern demonstriert, dass die Ängste der Betroffenen ernst genommen werden.

Allerdings bohrte Olaf Lies noch einmal in der Wunde. „Hätte es den Versprecher nicht gegeben, dann weiß ich nicht, ob die BGE diese Info-Formate von sich aus gestartet hätte“, so der Umweltminister, der zugeschaltet worden war.

Mehr Fragen als vorher und wenig Neues

Auch Landrat Rainer Rempe sprach der BGE ins Gewissen: Transparent und nachvollziehbar müsse das Verfahren sein, um die Bürger mitzunehmen. Zustimmen konnte Rempe auch Winsens Bürgermeister André Wiese. Der bekannte, dass er nach all den Informationen nun mehr Fragen hätte, als vorher. Wolfgang Krause, Bürgermeister der Samtgemeinde Salzhausen, komplettierte im Luhe-Gymnasium das kommunale Trio, dass die BGE eine weiterhin kritische Begleitung des Verfahrens ankündigte.

Substanziell Neues gab es in den rund zweieinhalb Stunden, die sich in zwei Vorträge und zwei Fragerunden gliederten, letztlich nicht. Lisa Seidel, bei der BGE Bereichsleiterin Standortauswahl, erklärte, dass man sich in „Schritt zwei von Phase eins“ befinde. Man ermittele nun Standortregionen für die übertägige Erkundung, womit dann Phase zwei eingeleitet werde. Grundsätzlich zähle bis in Phase drei immer die höchstmögliche Sicherheit. Phase drei umfasst die untertägige Erkundung der Standorte.

Zusammengefasst: Die BGE sammelt reichlich Daten, wertet diese Daten aus und nimmt anhand dieser Daten eine Wertung in vier Schritten vor. Die insgesamt 90 Teilgebiete unterteilen sich in die Kategorien A bis D. Bahlburg will in Kategorie D. Darin versammeln sich die nicht geeigneten Standorte. Kategorie C bietet kaum geeignete Standorte, in B und A wird sich die engere Wahl finden. 2031 soll die Standortentscheidung fallen, darüber stimmt final der Bundestag ab. Die Betriebsaufnahme soll in 2050 starten, die Betriebszeit, in der der gesamte Atommüll der Republik unter die Erde kommen soll, wird mit etwa 40 Jahren angegeben.

Was Bahlburg im Fall der Fälle erwartet

Christian Grupp, Vorsitzender der Bahlburger Bürgerinitiative, skizzierte in seiner Rede, was das für den beschaulichen Winsener Ortsteil bedeuten würde. Für die gesamte Infrastruktur mit Bergwerk, Zwischenlager und strahlungssicheren Hallen zum Umfüllen der erwarteten rund 1900 Castoren brauche es enorm viel Platz. Er erinnerte an die Häufung der Leukämiefälle in der Elbmarsch und befürchtet „katastrophale Auswirkungen auf die Region“. Zudem stehe das Verfahren unter Zeitdruck und sei deshalb fehleranfällig.

Etwas überraschend zieht die Bürgerinitiative aus der Veranstaltung dieses Fazit: „Offensichtlich kein Endlager in Bahlburg“. Herangezogen wird dabei die Wahrscheinlichkeit von Hochwasser-Ereignissen in den nächsten 500 Jahren, bedingt durch den Klimawandel. So würde ein Endlager in einem Salzstock keinen Sinn machen. Ein BGE-Experte entgegnete, dass der Bahlburger Salzstock schon Hochwasser und auch Eiszeiten überstanden hätte und immer noch da sei.

Immerhin: Die Datenlage zum Salzstock ist mau. Zum Internbau gebe es keine klaren Daten, ebenso wenig könne man etwas zur Salzstruktur sagen, so Lisa Seidel. Neue Daten seien jetzt angefordert worden.

Weitere Veranstaltung in Bahlburg geplant

Die Bundesgesellschaft für Endlagerung will den Prozess der Standortsuche weiter transparent halten. Nach Bahlburg werde man mit einer weiteren Veranstaltung zurückkehren, kündigte Steffen Kanitz an. Der BGE zur Seite sprang am Ende Umweltminister Olaf Lies: „Die BGE, das sind wir“, stellte er klar. Die Gesellschaft gehöre zu hundert Prozent dem Bund und suche stellvertretend eine sichere Lösung für den angehäuften Atommüll. Das gehe alle an, so Lies.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.bge.de/endlagersuche sowie unter www.salzstock-bahlburg.de.

Von Björn Hansen

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