Dienstag , 6. Dezember 2022
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Am Landgericht Lüneburg wurde jetzt ein bemerkenswertes urteil gefällt. (Foto: be)

Wegen Schizophrenie nicht schuldfähig

Ist die Frau gefährlich? Diese Frage stand im Zentrum eines Prozesses vor dem Landgericht. Schließlich hatte die 67-Jährige mit einer Metallstange nach Nachbarn und einem Polizisten geschlagen. Doch am Ende des Verfahrens stand eben nicht die Unterbringung in der Psychiatrie.

Lüneburg/Winsen. Die 2. Große Strafkammer des Landgerichts Lüneburg hat jetzt ein bemerkenswertes Urteil gefällt: Eine 67 Jahre alte Winsenerin war Beschuldigte in einem Sicherungsverfahren. Sie war an einem Vormittag im März vergangenen Jahres in einem Mehrfamilienhaus, in dem sie selbst wohnt, ausgerastet. Aus Wut über vermeintlichen Baulärm stürmte sie mit der Metallstange eines Schirmständers durch das Haus, beschädigte Briefkästen und bedrohte Mitbewohner. Ein Nachbar konnte gerade rechtzeitig die Tür schließen, bevor die Frau ihn mit der Stange hat treffen können.

Die Polizei wurde alarmiert, während sich die Beschuldigte in ihre Wohnung zurückgezogen hatte. Auch die Beamten beleidigte sie, ein Polizist konnte einen Schlag gerade noch abwehren. Ein nicht unerhebliches Detail, denn so blieb es in der Anklage bei versuchter gefährlicher Körperverletzung. Die 67-Jährige war bereits seit 2017 durch eine Reihe von Bedrohungen, Körperverletzungen und Sachbeschädigung aufgefallen. Wie bei der jüngsten Eskalation soll sie angegeben haben, auf Gottes Befehl hin zu handeln.

Fremdgesteuert und damit nicht schuldfähig

Die Beschuldigte leidet seit einigen Jahren unter Schizophrenie, die immer wieder in Episoden auftrete. Die Frau ist in den Situationen fremdgesteuert und hat später vollkommen andere Erinnerungen an die Vorfälle. So geschahen die Taten im Zustand der Schuldunfähigkeit, weshalb kein Strafverfahren, sondern ein Sicherungsverfahren durch das Landgericht angestrengt worden war. Die entscheidende Frage: Stellt die 67-Jährige eine Gefahr für die Öffentlichkeit dar?

Der Sachverständige, ein Facharzt für Psychiatrie aus Lüneburg, legte dazu am zweiten Verhandlungstag ein Gutachten vor. Darin bestätigte er die Erkrankung an einer schizophrenen Psychose, die Beschuldigte leide genauer unter akustischen Halluzinationen, Ich-Störungen sowie Fremdgedanken und Wahnhaftigkeit. Diese hätte zu den „merkwürdigen und bizarren Aktionen“ geführt, die im Rahmen der Hauptverhandlung bekannt wurden. Das Fazit des Gutachters: Die Voraussetzungen für eine Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik seien gegeben, diese könne allerdings zur Bewährung ausgesetzt werden, auch weil die Frau nicht alkoholkrank sei.

Das Urteil setzt auf Rehabilitation

Dies ist eine äußerst seltene Komponente in Sicherungsverfahren. Die letzten rund sechs Monate hatte die 67-Jährige im Maßregelvollzug des psychiatrischen Klinik in Moringen verbracht, wo sich ihr Zustand deutlich verbessert hatte. Zudem machte sie deutlich, dass sie bereit sei, sich einer dauerhaften ambulanten Behandlung zu unterziehen. Auch zur Einnahme von Medikamenten sowie Arzt- und Kontrollterminen sei sie bereit.

Die Vorsitzende Richterin Dr. Lidia Mumm hatte die Entwicklung der Beschuldigten überzeugt. Sie hatte die 67-Jährige kurz nach der Tat in Moringen besucht und jetzt wiedergesehen. „Sie vor der Tat und nach der Tat, dass sind zwei verschiedene Menschen“, sagte Mumm zur Beschuldigten.

Unterbringung in Psychiatrie zur Bewährung ausgesetzt

In den vergangenen drei Wochen nach dem zweiten Verhandlungstag sind alle Vorbereitungen für eine Freilassung der Frau getroffen worden. Selbst der künftige Bewährungshelfer war bereits im Gerichtssaal dabei. Fehlte nur noch das Urteil. Verteidigung, Staatsanwaltschaft und Gericht waren einer Meinung: Für die 67 Jahre alte Frau wird zwar eine Unterbringung in der Psychiatrie angewiesen, allerdings wird diese ausgesetzt zur Bewährung.

Sie steht zudem für fünf Jahre unter Führungs- und Bewährungsaufsicht. Verstößt sie in dieser Zeit gegen die Auflagen, ist dies als Straftat zu werten, die Bewährung müsste widerrufen werden. Erstes Vorhaben in Freiheit soll ein Wohnungswechsel sein. Die Familie will helfen.

Von Björn Hansen

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